Mit der Festnahme von Radovan Karadzic hat Serbien einen wichtigen Schritt in Richtung EU gemacht, sagt Hans Koschnick, früherer EU-Beauftragter in Bosnien-Herzegowina, im stern.de-Interview. Doch erst wenn auch Ex-Armeeführer Ratko Mladic gefasst sei, werde ein Beitritt möglich. Ihn zu fassen, sei aber um einiges schwieriger.

Radovan Karadzic und sein Armeeführer Ratko Mladic im Jahr 1995© Reuters
Die Frage ist, wie stark die internationale Gemeinschaft vorher wirklich daran interessiert war, ihn zu inhaftieren. Ich habe das ungute Gefühl, dass es damals den Wunsch gab: Am besten fährt Karadzic gegen einen großen Baum, ist tot und kann nicht reden. Man musste ja befürchten, dass er eine Menge sagt über Entwicklungen, an denen auch andere beteiligt waren. Und da wäre es besser, wenn ein solcher Kronzeuge tot wäre. Das wäre natürlich für die Opfer nicht gut gewesen - aber für die, die damals in dem Geschäft mitgemischt haben.
In den letzten Jahren wurde die Suche ernsthafter. Aber es gab eben auch sehr viele in Serbien, die kein Interesse daran hatten, dass er gefunden wird. Denn sie sehen in ihm immer noch einen Kriegshelden, der für die großserbische Idee eingetreten ist.
Ich hoffe es, sicher bin ich nicht. Im Gegensatz zu Karadzic war Mladic ein Mann des jugoslawischen und serbischen Militärs. Dort gibt es eben viele alte Kameraden, die ihren Freund von früher nicht verraten. Mladic zu fangen ist noch schwieriger als Karadzic zu fangen.
Davon bin ich überzeugt, falls die jetzige Regierung bleibt. Es ist nicht ganz sicher, ob die Anhänger des früheren serbischen Präsidenten, Slobodan Milosevic, in der Regierung diesen Weg mitgehen. Jedenfalls hat der serbische Präsident Boris Tadic meiner Meinung nach die richtige Entscheidung getroffen, Karadzic jetzt gefangen zu nehmen.
Davon bin ich überzeugt.
Ob Tadic wusste, wo Karadzic ist, weiß ich nicht. Aber wo man ihn finden konnte, das wusste er wohl. Aber Karadzic war ja sehr gut gesichert durch die alten Freunde von gestern.
Das ist schwer zu sagen, weil in der jetzigen Regierung auch alte Freunde von Milosevic sitzen. Die haben sich damals hinter Karadzic gestellt - mit der Aussage: Er wollte ja nur Großserbien, er war ja gar nicht bösartig. Und die müssen sich jetzt entscheiden, ob sie den Weg nach Europa mitgehen wollen. Wenn sie das nicht wollen, wird die Regierung scheitern. Aber das hat dann nichts mehr mit Karadzic zu tun.
Ganz sicher ist das ein ganz entscheidender Schritt hin zur EU. Aber es bedeutet auch, dass es im Lande selbst noch große Auseinandersetzung geben wird, denn er war für viele sozusagen einer der Ihrigen.
Nein, so lange Armeeführer Mladic noch nicht gefasst ist, ist ein Beitritt nicht möglich. Die Festnahme von Karadzic und Mladic ist ganz entscheidend dafür, dass sich die Opfer in Bosnien-Herzegowina beruhigen können. Auch die Kroaten und viele Serben hatten das schreckliche Gefühl, dass die eigentlichen Verantwortlichen für die schrecklichen Untaten davon kommen.
Es hätte auf absehbare Zeit keine Normalisierung geben können, wenn so viele Täter frei rumlaufen können, während die Opfer mit ihrem Leid leben müssen. Für mich ist es ein wichtiger Schritt zur inneren Beruhigung der Menschen in dieser Region.
Ja, aber das muss man verstehen. Nach dem, was dort passiert ist, wird man nicht nach ein paar Jahren sagen können: Strich drunter, wir fangen von vorne an. Die Erinnerung bleibt und die Frage ist, ob man bereit ist, sich von der Erinnerung zu lösen und was gemeinsames Neues zu machen. Das ist eine Frage, die zunächst einmal an die Opfer zu richten ist. Und deren Leid muss gesehen werden und deren Schmerzen müssen beachtet werden.
Einen ganz entscheidenden Stellenwert für den Balkan, aber ich befürchte, es ist nicht so prägend für Europa oder Amerika. Und dennoch: Wenn wir anfangen, für die Geschäfte von morgen all das zu verdrängen, was gestern geschehen ist, wird es keinen neuen ehrlichen Anfang geben. Und ohne ehrlichen Anfang wird es keine Perspektive für den Frieden geben.
Interview: Ulrike Klode
Zur Person Der ehemalige Bremer Bürgermeister Hans Koschnick (SPD), 79, war als EU-Administrator von 1994 bis 1996 in der Stadt Mostar in Bosnien-Herzegowina, um dort den Wiederaufbau zu koordinieren. Von 1998 bis 1999 war er Beauftragter der deutschen Bundesregierung für die Flüchtlingsrückkehr in Bosnien und in Herzegowina.