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29. Februar 2008, 16:27 Uhr

Das Skalpell der SS

Der erfolgreichste Maler der Gegenwart, Gerhard Richter, stellt sich in einer Ausstellung vor seinen Schwiegervater, der für Hitlers Rassenpolitik Hunderte von Zwangssterilisationen verantwortete. Verdrängung, die zum Skandal wird.

SPDler Michael Naumann beschwert sich, Kurt Beck hätte ihn in Hamburg bei der Wahl einige Stimmen gekostet© Fabian Bimmer/ AP

Die Parteien proben den Ausbruch aus der Patt-Republik. Aber kann der gelingen? Zunächst einmal zu Michael Naumann, der sich nun in einem Brief an Kurt Beck auch noch schriftlich darüber beklagt hat, dass ihn die Beck’sche Wende einige Prozente bei der Wahl in Hamburg gekostet habe. Ich halte das für ein Ablenkungsmanöver vom eigenen Versagen Naumanns – vor allem von seinem Blackout beim Fernsehduell mit Ole von Beust. "Jetzt haben Sie die Wahl gewonnen", hat Naumann anschließend zu Beust gesagt. Ein ehrlicher Satz, aber nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Kurt Beck liegt im Moment am Boden, sich an ihm auch noch die Schuhe abzuputzen, ist einfach schlechter Stil. Naumann ergreift die günstige Gelegenheit, eine Geschichtslegende in die Welt zu setzen: Eigentlich habe er ja gewonnen, aber ein anderer, der eigene Parteivorsitzende, sei ihm in den Rücken gefallen. Eine hanseatische Dolchstoßlegende. Eigentlich ganz unhanseatisch. Unfein. Naumann kann offenbar nicht verlieren.

Dann ein Wort zur "Bild"-Zeitung, die einen Aufstand gegen Beck entdeckt haben will und als Kronzeugen Hans Apel und Hermann Rappe ins Feld geführt hat. Das sind politische Exhumierungen, die beiden haben in der SPD überhaupt nichts mehr zu bestellen. "Bild" hat in Hessen Roland Koch auf seine fatale Kampagne um kriminelle ausländische Jugendliche gehoben, jetzt versucht sie mit Macht, seinen Sturz durch Andrea Ypsilanti zu verhindern. Auch das ein durchsichtiges Manöver. Aber offenbar für einige, auch in der SPD, noch nicht durchsichtig genug, um sich davon nicht beeindrucken zu lassen.

Strategie-Wechsel ist richtig

Gibt es einen Aufstand gegen Beck? Ich glaube nicht - wenn auch viele Anzeichen für ein schweres Rumoren in der Partei zu beobachten sind, weil die engere Führung nicht in den Strategiewechsel eingeweiht war, und weil ihn Beck bis heute nicht offen und offensiv begründet hat. In der Sache halte ich diesen Strategie-Wechsel für richtig. Das Berührungsverbot gegenüber der Linken im Westen war falsch und musste gekippt werden.

Was ist eigentlich so schrecklich an der Links-Partei? Sind das "Kommunisten", wie Roland Koch und die Hessen-CDU heute noch tönen? Die Linke fordert die Rückkehr zur alten Rentenformel. Die galt in der Bundesrepublik Deutschland noch bis in die 90er Jahre hinein. Kommunistisch? Bloß nicht finanzierbar.

Die Linke fordert den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Kommunistisch? Das will auch eine Mehrheit der Deutschen. Und von Helmut Schmidt wird der Spruch kolportiert, die Bundeswehr hätte nach der ersten freien Wahl in Afghanistan eine Siegesparade am Präsidenten vorbei abhalten sollen – und dann gleich weiter marschieren sollen zum Flughafen. Und ab, nach Hause! Helmut Schmidt, der bekannte Kommunist...

Nicht kommunistisch - legitim!

Dann die Forderung, Hartz IV rückgängig zu machen. Wir erinnern uns doch: Jürgen Rüttgers, der CDU-Vize und Arbeiterführer im Ruhrgebiet, hat einst eine General-Revision von Hartz IV verlangt. Rüttgers, ein Kommunist? Nicht koalitionsfähig? Alles das ist nicht kommunistisch, sondern im heutigen Parteienspektrum links-sozialdemokratisch, vollkommen gedeckt vom Verfassungsbogen. Das darf man fordern. Das ist legitim. Aber darauf muss man politisch antworten, nicht durch Ausgrenzung.

Es ist ein Fehler, sich im Fünf-Parteien-System, das neue Flexibilität verlangt, selbst die Türen zuzumauern. Die Grünen müssen sich mit der Frage beschäftigen: Lassen sie sich mit der CDU ein? Die Union muss sich mit der Frage beschäftigen: Lässt sie sich mit den Grünen ein? Man stelle sich vor, Ole von Beust verzichtet in Hamburg auf den Bau eines Kohlekraftwerks – was wird dann wohl der Wirtschaftsflügel der CDU dazu sagen? Die FDP muss sich mit der Frage beschäftigen, ob sie sich mit der SPD einlässt. Und die SPD natürlich, wie sie ihr Verhältnis zur Linken neu regelt. Das wird in allen Parteien zu heftigen internen Verwerfungen führen, im Übrigen auch zu Wanderungen jeweils enttäuschter Wähler. Aber: Daran führt kein Weg vorbei, denn ansonsten wäre das Fünf-Parteien-System gelähmt und wir würden überall von großen Koalitionen regiert. Davor bewahre uns der Himmel!

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 15/2008

Hans-Ulrich Jörges

Hans-Ulrich Jörges Hans-Ulrich Jörges ist Mitglied der Chefredaktion des stern und Autor der wöchentlichen stern-Kolumne "Zwischenruf aus Berlin."

Foto: Karin Rocholl

 
 
KOMMENTARE (10 von 16)
 
awroettger (03.03.2008, 14:21 Uhr)
Ganz gut beschrieben!
Herr Jörges ist wieder kritischer gegenüber der gängigen Politik geworden? Wäre jedenfalls schön.
Bis auf den Hinweis der angeblichen Unfinanzierbarkeit der alten Rentenformel, der im Übrigen, will man der Argumentation folgen, die dann noch erheblich unfinanzierbarere Privatrente samt derer staatlichen Subventionen unterschlägt, wirklich sehr lesenswert.
Den Zirkus, den die meisten Medien samt Politikern in ihren Elfenbeintürmchen derzeit in Bezug auf die Linkspartei veranstalten, nimmt in der Gesellschaft doch ohnehin kaum einer ernst. Ein gut Teil der Bevölkerung hat sich eben für diese Partei entschieden, und es wäre höchst undemokratisch, dies zu ignorieren - nur weil man sich in seiner Agenda-Politik gestört fühlt...
drkosel (01.03.2008, 19:52 Uhr)
Naumann hat das Schiesspulver sicher nicht erfunden,
jetzt Beck für die Folgen seines "black out" verantwortlich zu machen, ist nicht die feine englische Art, gelinde gesagt.Clement,Steinbrück, Schily lassen grüßen ).Jedenfalls sind Beck`s Antennen für die Zukunft einer wieder politisch bestimmenden SPD besser ausgerichtet, als dieser Schöngeist (im falschen Film ,seine Kandidatur betreffend) zu erkennen vermag.
Reality (01.03.2008, 19:27 Uhr)
Guter Kommentar -
Herr Jörges.!
In unserer Presselandschaft, von Chefredakteuren eher selten geworden, solche mutigen Worte.
Würde ich mir auch von anderen deutschen Blättern wünschen.!
Es wäre der Pressefreiheit nur zuträglich und würde den Eindruck stärken, daß es noch Redakteure gibt die sich trauen zu sagen was Fakt ist.
sophisticated (01.03.2008, 11:16 Uhr)
@talkingkraut
Man soll die Linke ausgrenzen, weil es die alte SED ist? Dann hätten wir in den Jahrzehnten nach dem 2.WK auch die CSU/CDU ausgrenzen müssen, weil dort nachweislich viele ehemalige Nazis Mitglied waren!
Die Linke besteht aus einem Teil Kommunisten und früherer SED (das ist richtig), zu einem esentiellen Teil aber auch aus sozial engagierten ehemaligen SPD-Mitgliedern, die die Agenda 2010 des Sunnyboys Schröder nicht mittragen konnten.
Wenn es jetzt eine neue Kooperation zwischen der Linken und der SPD gibt, dann wächst wieder zusammen, was unter Schröder auseinanderdriften mußte.
ganzbaf (01.03.2008, 08:49 Uhr)
So ein Dummfug:
Die Linke ist Fleisch der SPD, die pol. immer von Links bis zur Mitte stand und erst unter Schröder und Co. über die Mitte ins rechte CDU-Lager geriet!
Bei den Linken handelt es sich nicht um Terroristen, Stalinisten oder "die SED", sondern um eine grundgesetzkonforme Strömung, die dort Platz gegriffen hat, wo die SPD Felder politisch hat brachliegen lassen! Selber Schuld Dummkopf, kann man da nur in Richtung SPD sagen! Die jetzt langsam beginnt sich zurückzuorientieren.
.
Wenn sie selbst wieder überzeugende Links-bis-Mitte-Politik anbietet, und Parteiverräter wie Clement und Schröder ausschließt, kann sich das Phänomen "Linkspartei" aber auch wieder erübrigen, irgendwann. Aber die Suppe hat man sich ganz alleine eingebrockt, da man einfach zu viel rückgratlose Flachpfeifen wie Schröder in Machtposition kommen ließ.
talkingkraut (01.03.2008, 00:26 Uhr)
Man muss Die Linke ausgrenzen
Eine Partei, die sich nicht von dem verbrecherischen Regime, das sie in der DDR ausübte, distanziert, sondern nur vom Stalinismus - davon musste sich die SED schon 1956 distanzieren - hat im demokratischen Spektrum nichts verloren. Eine solche Partei betreibt die Verhöhnung ihrer Opfer. Dass die unter dem Namen die Linke antretende SED keine demokratische Partei ist, hat man doch im Vorfeld der Hamburgwahl gesehen, als der Stern versuchte Stellungnahmen einzelner ihrer Kandidaten für die Hamburger Bürgerschaft einzuholen und keiner dieser Kandidaten dem Stern auch nur irgendetwas sagen durfte. Die demokratischen Parteien müssen die SED ausgrenzen. Das ist der einzig richtige Umgang mit diesen Antidemokraten, denn eine Demokratie muss wehrhaft sein.
lbm1958 (29.02.2008, 21:57 Uhr)
besser kann man es nicht schreiben
Super Beitrag, danke
drkosel (29.02.2008, 21:46 Uhr)
Heuchelei
Yps und Naumann ignorieren den Wählerwillen. Linke Mehrheiten sind nicht nur im Bund Realität. In Hamburg und Hessen sind die politischen Schnittmengen größerals mit den anderen Parteien.Politisch unglaubwürdig wird die Linksmehrheit wohl nicht gewollt!
Stehen die eigenen Pfründe auf dem Spiel!
Die Linke: "weg mit der Selbstbedienungsmentalität bei den Diäten und Luxuspensionen,wieder rauf mit dem Spitzensteuersatz, Schluß mit denungehörigen Lobby-Nebeneinkünften usw.
Da sind mir Lafontaine und Gysi glaubwürdiger als das Partei- übergreifende Politikerkartell, das alles schön beim Alten lassen möchte!
Intercity (29.02.2008, 18:48 Uhr)
Analyse von Jörges
Hoffentlich bleibt Jörges in Zukunft auch weiterhin so distanziert zu den Parteien. Sein Kommentar ist erfrischend und bedenkenswert.
Warum soll in einem Bundesland nicht die Linke mit in die Verantwortung genommen werden? In MeckPom z.B. wurde sie schnell von der Wirklichkeit eingeholt, entzaubert und später von vielen nicht wieder gewählt. Vor der Wahl kann sich heutzutage keine große Partei festlegen, sonst wählen immer etliche ihrer Anhänger die jeweilig "Kleine", um sie ganz sicher über die 5% zu bekommen. Die Wirklichkeit ist viel unaufgeregter als viele glauben.
Und Thema Lüge: Koch hat hinsichtlich der ehemaligen Spenden-Affäre m.E. noch mehr gelogen als alle Wahlversprecher (innen) aller Parteien zusmmen.
manesse (29.02.2008, 18:43 Uhr)
@erstrecht
Ich finde auch, man soll den Beck mal machen lassen. Ich hoffe auch, dass er als Kanzlerkandidat antritt. Dann kann sich die SPD endlich rundum erneuern und zwar in der Opposition.
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