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7. Juni 2007, 15:17 Uhr

Die Toten im Zuckerrohrfeld

Eines der großen Themen des G-8-Gipfels war die Not in Afrika. Bestsellerautor Henning Mankell reiste für den stern durch den Kontinent und beschreibt, wie ihn das Elend der Menschen und ihr Kampf gegen die Seuche Aids berühren. Ein Hilferuf in sechs Kapiteln. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt

Autor Hennung Mankell© PEP BONET

1. Der erste Mensch, den ich an Aids sterben sah, war ein junger Afrikaner in dem entlegenen Ort Kabompo, hoch oben in der nordwestlichen Ecke von Sambia, nicht weit von der Grenze zu Angola. Er stieg aus einem Bus, der ihn den weiten Weg von der Hauptstadt Lusaka zurückgebracht hatte. Jetzt sollte er sterben. Er sank vor dem Bus zu Boden, ausgemergelt, entkräftet. Es war im Herbst 1986. Ich erinnere mich noch, dass seine Mutter und einige Geschwister ihn mit einer Schubkarre nach Hause fuhren, deren Gummirad keine Luft hatte. Es war wie das Fragment eines Höllengemäldes von Breughel.Vor einigen Monaten reiste ich nach Afrika mit dem Gefühl, mir etwas Unmögliches vorgenommen zu haben. Ich wollte über Aids schreiben. Doch wie konnte ich über die Aids-Katastrophe in Afrika südlich der Sahara schreiben, ohne dass die Menschen die Seiten überschlugen? Wie konnten Peps Bilder und mein Text Leser fesseln, die am liebsten nichts mehr wissen wollen? Die all der ausgemergelten, sterbenden Menschen, all der überfüllten Friedhöfe überdrüssig sind, all dieser verlassenen Kinder, deren Eltern gestorben sind?

Die Aids-Katastrophe liegt in unserer Verantwortung

Es gibt zwei Voraussetzungen für unsere Solidarität: Die erste ist die Kenntnis dessen, was geschieht. Die zweite ist die Einsicht, dass auch das, was in fernen Ländern geschieht, uns angeht. Wir müssen uns entscheiden, trotz allem das, was wir sehen, zu sehen, und es wagen, uns ihm zu stellen. Die Aids-Katastrophe liegt in unser aller Verantwortung, auch wenn wir Westeuropäer kaum mehr an dieser Krankheit sterben. Aber das Wort und der Begriff Solidarität weckt heute bei vielen Menschen Zweifel. Das Ausmaß der Aids-Katastrophe ist so schwindelerregend, dass viele sich nur noch abwenden können. Vielleicht werfen sie ein paar Euro in eine Sammelbüchse. Aber zu mehr reicht es kaum noch. Mit den Gedanken an sie begann meine Reise. Und mit dem Bild in meiner Erinnerung: der junge Mann, der mit einer Schubkarre weggefahren wurde, deren Gummireifen platt war.

2. Ich erkenne, dass diese Reise auch von mir selbst handelt. Wie hat sich mein Bewusstsein in Bezug auf diese Seuche in all den Jahren, die ich in Afrika gelebt habe, verändert? Wie haben mich all die Menschen, die ich vorzeitig sterben gesehen habe, beeinflusst? Wann hörte ich zum ersten Mal von Aids? Es muss um 1983 gewesen sein. Damals war noch alles unklar. Menschen erkrankten auf seltsame Weise: hauptsächlich - so schien es damals - homosexuelle Männer. Die neue Pest, die über uns gekommen war, hatte etwas Erschreckendes, Schleichendes. Zunächst sprach niemand von Afrika. Später zeigte sich die schreckliche Wahrheit: Ein Virus war in der menschlichen Arena aufgetreten, dessen Eigenschaften Ärzte und Forscher frösteln ließ. Es handelte sich um ein Virus, das sich mit unseren Genen vereinigte und deshalb kaum zu besiegen war. Ein Virus mit überlegenen Strategien, sich zu verstecken und sich zu verändern. Und als Nebenwirkung tötete dieses Virus langsam sein Wirtstier, den Menschen. Die Krankheit begann, Gesichter zu bekommen. Aus dem bedrückenden Album meiner Erinnerungen wähle ich hier das schöne mosambikanische Mädchen Rosa, das mit 17 Jahren starb. Da war Rosa nicht mehr schön. Ausgemergelt, von Wunden übersät, lag sie auf einer Bastmatte auf dem Fußboden, eine Kerze neben sich, und sollte bald sterben. Es war das letzte Mal, dass ich sie sah. Ihre Verzweiflung war stumm, meine ebenso. Ich weinte, als ich sie damals verließ. Hauptsächlich vor Zorn. Denn die schöne Rosa hatte nie eine Chance gehabt. Sie war Analphabetin, und arm. Undenkbar, dass sie jemals von Virus- Blockern auch nur gehört hatte. Bestenfalls hätte ihr ein Aspirin gegeben werden können. Sie starb.

Der schwarze Fluss durchströmt mich

Wie steht es um meine eigene Verantwortung? Die Verantwortung eines Menschen, der mehr weiß. Tue ich, was ich kann, oder tue ich zu wenig? Ich glaube, man kann diese Fragen damit beantworten, dass man zwei Gesetze formuliert: "Wie viel wir auch tun in Bezug auf die Aidsfrage, es wird immer zu wenig sein." "Wie viel wir auch tun, wir werden es immer zu spät tun." In Josef Conrads Roman "Herz der Finsternis" reist die Hauptperson einen dunklen afrikanischen Fluss aufwärts, einem unbekannten Landesinneren entgegen. Ich habe das Gefühl, dass dieser schwarze Fluss gerade jetzt durch mich strömt.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 23/2007

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