Hillary Clinton wird heute den Kampf um die Nominierung ihrer Partei zur US-Präsidentschaftskandidatin offiziell beenden. Sie war zwar die Klügste und Härteste. Aber sie ist nicht in erster Linie an ihrem Konkurrenten Barack Obama gescheitert, sondern an den eigenen Fehlern und weil sie zwei Männer falsch eingeschätzt hat. Ein politischer Nachruf von Jan Christoph Wiechmann, Washington

Hillary Clinton hat es nicht geschafft, ihr Konkurrent Barack Obama wird US-Präsidentschaftskandidat der Demokraten© Reuters
In den Tagen ihrer schwersten Niederlage erhält Hillary Clinton so viel Lob wie selten zuvor in ihrer politischen Karriere. Barack Obama preist artig ihre historische Kandidatur und die Demokratische Partei ihren unermesslichen Beitrag für Amerikas Frauen. John McCain lobt ihr Beharrungsvermögen, und selbst ihre größten Feinde in den konservativen Talkshows bewundern den "Kampfeswillen einer Löwin". Für Millionen ihrer eigenen Anhänger ist sie spätestens seit diesem Samstag eine Märtyrerin, eine Evita der Neuzeit, die Anwältin der Schwachen und Unterdrückten.
In der Tat lieferte Hillary Clinton auf den ersten Blick einen starken Wahlkampf, in dem sie von Tag zu Tag besser wurde. Sie mobilisierte Millionen Frauen, sie gewann die wichtigen "Swing States" Ohio, Pennsylvania, Florida, New Mexico und schlug immer dann zurück, wenn alle Experten das "Comeback Girl" wieder mal abgeschrieben hatten. Hätte Hillary Clinton das Rennen gegen Obama gewonnen, wäre sie jetzt die klare Favoritin gegen John McCain bei den Wahlen im November.
Aber sie gewann nicht. Sie ging als große Favoritin ins Rennen und verlor. Sie hatte in den Umfragen bis zu 30 Prozent Vorsprung - und scheiterte. Sie verlor - in Zeiten zweier Kriege - gegen den jüngsten und unerfahrensten Kandidaten im Feld, gegen einen Mann mit der außenpolitischen Erfahrung eines Politnovizen. Gemessen an ihren eigenen Ansprüchen erlebte Hillary Clinton ein politisches Debakel.
Sicher, sie hatte es mit sexistischen Angriffen zu tun, und - was schwerer wiegt - mit obamaverliebten Medien, die zu seinen größten Fans wurden. Doch Hillary Clinton scheiterte nicht am Sexismus oder CNN oder an diesem politischen Jahrhunderttalent aus Chicago, sondern an sich selbst. Die Niederlage war vermeidbar. Die Schuld trägt in erster Linie sie selbst. Sie hat Obama kläglich unterschätzt. Sie hatte ein eher mäßiges, zerstrittenes Wahlkampfteam. Und sie, die immer damit warb, von Tag 1 bereit zu sein für den härtesten Job der Welt, machte von Tag 1 an eine Reihe strategische Fehler, die sie keinem ihrer Mitarbeiter je verzeihen würde.
Es begann gleich am Anfang: Noch bevor Barack Obama und Hillary Clinton vor 17 Monaten ihre Kandidatur verkündeten, erhielt ihr Mann Bill einen Anruf von Mark Buell, einem der größten Unterstützer der Clintons. "Ihr wisst, Obama tritt auch an", sagte Buell dem Präsidenten, "ich habe es gerade von ihm selbst erfahren." "Obama ist nicht unser Problem", antwortete Clinton. "Unser Hauptgegner wird Edwards sein."
So sahen die Clintons das Rennen von Anfang an: Obama war hochtalentiert, aber zu jung. Inspirierend, aber ohne Substanz. Ein Leichtgewicht in Zeiten des Krieges. Einer, der den Vorwahlkampf als Trainingslauf begreifen würde für 2016 oder 2020.
Im Rückblick wundern sich Mark Buell und andere Clinton-Unterstützer über die Naivität der angeblich größten Politprofis der vergangenen zwei Jahrzehnte. Noch im Januar 2008, nach der Niederlage in Iowa, erklärte Hillary ihrem Freund Buell gegenüber, dass ihre Strategie weiterhin nicht darauf ausgerichtet sei, Obama zu schlagen, sondern McCain im November. Von Anfang an zielte ihr Wahlkampf auf den Sieg gegen die Republikaner, als habe sie die Vorwahlen schon in der Tasche. Sie wollte die Präsidentschaftswahl - wie einst ihr Ehemann - im politischen Zentrum gewinnen. An das Herz der Partei dachte sie dabei nicht.
Im Herbst 2007, als die heiße Phase begann, wirkte Hillary zwar souverän, sie eckte nicht an, machte keine Fehler, doch ein Funke der Begeisterung sprang damals nicht über auf die Basis. Vorsicht wurde zum obersten Gebot, Misstrauen zur Doktrin. Dass sie sich in der Kriegsfrage, dort wo die Parteibasis am leidenschaftlichsten fühlte, weiter als Falke präsentierte, erleichterte ihre Aufgabe nicht.
Eine Parteiseele aber will berührt werden. Ein Land, das so gebeutelt ist von sieben Jahren Bush, will geheilt werden. Wähler, die so leidenschaftlich empfinden wie seit vier Jahrzehnten nicht mehr, sehnen sich nach Inspiration. Doch ihre Leidenschaft entdeckte Hillary Clinton erst, als es zu spät war, in einem Diner in New Hampshire, in den Fabriken von Ohio, bei den Arbeitslosen in Pennsylvania.