Sie muss heute nicht zittern, ihre Wiederwahl in den US-Senat gilt als sicher: Hillary Clinton. Für die einstige First Lady sind die Kongresswahlen nur ein Testlauf. Denn sie hat den großen Coup fest im Blick. Von Jan Christoph Wiechmann

Wahlkampf eines Ehepaares: Hillary Clinton zeigt sich mit ihrem Mann Bill© Keith Bedford/Reuters
Am Tag, als Nordkorea den Atomtest verkündet und Präsident Bush von der Bedrohung des Friedens spricht und Bill Clinton die Welt vor einer neuen Aidsepidemie warnt, besucht Hillary Rodham Clinton, Senatorin von New York, eine Familie auf Long Island, Central Islip, Hoffman Lane 4. Die Oktobersonne schickt letzte warme Tage über den Osten der USA und enttarnt die Furchen in ihrem geschminkten Gesicht. Das Autoradio meldet elf Tote in Afghanistan, 34 im Irak, und Saddam Hussein verkündet vor Gericht seinen Sieg. Der Welt geht es schlecht an diesem Dienstagmorgen, doch Hillary Clinton, in der Hand ihr Wasser - französisch, ohne Kohlensäure, kein Eis, vielen Dank -, studiert ganz andere Namen: Chuck, Diane, Doyle.
Sie trägt die Haare als schicken Bob, toupiert und steif gesprayt, jene zeitlos moderne Frisur, auf die sie sich festgelegt hat nach etwa 50 Versuchen. Ihre blauen Ohrringe passen zur blauen Bluse und der blauen Halskette, und wie immer verhüllt ein langer Blazer jene Problemzonen, über die sie später sagen wird, dass man ja auch nicht jünger wird.
Die Senatorin schwingt sich aus ihrem schwarzen Geländewagen und schreitet voran, die Auffahrt hinauf, die Hand schon gestreckt und ruft der wartenden Familie Doyle entgegen: "Wie schön, euch mal zu treffen, Chuck, Diane, eine absolute Freude, welch hübsche Familie, wie groß die drei Töchter, was macht die Schule, was wollt ihr mal werden, meine Tochter ist schon 26, und das Haus so hübsch, welche Ehre hier zu sein, ich bin Hillary."
Sie hat die Doyles nie zuvor gesehen. Ihr Wahlkampfteam hat diese Familie ausgesucht, um über Grundstückssteuern und Schulgeld zu reden, über die Probleme des kleinen Mannes. Je stärker die Medien Hillary ins nationale Rampenlicht drängen, desto lieber tingelt sie durch die Provinz. So wie sie in den Tagen zuvor über Milchwirtschaft sprach und Hybridautos, redet sie jetzt über Gehwegreinigung und die freiwillige Feuerwehr. Sie kennt den örtlichen Steuersatz und den Namen des Schulrats. Sie merkt sich die Geburtstage der drei Töchter und deren Lieblingsfächer. Sie erinnert sich auch an deren Zukunftsträume und wird sie später so exakt rezitieren können wie die Drohungen von Kim Jong Il.
Der Weg ins Weiße Haus führt nur über Orte wie Central Islip.
Chuck Doyle, Mitglied der Republikaner, bittet Hillary ins Haus und stellt sie Freunden aus dem Ort vor. Sie blickt die Menschen mit weit aufgerissenen Augen an, als wäre sie noch First Lady auf Staatsbesuch bei Ureinwohnern Papua-Neuguineas. "Erzählt mir von euch", sagt Hillary. "Ich bin gekommen, um zuzuhören." Die Menschen schweigen. Was sollen sie sagen? Bei Hillary. Der Linken. Eine Frau klagt, dass ihre Mutter ins Altenheim müsse - und schon erzählt Hillary die Geschichte ihrer 87-jährigen Mutter Dorothy, die sie vor kurzem zu sich geholt hat. Ein Mann berichtet von den hohen Studiengebühren seiner Tochter - und schon erzählt Hillary vom Job ihrer Tochter Chelsea, die sie so gern und für immer bei sich zu Hause hätte. Die Leute fragen nach Lösungen - und bekommen Geschichten. Sie wollen Rat - und bekommen ihre Wärme. Eine Lehrerin sagt, dass früher unter Bill Clinton alles besser war, und ein passenderes Stichwort hätte sie Hillary nicht liefern können.
Nun erzählt sie von Bill. Sie nennt ihn nur Bill. "Mit Bill im Weißen Haus." Es klingt wie ein Filmtitel. Es folgt eine Hymne aus einer besseren Zeit. Wenn sie in zwei Jahren als Präsidentschaftskandidatin antreten sollte, dann auch in Erinnerung an die goldenen Neunziger, als alles besser war, als es keinen Krieg gab und keinen Terror, keine Rekordverschuldung und keine "Katrina", als das größte Problem der Nation ein Blowjob im Weißen Haus war, für den Hillary ihren Bill zur Strafe einige Tage aus dem Ehebett verbannte.
Wer Hillary Clinton im Wahlkampf begleitet, zu den Bauern im Norden und den Arbeitern Long Islands, trifft nicht mehr auf die kühle Feministin von einst. Er trifft auf die Expertin für Milchquoten, die Trägerin einer nationalen Bauernmedaille, die Fachfrau für Elektrobusse. Aber er wird auch jene Ehefrau antreffen, die einst betrogen wurde, die durch ein Tal gehen musste, so wie Bush durch den Suff, durch jenen Skandal, der ihr das menschliche Antlitz gab, das früher niemand erblicken konnte in dem Gesicht aus krankhaftem Ehrgeiz und kaltem Kalkül.
In gewisser Weise war Monica Lewinsky das Beste, was ihr passieren konnte. Einige Tage später fährt New Yorks Senatorin zu einer Veranstaltung nach Pennsylvania, um Wahlkampfspenden einzutreiben. Wie immer, wenn der unangefochtene Star der Demokraten unterwegs ist, zieht eine große Meute hinter ihr her. Journalisten und Biografen, die noch in den letzten Winkeln ihres Lebenslaufs nach neuen Superlativen suchen, politische Gegner, die dort Leichen suchen. Menschen, die glauben, sie zu kennen. Doch kennt sie einer wirklich?
Sie betritt die Bühne, in ihrem schwarzen Hosenanzug, und redet mit der scharfen, klaren Stimme des Mittleren Westens, redet von einer besseren Welt. Sie ist nicht gegen den Krieg im Irak, will nur einen besseren. Sie ist nicht gegen Abtreibungen, nennt sie aber eine tragische Wahl vieler Frauen. Sie ist für mehr Freiheiten, will aber Flaggenverbrennung unter Strafe stellen. Sie präsentiert sich als ausgleichende Frau der Mitte - ihr Vater Republikaner, die Mutter Demokratin -, sie mag sowohl die New York Yankees als auch die Chicago Cubs und bringt es fertig, Stones und Beatles nebeneinander auf ihrem iPod zu haben.
Hier steht eine Frau, die nicht angreifen will. Ihre Sätze bleiben harmlos, ihre Kanten geschliffen, jeder O-Ton wirkt tausendfach getestet, wie ein Song. In Momenten wie diesen wirkt sie wie ihr Mann, "Slick Willy" haben sie ihn genannt, einer, der sich dreht und windet und Sätze absondert, die ihn später nicht mehr einholen können.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 45/2006