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Deutsche Nazis fremdeln

"Sechs, vier oder drei Millionen. Gaskammern oder keine Gaskammern – das ist doch nicht so wichtig": In Teheran treffen sich auf dem schicken Campus eines anerkannten Instituts internationale Holocaust-Leugner. Die angereisten deutschen Nazis scheinen sich allerdings nicht so wohl zu fühlen.

Von Steffen Gassel, Teheran

Der Veranstaltungsort ist mit Bedacht gewählt. Die Organisatoren im iranischen Außenministerium, die für heute und morgen zur Konferenz "Neubeurteilung des Holocaust – Globale Perspektiven" nach Teheran eingeladen haben, hätten eines der gesichtslosen Kongresszentren der iranischen Hauptstadt buchen können. Stattdessen stellen sie für die Veranstaltung eines der renommiertesten Foren zur Verfügung, das die islamische Republik zu bieten hat: Das "Institut für Politische und Internationale Studien" (IPIS) ist die außenpolitische Denkfabrik Islamischen Republik und genießt auch im Westen einen guten Ruf. Hier forschen Politologen und Ex-Diplomaten - viele mit besten Kontakten in den Westen.

Manchem von ihnen ist nicht wohl bei dem Gedanken, dass sich ausgerechnet auf ihrem schicken Campus im Teheraner Norden und noch dazu am "Tag der Menschenrechte" die Clique der internationalen Holocaust-Leugner und Nazi-Revisionisten ein Stelldichein gibt. "Das Institut hat sich diese Veranstaltung nicht ausgesucht", sagt ein IPIS-Forscher hinter vorgehaltener Hand. "Sie wissen doch. Hier ist alles so politisiert."

Die Konferenz der Geschichtsklitterer hat höchsten Segen im Mullah-Staat: Vom notorischen Israel-Hasser Mahmud Ahmadinedschad, der seit seinem Amtsantritt vor eineinhalb Jahren nicht müde wird zu provozieren: "Der Holocaust ist ein Märchen." Und: "Israel muss von der Landkarte verschwinden." Ahmadinedschad hat keinen guten Ruf mehr zu verlieren – das IPIS schon.

"Welt ohne Zionismus"

Doch in diesen Tagen führen unter den Kronleuchtern im Tagungsräumen nicht Diplomaten das Wort, sondern Männer wie Mohammed-Ali Ramin. Der 53-Jährige mit rotblondem Vollbart und penibel gefeilten Fingernägeln trägt gern Anzüge mit Stehkragen, die ihn aussehen lassen wie einen protestantischen Landpfarrer vor 200 Jahren. Heute ist Ramins großer Tag. Der Tag, auf den er mehr als ein Jahr hingearbeitet hat, seit Präsident Ahmadinedschad im Dezember 2005 auf einer anderen Konferenz mit dem Titel "Eine Welt ohne Zionismus" erstmals den Holocaust vor großem Publikum leugnete – in einer Rede, die, wie in Teheran gemunkelt wird, aus Ramins Feder stammte.

Bestätigen will Ramin das nicht. Aber zu Sinn und Zweck der Holocaust-Konferenz gibt er gerne Auskunft: "Die Folgen des Holocaust betreffen uns Muslime. Sonst hätten wir gesagt: Das geht uns nichts an. Aber sehen Sie: Palästina ist besetzt – und als Grund dafür wird immer der Holocaust angegeben. Deshalb hat Präsident Ahmadinedschad ihn als Märchen bezeichnet. Er will den Westen nicht provozieren, sondern klarstellen, dass die Kolonialzeit vorbei ist."

Und damit ist auch schon ziemlich klar, worum es den Veranstaltern dieser Konferenz eigentlich geht: Darum, das Existenzrecht Israels zu in Frage zu stellen – und das mit Hilfe haarsträubender Verschwörungstheorien. Ramin etwa hat einen Vortrag mit dem Titel "Die Notwendigkeit der Behandlung des Holocaust in der internationalen Arena zur Sicherheit des jüdischen Volkes" vorbereitet. Darin vertritt er die wirre These, der Westen schüre den Konflikt zwischen Israel und der islamischen Welt. Eines Tages würde so ein endzeitlicher Kampf zwischen Muslimen und Juden unvermeidlich, den aber könnten die zahlenmäßig unterlegenen Juden nur verlieren. "Dann haben die Europäer das erreicht, was selbst die Nazis nicht geschafft haben: Den Untergang der Juden. Sie sehen: Das Existenzrecht Israels gefährdet das Überleben des jüdischen Volkes." Und dann behauptet Ramin: "Ich habe Angst um das Schicksal des jüdischen Volkes."

Die hat auch Moshe Friedman. Der Oberrabbiner der Orthodoxen Jüdischen Kultusgemeinde Wien ist überzeugt: "Der Staat Israel wird untergehen, vielleicht schon sehr bald." Zusammen mit einer Handvoll andere Ultra-Orthodoxer ist er zur Holocaust-Konferenz nach Teheran gereist. Sie alle sind überzeugt: Gott hat die Juden auf ewig zum Leben in der Diaspora bestimmt. Die Gründung des Staates Israel sei ein Ausdruck des Hochmuts gegen Gott gewesen. Sein Existenzrecht sei weder historisch noch religiös zu rechtfertigen.

Holocaust leugnen ist "nicht so Super-Idee"

Solche Reden hören Nazis und Islamisten gern. Und Juden mit Schläfenlocken, Hüten und schwarzen Gehröcken, die so reden, sind natürlich ein besonderer Clou. Die angereisten iranischen und arabischen Fernsehteams werden nicht müde, Rabbi Friedmann und seine Freunde zu interviewen. Die spielen gerne mit. Und finden auch nichts dabei, auf dem Podium zwischen dem berüchtigten französischen Holocaust-Leugner Robert Faurisson und dem iranischen Gründervater der Hisbollah, Ali Mohtashemipour, Platz zu nehmen. Den Holocaust zu leugnen, das ist für Moshe Friedman zwar "nicht so eine Super-Idee". Aber er nickt, wenn neben ihm der US-Rabbi Moshe Weiss sagt: "Sechs, vier oder drei Millionen. Gaskammern oder keine Gaskammern – das ist doch nicht so wichtig."

Dass den Ahmadinedschad und den Seinen Geschichtsfälscher aus Deutschland Österreich und Frankreich und sogar aus so Australien oder Mexiko mit wirren Thesen zur Seite springen – das ist auch das Verdienst Mohammed-Ali Ramins. Seit Jahren hält er vom Iran aus den Kontakt zur internationalen Holocaust-Leugner-Szene. Da ist es nützlich, dass er fast akzentfrei Deutsch spricht. 17 Jahre, von 1978 bis 1994, hat Ramin in Deutschland gelebt. In Clausthal-Zellerfeld erwarb er einen Abschluss in Maschinenbau und Verfahrenstechnik. Seit 2003 hat Ramin Einreiseverbot in Deutschland. Mit seinen Nazifreunden hält er seitdem nur noch telefonisch Kontakt – außer, sie kommen ihn in Teheran besuchen.

In seinem Büro in der Teheraner Innenstadt klingelte während eines Interviews Wochen vor der Holocaust-Konferenz dreimal das Telefon. Die Anrufer sprachen Deutsch. Wenn Ramin den Hörer wieder auf die Gabel legte, lächelte er selbstzufrieden: "Sie wüssten wohl gern, wer da dran war. Das kann ich ihnen aber leider nicht sagen. Sonst geht es ihnen wie meinem Freund Horst Mahler." Dem notorischen Neonazi aus Brandenburg wurde schon Monate vor der Konferenz der Pass entzogen, damit er nicht nach Teheran reisen konnte. Den NPD-Mann Günter Deckert hinderte die Polizei noch am Sonntag kurz vor Abflug seiner Maschine nach Teheran an der Ausreise.

Handvoll Nazis aus Deutschland

So ist aus Deutschland nur eine Handvoll alter und jüngerer Nazis zur Holocaust-Konferenz nach Teheran gekommen – und es wirkt, als ob sie trotz all der Gleichgesinnten ein wenig fremdelten. Im Vortragssaal werfen sie argwöhnische Blicke in Richtung der vielen Kameras und Journalisten. Während die Juden ein Interview nach dem anderen geben, will von ihnen kaum jemand etwas wissen.

Auf die lange Liste der Referenten hat sich keiner von ihnen setzen lassen – aus Angst vor den Konsequenzen, die ein Auftritt in Deutschland haben könnte. "Ich bin Arzt – und ich will weiter arbeiten, wenn ich wieder in der Heimat bin," sagt kleinlaut ein kahl rasierter Hüne. Die Aufschrift auf seiner Krawattennadel - "Deutschland – uns wird es immer geben" – lässt sich kaum entziffern.

Statement für die ARD

Dann kommt der Nazi doch noch ins Fernsehen – die ARD braucht ein Statement für die Tagesschau. Der Hüne freut sich sichtlich über die Aufmerksamkeit. Doch auf die Frage, zu welcher politischen Gruppe er gehöre, mag er keine Auskunft geben. "Geben Sie doch meinen Namen bei Google ein – da werden Sie schon was finden," sagt er und verschwindet Richtung Lunch-Buffet.

Dort hat sich wie bei einer Therapiestunde ein Grüppchen deutschsprachiger Konferenzbesucher im Stuhlkreis um Mohammed-Ali Ramin gesetzt. Der genießt die Aufmerksamkeit und doziert. "Ich bin bereit mich zu opfern, jederzeit. Aber nicht, unter dem Joch der Amerikaner und Zionisten zu leben." Die Deutschen hören artig zu und nicken mit den Köpfen. Einer sagt: "So wie Sie redet in Deutschland schon lange keiner mehr."

Später setzt sich ein Journalist zu der Runde. Sein Interview mit Ramin gerät zum Streitgespräch. Ramin wirft den Medien im Umgang mit dem Holocaust Heuchelei vor. Der Journalist verwahrt dagegen. Da werden die deutschen Zuhörer laut. Doch Ramin winkt ab. "Schon gut. Das darf er. Sehen Sie: Das ist die Freiheit in der Islamischen Republik: Hier darf man auch sagen, dass der Holocaust stattgefunden hat."

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