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"Bischof Williamson ist ein Idiot"

Der umstrittene Pius-Bruder Bischof Richard Williamson bleibt in den Schlagzeilen. Nach der Kritik an seinen Äußerungen zum Holocaust, hat er sich entschuldigt. Doch diese Entschuldigung wies der Vatikan als unzureichend zurück. Kein Wunder: Rat zum Dritten Reich holte er sich ausgerechnet beim Holocaustleugner David Irving.

Von Cornelia Fuchs und Manuela Pfohl

Er hatte für ein moralisches Erdbeben in Deutschland gesorgt, den Papst in einige Erklärungsnöte gebracht und sich jetzt öffentlich entschuldigt: Bischof Richard Williamson, Pius-Bruder und - bislang - Holocaustleugner. Im Januar war er vom Papst zusammen mit drei weiteren Mitgliedern der erzkonservativen Pius-Bruderschaft rehabilitiert und in den Schoß der Mutter Kirche zurückgeholt worden. Eine Entscheidung, die heftigen Protest in und außerhalb der Kirche auslöste. Am Mittwoch hat Williamson bei Freunden in London "Asyl" gefunden, nachdem die argentinische Regierung seine Ausreise innerhalb von zehn Tagen angeordnet hatte. Die Entscheidung fiel, weil Williamson in einem Interview mit schwedischen Journalisten das Ausmaß des Holocausts geleugnet hatte und sagte, dass nach seinem Wissen Gaskammern niemals existierten und höchsten 300.000 Juden in Konzentrationslagern umkamen.

Jetzt versicherte der Bischof, dass es im leid täte, diese Bemerkungen gemacht zu haben. Er habe im schwedischen TV "nur die Meinung eines Nicht-Historikers geäußert, eine Meinung, die sich vor 20 Jahren auf Grundlage der damals verfügbaren Beweise herausgebildet hat und seither selten in der Öffentlichkeit geäußert worden ist". Eine Erklärung, die unter anderem beim Zentralrat der Juden in Deutschland für heftige Kritik sorgte. Auch der Vatikan erklärt, dass er die Entschuldigung für nicht ausreichend halte. Verwunderlich ist Williamsons fortdauernder historischer Blackout allerdings nicht.

Gartenparty mit Holocaustleugnern

Nach dem Drängen des Papstes, seine umstrittenen Äußerungen zurückzunehmen und sich "in unmissverständlicher Weise öffentlich von seinen Erklärungen zur Shoah" zu distanzieren, hatte der Bischof Anfang Februar verkündet, er wolle sich die historischen Fakten erneut zu Gemüte führen. Dass er sich diesen Rat ausgerechnet bei dem einschlägig vorbestraften Holocaustleugner David Irving holen will, hatte er öffentlich nicht erklärt.

Der in Österreich im Jahr 2005 wegen Leugnung des Holocaust verurteilte Irving hat stern.de in einem Interview bestätigt, dass Williamson ihn persönlich in dieser Frage um Rat gebeten habe. Kein Kontakt, der von ungefähr kam, wie Irving meint. Die beiden Männer hätten sich bereits im vergangenen September bei einer Gartenparty auf seinem Landsitz in Windsor getroffen. Auf Irvings Homepage waren bis vor kurzem noch die Bilder des lauschigen Nachmittages zu sehen.

"Fakten-Feilscherei"

Wie dieser Rat aussah, erklärt Irving im stern.de-Gespräch: "Ich habe ihm geraten zu akzeptieren, dass es von Frühling 1942 bis Oktober 1943 an drei Stellen am Fluss Bug Massenmorde gegeben hat, in Treblinka, Sobibor und Belzec. Was die Zahlen angeht, könnte er unter anderem erwähnen, dass im polnischen Gerichtsprozess gegen die Hauptangeklagten im Dezember 1947 von 300.000 Toten in Auschwitz gesprochen wird."

Fakten-Feilscherei, die Williamson sich offenbar gern annahm. Trotz eines gegenteiligen Rates, den ihm sein deutscher Anwalt, Maximilian Krah, angeblich gab. Der Jurist, der CDU-Mitglied und Beisitzer im Dresdner CDU-Kreisvorstand ist, vertritt seit Jahren die anwaltlichen Interessen der Pius-Bruderschaft. Im Gespräch mit stern.de erklärt er, er habe Williamson darauf hingewiesen, dass "mittlerweile niemand mehr" die Existenz der Gaskammern I und II in Auschwitz bestreite. "In diesem Zusammenhang hatte ich explizit darauf hingewiesen, dass selbst David Irving, der als Holocaustverharmloser bekannt ist, mittlerweile die Existenz dieser beiden Kammern anerkennt." Krah versichert, er habe seinem Mandanten zudem empfohlen, bei Irving nachzufragen, wenn er weiterhin Zweifel an der Existenz dieser beiden Gaskammern habe.

"Pure Idiotie"

Irving selbst kommentiert Williamsons Entschuldigung gegenüber stern.de mit einiger Süffisanz. "Ich habe ihm geraten, nur zurückzunehmen, was durch neue Erkenntnisse widerlegt worden ist. Man muss sehr präzise sein bei solchen Sachen." Nichts Neues also in Sachen Erkenntnisgewinn.

Deborah Lipstadt wundert das nicht. Die Historikerin gilt seit der Veröffentlichung ihres Buches "Betrifft: Leugnen des Holocausts" als Expertin für das Phänomen des Geschichtsrevisionismus, der die Massenmorde oder deren Ausmaß in den Konzentrationslagern leugnet. Im Jahr 2000 gewann sie in Großbritannien einen Prozess gegen David Irving, der sie der Beleidigung und Geschäftsschädigung beschuldigte, weil sie sich in ihrem Buch expliziert auf ihn bezog. Bereits Anfang Februar bot sie Bischof Williamson in einem Brief Hilfe bei der Suche nach Fakten über den Holocaust an. Den Ansporn für ihr Bildungsziel formuliert sie im Gespräch mit stern.de mit amerikanischer Direktheit: " Lassen Sie mich eines klarstellen: Bischof Williamson ist ein Idiot. Die Sachen, die er in dem Interview mit den schwedischen Journalisten behauptet, seine Theorien über das Gas und Schornsteine, das ist alles pure Idiotie, lächerlich. Aber wenn man rein gar nichts über den Holocaust weiß, dann erscheint dieser Mann erstaunlich kompetent - vielleicht liegt es an seinem weißen Priester-Collar, an seinem englischen Akzent. Das ist das gefährliche."

"Gefährlich, weil sie Hass verbreiten"

Dass sich der Bischof schließlich statt für ihre Hilfe, für Irvings Rat entschied, habe sie nicht erwartet. "Ehrlich gesagt hatte ich damit gerechnet, dass sich Williamson zurückzieht und dann nach dem Studium von Geschichtsbüchern mit einer Entschuldigung zurückkommt. Aber das war wohl eine falsche Einschätzung. Vielleicht hat er sich von der Pius-Bruderschaft im Stich gelassen gefühlt, und dies ist jetzt seine Art, ihnen zu sagen, dass sie ihn mal gern haben können."

Lipstadt fürchtet, dass "es hat einfach keinen Zweck mehr hat" mit Williamson zu diskutieren. "Ich habe keine Probleme damit, mit Menschen zu debattieren, die eine komplett andere Meinung vertreten als ich - solange sie bei der Wahrheit bleiben. Aber mit Holocaust-Leugnern zu diskutieren, ist, als ob man Wackelpudding an die Wand nageln will. Was sie von sich geben, ist Quatsch. Es gibt viele Debatten, die um den Holocaust geführt werden sollten - Diskussionen, wie sie die Historiker Daniel Goldhagen oder auch Ernst Nolte angestoßen haben. Die Holocaust-Leugner sind dagegen für die Geschichtsschreibung nicht wichtig - aber sie sind gefährlich, weil sie Hass verbreiten."

Aufklärung durch Information

Sorge vor einer strafrechtlichen Verfolgung, wie sie ihm in Deutschland drohen würde, muss Williamson in England nicht haben. In Großbritannien gibt es keine Gesetze gegen das Leugnen des Holocaust. Deborah Lipstadt sieht darin allerdings kein demokratiegefährdendes Manko. "Ich war schon immer gegen Strafen für die Leugnung der Shoah, ich habe mich auch gegen die Haft David Irvings in Österreich vor vier Jahren ausgesprochen. Solche Strafen machen sie nur zu Märtyrern. Ich verstehe allerdings, dass es in Deutschland und Österreich andere Sensibilitäten gibt und auch geben muss."

Die Historikerin setzt stattdessen auf Aufklärung durch Information. Sollte Williamson sich doch noch für eine Zweitmeinung interessieren, würde sie ihm die zwei Bände der historischen Abhandlung von Saul Friedlander empfehlen, "Das dritte Reich und die Juden". Darüber hinaus gebe es auch großartige Webseiten, vom Holocaust History Project zum Beispiel oder unter www.hdot.org. Lipstadt: "Das ist eine Webseite, die sich aus dem Prozess gegen mich entwickelt hat. Darauf finden sich auch Antworten auf die angeblichen Fakten, die Holocaust-Leugner verbreiten."

Irving seinerseits ahnt offenbar, dass der "Fall" Williamson noch für weiteren öffentlichen Wirbel sorgen wird. "Er soll sich rüsten, dieser tapfere und brave Mann, denn ich weiß, was auf ihn zukommen wird", meint er im stern.de-Gespräch.

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Von:

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