Verstümmelt und vergessen

28. Februar 2007, 14:19 Uhr

Seit 1998 verleiht die Hilfsorganisation "Ärzte der Welt" den "Luis Valtuena International Humanitarian Photo Award" - eindrucksvolle Fotoreportagen von oft vergessenden humanitären Katastrophen der Welt. stern.de zeigt die Siegerbilder.

Verstümmelt und vergessen: Abu Bakarr Kargbo aus Sierra Leone©

Das Durchschnittseinkommen in Sierra Leone ist das niedrigste der Welt, dabei verfügt das kleine westafrikanische Land über Rohstoffe wie kaum ein anderes: Gold, Platin, Titan und vor allem: Diamanten. Edelsteine im Wert von fast einer halben Milliarde Dollar exportiert es im Jahr. Doch dieser Reichtum ist extrem ungleich verteilt und riss Sierra Leone elf Jahre lang in einen Bürgerkrieg. Von 1991 bis 2002 wurden 75.000 Menschen getötet, mehr als 20.000 verstümmelt - auch als Mittel der Kriegsführung der Rebellen der "Revolutionären Front".

Der griechische Fotograf Jannis Kontos hat das Leid der entstellten Opfer in erschütternden Bildern dokumentiert. Für seine Serie über den 31-jährigen, verstümmelten Abu Bakarr Kargbo wurde er nun mit den "Luis Valtuena International Humanitarian Photo Award" ausgezeichnet.

Leben in den Amputiertencamps

In drei Teilen zeigt Kontos das Leben des Familienvaters in einem der so genannten Amputiertencamps. Kargbo wurde 1999 verstümmelt. Anders als viele andere Opfer der "Revolutionären Front" durfte er nicht entscheiden, welcher Körperteil ihm amputiert wurde. Die Rebellen hackten ihm die Hände ab. Das Tragen von Prothesen verweigert er bis heute, auch als Protest gegen das Unrecht, das ihm widerfahren ist. Um sich, seine Frau und die drei Kinder durchzubringen, bettelt Kargbo in den Straßen von Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone.

Der Fotopreis wird seit 1998 von der Hilfsorganisation "Ärzte der Welt" - Spanien vergeben. Er ist nach Luis Valtuena benannt, einem Fotografen aus Madrid, der ein Jahr zuvor in Ruanda ums Leben gekommen war. Um den 10. Award haben sich 338 Teilnehmer mit 972 Fotografien beworben. Die Fotografen stammen aus allen Teilen der Welt: von Kambodscha über Portugal bis zu den Vereinten Arabischen Emiraten. Bei den "Ärzten der Welt" ist man hocherfreut über dieses große Interesse. Es sei ein sehr großer Erfolg, dass sich so viele Männer und Frauen mit dem Wertekanon des Wettbewerbs identifiziere, heißt es bei der Hilfsorganisation. Das Motto des Wettbewerbs lautet: "Den unbequemen Zeugen gewidmet."

Preis für das afrikanische Flüchtlingselend

Der zweite Preis geht an den Spanier Fernando Garcia Arevalo, freier Fotograf bei der Agentur "Cover". Arevalo hat die Ströme illegaler afrikanischer Einwanderer porträtiert, die seit kurzem in Nussschalen den Atlantik überqueren und völlig geschwächt auf den Kanarischen Inseln landen. Der dritte Preis geht an den Italiener Paolo Pellegrin, Magnum-Fotograf und Gewinner des World Press Photo-Awards. Er wurde für seine Fotoreportage über die Cholera-Epidemie in Angola ausgezeichnet.

Ein Sonderpreis wurde in diesem Jahr für das Thema "Frauen und Mädchen als Trägerinnen gesellschaftlicher Veränderung" ausgelobt. Gewinnerin ist Lana Slezic aus Kanada. Sie hat Frauen in Afghanistan nach dem Ende des Taliban-Regimes begleitet. So zeigt sie etwa, dass das Tragen der alles verschleiernden Burka auch weiterhin üblich ist, und nur eine kleine Gruppe von Frauen, ihre neuen Rechte und Freiheiten auch wirklich nutzt.

Vor allem in den ländlichen Regionen hat sich wenig geändert. So gehören Zwangsheirat, Selbstopferungen und häusliche Gewalt weiterhin zum Alltag abseits der der großen Städte. Auch bei den Wahlen 2004 haben zwar viele Afghaninnen, die oft nicht lesen und schreiben können, gewählt, oft aber nur das, was ihnen ihre Väter, Männer und Söhne vorher vorgegeben haben.

Oft vergessende humanitäre Katastrophen

Die Fotos, die vom 28. Februar an in München zu sehen sind, sind keine schönen Bilder im herkömmlichen Sinn. Sie zeigen vielmehr kleine Fenster aus der Wirklichkeit, von kleinen und großen und vor allem oft vergessenden humanitären Katastrophen - bester Fotojournalismus eben.

Die Ausstellung Die Fotografieausstellung "Vergessene Krisen im Focus" anlässlich des "10. Luis Valtuena International Humanitarian Photo Award" ist vom 28.02.07 bis zum 27.03.07 im Gasteig in München zu sehen.

Auf der Website der "Ärzte der Welt" können Sie auch spenden

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