Von Mauretanien bis Haiti, von Ägypten bis Indonesien herrscht Ausnahmezustand in den Elendsvierteln. Die Menschen hungern, und Soldaten rücken aus, die Lebensmittel zu bewachen. Der stern erklärt, weshalb weltweit der Reis immer knapper und das Brot für die Armen unbezahlbar wird.

Von einem Straßenmarkt in der Hauptstadt Haitis sind nach den Aufständen Mitte April nur noch Trümmer geblieben. Die Unruhen waren ausgebrochen, nachdem sich der Preis für Reis innerhalb einer Woche verdoppelt hatte© Eduardo Munoz/Reuters
Wer die weltweite Lebensmittelkrise verstehen will, muss der Spur des Hungers folgen. Sie führt in die ägyptische Hauptstadt Kairo, in die staubigen Straßen des Armeleuteviertels Bulaq, zu Menschen wie der 67-jährigen Hagga Amira. Seit zwei Stunden steht die alte Frau in der Schlange. Sie wartet auf etwas, das sie gerade noch bezahlen kann: Brot.
Ein Ägyptisches Pfund, etwa 12 Cent, kosten zwanzig der dünnen Fladen. Das reicht kaum, um die Familie satt zu bekommen. Doch mehr kann sie sich nicht leisten: Von den 50 Euro, die ihr Mann im Monat verdient, muss sie zwei erwachsene Kinder und die Enkelkinder ernähren. Hühnchen oder frisches Gemüse standen schon seit Monaten nicht mehr auf dem Tisch. "Wir essen Brot, weil wir uns nichts anderes mehr leisten können", sagt sie.
Allein im vergangenen Jahr haben sich die Preise für viele Lebensmittel mehr als verdoppelt. Hagga Amira hat Angst, dass sie auch das Brot bald nicht mehr bezahlen kann. "Wir müssen warten, bis Allah uns zeigt, wie wir das Problem lösen können."
Die Hungerkrise legt sich wie ein immer enger geschnallter Gürtel um den gesamten Globus. So wie in Ägypten der Brotpreis die Wut der Menschen anstachelt, ist es in Indonesien das teurer gewordene Palmöl, auf den Philippinen oder im Senegal geht es um Reis, in El Salvador um Mehl. Jahrelang waren die Preise für Grundnahrungsmittel stabil, in den vergangenen zwei Jahren aber schnellte plötzlich der Preis für Mais um 152 Prozent in die Höhe, der für Weizen gar um 252 Prozent.
Schon melden Hilfsorganisationen, die Versorgung der Ärmsten sei nicht mehr zu bewältigen. Seit Länder wie Vietnam und Indien in Panik ihren Reisexport beschränkt haben, hat nicht nur der Preis noch einen Sprung nach oben gemacht - das "World Food Programme" (WFP) der Vereinten Nationen kann auf den Märkten kaum noch Reis finden. In Kambodscha hat das WFP seine Schulspeisungen aussetzen müssen. Fast ein halbe Million Kinder sind davon betroffen.
Ist ein Land ohnehin instabil, werden aus Hungerprotesten rasch blutige Unruhen. So geschehen in Kamerun oder in Haiti, wo eine steinewerfende Menge durch Port-au-Prince zog, Barrikaden entflammte, Geschäfte plünderte. Mindestens sechs Menschen starben, und Premierminister Jacques-Édouard Alexis musste zurücktreten. "Es ist ein wilder Sturm", sagt El Salvadors Präsident Elías Antonio Saca.
Selbst in Deutschland, dessen Lebensmittelpreise noch immer unter EU-Schnitt liegen, beginnt man die Krise zu spüren. Zum Beispiel im Kinder- und Jugendzentrum "Die Arche" in Hellersdorf, einem Bezirk im Osten Berlins. Sozial benachteiligte Kinder bekommen hier kostenloses Mittagessen. Zusätzlich werden 150 Brote verteilt. "Früher blieben da auch mal 30 Stück übrig. Jetzt sind alle ruck, zuck weg", sagt Arche-Sprecher Wolfgang Büscher. "Bei vielen Eltern gibt's ab Mitte des Monats nur noch Nudeln mit Soße."
Es scheint, als sei ein System aus dem Takt geraten. Ein System, dessen Absurdität sich am Beispiel Ägyptens zeigt. Jahrzehntelang exportierten die USA Millionen Tonnen Weizen aus ihrer Überproduktion an den Nil - obwohl dort niemand Hunger litt. Noch Anfang der 60er Jahre produzierten Millionen ägyptischer Kleinbauern den Großteil der Lebensmittel selbst. Doch mit dem billigen Importgetreide konnten sie nicht konkurrieren. Folge: Das heimische Getreide wurde zu Tierfutter verarbeitet. So entstand eine riesige Fleischindustrie, die Touristen und reiche Ägypter mit Steaks versorgte. Die Armen wie Hagga Amira begannen, Fladen aus hellem Importmehl zu essen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 18/2008