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Die Festung Europa hat ihre Grenze der Schande

Seit Tagen sorgen die Bilder aus dem griechischen Idomeni für Entsetzen: 14.000 Flüchtlinge leben hier unter menschenunwürdigen Bedingungen. Ihre Chancen auf ein neues Leben in Zentraleuropa stehen schlecht - die Balkanroute ist dicht, doch die Hoffnung stirbt zuletzt.

Von Ferry Batzoglou aus Idomeni

Menschen in dem Zeltlager in Idomeni

Sie rufen "Open the border", "Merkel" und "Germany": Tausende Flüchtlinge hoffen in Idomeni darauf, nach Zentraleuropa weiterreisen zu dürfen.

Endlich, am Freitagvormittag, schien wieder die Sonne – nach tagelangem Dauerregen. Doch der Matsch, die Pfützen, die Kälte – sie blieben. Unhaltbare Zustände. An der griechisch-mazedonischen Grenze unweit des 120 Einwohner zählenden Ortes Idomeni ist das improvisierte Zeltlager mit Flüchtlingen und Migranten aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und anderswo zum Symbol der Festung Europa mutiert.

Der Grund: Slowenien, Kroatien, Serbien und Mazedonien lassen nur noch Menschen mit gültigen Pässen und Visa passieren. Seit Mittwoch wurden die rigiden Grenzkontrollen noch einmal verschärft. Die unweigerliche Folge: Die berühmt-berüchtigte Balkanroute von Griechenland in Richtung Westeuropa ist für Flüchtlinge und Migranten nun faktisch geschlossen.

Dennoch: In Idomeni harren die Menschen weiter aus. Viele Frauen, Kinder, gar Säuglinge sind darunter, ganze Familien. Sie führen ein Leben im Schlamm. Vom griechischen Staat fehlt (fast) jede Spur. Hilfsorganisationen aus aller Welt verhindern bis dato eine humanitäre Katastrophe. Das Mitgefühl und die Hilfsbereitschaft der griechischen Bevölkerung ist überdies überwältigend – trotz der desaströsen Wirtschaftskrise in Hellas.

"Wir sind doch hier in Europa! Wieso können wir nicht weiter?"

Sie hoffe, die Grenze werde bald wieder geöffnet, erzählt eine Syrerin in Idomeni. Sie sei schon zwölf Tage hier. In ihrer Heimat herrsche Krieg. Assads Truppen auf der einen und der Islamische Staat auf der anderen Seite liessen ihr einfach keine Wahl, als ihr Heil in Europa zu suchen. "Wir sind doch hier in Europa! Wieso können wir nicht weiter?" Ihre Augen funkeln, als sie das sagt.

So denken hier viele - und die Hoffnung stirbt zuletzt. Mitte der Woche erreichte die Zahl der Flüchtlinge und Migranten in Idomeni mit 14.000 Menschen ihren bisherigen Höchststand.

Mittlerweile verteilen die Behörden Flugblätter auf Arabisch und in anderen Sprachen, um die Camp-Bewohner über ihre Rechte zu informieren. Sie wollen sie aber vor allem dazu bewegen, in Aufnahmelager ins Landesinnere gebracht zu werden. Athens Credo: 'Wir setzen auf die Einsicht und Freiwilligkeit der Betroffenen - statt auf Staatsgewalt.

Aber: Bisher haben lediglich etwa zehn Prozent der Camp-Bewohner in Idomeni die Offerte angenommen. Und dies, obgleich immer mehr ob der extrem widrigen Lebensumstände erkranken. Wer das weitläufige Areal begeht, hört aus fast jedem Zelt das Husten von Kindern.

Auch Dimitris Vitsas, Athens Vize-Verteidigungsminister und zuständig für das Flüchtlingsmanagement, dementiert anderslautende Meldungen: "Nein, wir haben keinen Räumungsplan per Polizeieinsatz für Idomeni. Wir sagen den Flüchtlingen und Migranten, dass die Grenze nun dicht sei und auch bleiben werde und sie daher in organisierten Aufnahmelagern erst einmal besser aufgehoben sind."

Skrupellose Schlepper treiben ihr Unwesen

Was Vitsas aber nicht sagt: Auch in den Aufnahmelagern wüten Krankheiten. Nach Stern-Informationen breitet sich im Aufnahmelager Schisto bei Athen, wo derzeit knapp 2000 Flüchtlinge und Migranten untergebracht sind, die hochansteckende Krätze rasant aus.

Gegenwärtig seien 42.253 Flüchtlinge und Migranten in Hellas gestrandet, wie die Regierung in Athen am Freitag mitteilte. Am vorigen Montag waren es erst 36.419 - ein Zuwachs um knapp 6000 Menschen binnen nur vier Tagen. In Idomeni bleiben gut 12.000 Flüchtlinge und Migranten.

Die hermetische Grenzschliessung hat jedenfalls ein ganz anderes Geschäft befeuert: Skrupellose Schlepper treiben derweil an der griechisch-mazedonischen Grenze ihr Unwesen.

Ihr Tarif: 2000 bis 3000 Euro pro Kopf. Ihr Versprechen: die physische Barriere, den aktuell etwa 20 km langen, doppelten Grenzzaun, den Skopje im Eiltempo an der Grenze zu Griechenland zur Abwehr des Flüchtlingsstroms errichtet hat, sowie die massive Präsenz von Polizei und Militär auf der Seite Mazedoniens überwinden zu können.

Kein leichtes Unterfangen. Sogar 100 ausländische Beamte seien schon nach Mazedonien gekommen, bestätigte die Regierung in Skopje kürzlich. Österreich, Ungarn, Slowenien und Kroatien hatten sich dazu bereit erklärt.

Gummigeschosse gegen Flüchtlinge

Einerseits würden sie den einheimischen Grenzschützern dabei helfen, die mazedonische Grenzlinie vor illegalen Übertritten zu schützen. Die Regierung in Skopje hat aber schon in Aussicht gestellt, bis zu 350 bis 400 ausländische Beamte zu akzeptieren, um die mazedonischen Grenze zu sichern.

Derzeit sind sieben Polizisten aus Österreich beim Grenzschutz in Mazedonien im Einsatz. Österreichs Verteidigungsminister Peter Doskozil bot kürzlich Mazedonien auch eine Unterstützung mit Soldaten an.

Doch damit nicht genug: Mazedonien will sich mit Tasern, Schockbomben und Gummigeschossen gegen Flüchtlinge wappnen und hat unter anderem auch Österreich um entsprechende Lieferungen gebeten. Eine zwölfseitige Wunschliste sei Österreichs Botschaft übergeben worden, wie Wien bestätigte.

Wer es dennoch schafft, mazedonisches Territorium zu betreten, sieht sich purer Gewalt ausgesetzt. Betroffene Flüchtlinge und Migranten berichten davon, Mazedonier hätten nach dem Grenzübertritt Polizeihunde auf sie gehetzt. Ferner seien sie geschlagen worden, bevor sie nach Griechenland buchstäblich zurückgeworfen worden seien. So seien Mühe und Geld umsonst gewesen. Die Festung Europa hat nun ihre Grenze der Schande.

Flüchtlingskrise: Die Schlammwüste von Idomeni
Seit Tagen regnet es in dem Grenzlager Idomeni. Das Camp hat sich in eine Schlammwüste verwandelt.

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