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Militäraktion oder Fake

Während Ingrid Betancourt mit ihrer Familie in Frankreich anfängt, von ihrer schrecklichen Gefangenschaft zu erzählen, stellt sich die Frage, ob es sich bei ihrer Befreiung wirklich um eine Militäraktion handelte.

Von Astrid Mayer, Paris

Etliche Hinweise sind aufgetaucht, die vermuten lassen, es habe sich lediglich um eine Inszenierung gehandelt, die die Zahlung von Lösegeld in Höhe von 20 Millionen Dollar kaschieren sollte.

Belanglos ist die Frage nicht, denn es sind noch fast 1000 Geiseln in den Händen der FARC - meistenteils Menschen, für die ihre Familien Lösegeld zahlen sollen, aber auch Politiker und andere Persönlichkeiten, die nur im Austausch gegen FARC-Gefangene freikommen sollen. Falls der kolumbianische Präsident Uribe nicht mit offenen Karten spielt, könnte es schwierig werden, klare Strategien für die Befreiung weiterer Gefangener zu entwickeln.

Die Hinweise auf Lösegeldzahlung kommen aus unterschiedlichen Quellen: Bei den Informanten des Schweizer Radios, das die Hypothese als Erstes in den Raum stellte, handelt es sich vermutlich um Schweizer Emissäre, die in den vergangenen vier Jahren im Auftrag Frankreichs Kontakt zur FARC-Führung hatten. Zudem hat die kolumbianische Senatorin Piedad Cordoba, die als Vermittlerin zwischen FARC und der venezolanischen Regierung fungierte, diese Version der Befreiung der 15 Geiseln bestätigt.

Geheimgehaltene Zahlung

Das Lösegeld hätten die USA für die drei US-Staatsbürger gezahlt, die ebenfalls freikamen. Die Operation sei mit Hilfe des amerikanischen und des israelischen Geheimdienstes vonstatten gegangen, unterstützt von der Ehefrau eines FARC-Kämpfers, die diesen überzeugt habe, die Seiten zu wechseln. Die USA streiten eine Lösegeldzahlung ebenso ab wie die kolumbianische Regierung. Der israelische Geheimdienst hat eine Unterstützung der Aktion bestätigt, aber ohne Details zu nennen.

Es könnte durchaus sein, dass Geld verwendet wurde, um FARC-Leute zu bestechen und ihre Mithilfe oder Duldung der Aktion zu kaufen. Ingrid Betancourt selbst glaubt nicht, dass ihr Wächter eingeweiht war, denn seine Überraschung und sein Entsetzen, als die vermeintlichen Mitglieder einer Hilfsorganisation sich als Soldaten entpuppten, seien echt gewesen. "Ich glaube nicht, dass ein Mensch, der gerade ein Lösegeld bekommen hat, so einen Gesichtsausdruck hat", sagte sie nach ihrem Empfang im Elysée.

Freilich könnte eine solche Aktion auch ohne Wissen ihres Wächters von der FARC toleriert worden sein, oder diese hatten nicht mit dem Einsatz körperlicher Gewalt gerechnet und erschraken entsprechend. Die FARC haben zuvor noch nie einer Hilfsorganisation in irgendeiner Weise vertraut, wie der Pariser Kolumbien-Spezialist Daniel Pécaut heute in einem Interview des "Journal du Dimanche" erklärt. Andererseits gebe es gravierende Kommunikationsprobleme in der Organisation, und sie sei sehr geschwächt - deswegen sei auch nicht auszuschließen, dass die ziemlich isolierte FARC-Einheit, die die Geiseln bewachte, auf die List des kolumbianischen Militärs hereinfiel.

Chaos erschwert das Leben der Geisel

Die FARC ist sehr geschwächt, wie Daniel Pécaut hervorhebt, und zwar sowohl durch Uribes Bemühungen, möglichst viele ihrer Anhänger zu kaufen und ihnen wichtige Informationen zu entlocken, als auch durch innere Uneinigkeit. Etliche FARC-Einheiten kooperieren mittlerweile mit den Paramilitärs - also mit dem ursprünglichen Erzfeind - um gemeinsam den Koka-Anbau zu kontrollieren.

Für die Geiseln bedeuten Chaos und Probleme bei ihren Bewachern zunächst einmal eine immer weitere Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen. Vor einigen Monaten kamen elf ehemalige kolumbianische Parlamentarier bei einer bewaffneten Auseinandersetzung mit einer unbekannten militärischen Einheit ums Leben. Dabei waren sie wichtige Geiseln. Schlechte Aussichten für diejenigen, die noch in Gefangenschaft sind und weder so bekannt sind noch so einflussreiche Freunde haben wie Ingrid Betancourt.

Nicolas Sarkozy hat einstweilen sein Versprechen erneuert, reuige FARC-Leute in Frankeich aufzunehmen und ihnen Straffreiheit zu gewähren, falls das zur Freilassung weiterer Geiseln führen kann. Mitten in der Euphorie um die heimgekehrte Betancourt ist er mit dieser Idee, Verbrecher mit einer Amnestie und mit Asyl zu belohnen, zunächst nicht auf Protest gestoßen. Ingrid Betancourt ist jedes Mittel recht, Leidensgenossen zu helfen: Sie habe ihren Folterknechten verziehen, gab sie zu Protokoll.

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