Sie musste um Seife betteln. Sie wurde tagelang an einen Baum gefesselt. Sie war dem Tod nah, als sie Gelbsucht bekam. Doch trotz ihrer Schwäche gelang es Ingrid Betancourt, sich den Respekt der Guerilleros zu erkämpfen.

Wiedersehen nach mehr als sechs Jahren: Ingrid Betancourt und ihre Tochter Melanie© Ricardo Mazalan/AP
Nein, mein Liegebett habe ich meinen Kindern überlassen und mich einfach auf einen Sitz gehauen. Unbeschreiblich - der einfache Flugzeugsitz war zehntausendmal bequemer als alles, was ich in mehr als sechs Jahren Dschungel erlebt habe.
All die kleinen Handys, die vibrieren und Fotos machen. Ich glaube, in puncto Technologie habe ich jetzt viel nachzuholen (lächelt). Es ist schwer, sich an die Steinzeit zu gewöhnen, die Rückkehr in die Zivilisation ist dagegen viel leichter.
So bin ich eben. Ich komme aus einer Familie, wo Respekt vor dem anderen fundamental ist. Die Farc behandelte mich als Feindin. Ohne die kleinste Geste des Mitleids. Ohne jedes Minimum an Respekt. Ich war Symbol für alles, was sie hassten. Eine Französin, die zugleich Kolumbianerin ist und in einer Welt lebt, die ihnen verschlossen ist. Eine Fremdsprache spricht. Auf der Universität war. Und dann war ich auch noch eine Frau.
Die permanenten Erniedrigungen. Alles muss bewilligt werden. Du willst zur Toilette - also bitte um Erlaubnis. Du willst mit einem Aufseher sprechen - bitte um Erlaubnis. Das gilt auch für Gespräche mit anderen Geiseln. Radio hören - wo ist die Erlaubnis? Du willst eine Zahnbürste, Zahnpasta, Seife - alles muss verhandelt werden. Wenn sie spüren, dass du Widerstand leistest, kriegst du gar nichts. Der Guerillakämpfer ist der Chef. Er allein kann dir geben, was du brauchst. Und du brauchst alles. Nadel, Faden, Pflaster. Sieben Jahre lang hat man mir alles Mögliche vorenthalten.
(Langes Schweigen) Als ich vorige Woche endlich frei war, sah ich vom Helikopter hinunter auf den dichten Dschungel und sagte mir, all dieser Horror (bricht in Tränen aus), all das ist da unten geblieben. Darüber spreche ich nicht mehr.
Es war schrecklich. Nach dem letzten Fluchtversuch, der eine Woche dauerte, wurde ich drei Tage lang mit einer Kette um den Hals stehend an einen Baum gebunden.
… auch Gafas ("die Brille") genannt, ein Künstler der Grausamkeit, dessen ganze Intelligenz allein dem Bösen diente; dabei konnte er auch charmant sein, wenn er zum Beispiel irgendeine Information wollte. Manchmal dachte ich, dass der Teufel im kolumbianischen Dschungel wohnt. Als Geiseln mussten wir uns irgendwie am Leben erhalten (weint). Ich habe dreimal am Tag gebetet.
Wir hatten Zelte dabei, Hängematten, Moskitonetze, Isomatten, und jeder hatte ein Handtuch. Pro Monat gab es ein Stück Seife zum Waschen der Klamotten, der Haare und des Körpers. Man musste sparsam umgehen mit der Seife, oft haben wir die Kleider nicht mehr gewaschen, um uns selbst einigermaßen sauber zu halten. Auch Talkum-Puder haben wir bekommen, unerlässlich im Dschungel, denn aufgrund der hohen Feuchtigkeit im tropischen Regenwald hatten alle dauernd Fußpilz. Geholfen hat dieser Puder freilich so gut wie nie. Fußpilz im Dschungel, das ist der reine Horror. Gestern habe ich mich zum ersten Mal seit über sechs Jahren einen ganzen Tag lang nicht gekratzt.
… ich litt auch an chronischem Durchfall und Malaria.
Ja, aber schlechte. Einmal bekam ich ein Mittel, das mich mehr mitnahm als die Malaria selbst und meine Leber schädigte. Aber es gab ein Wunder: Als es mir mit einer Gelbsucht ganz mies ging im Herbst vorigen Jahres, war ich in einem Camp mit William Pérez, dem einzigen Krankenpfleger unter den Geiseln. Ich glaube, ich war damals dem Tode sehr nahe. William sagte: "In einem normalen Hospital würdest du binnen einer Viertelstunde wieder wohlauf sein, aber hier stirbst du womöglich. Du bist total dehydriert."
An einem bestimmten Punkt war ich nicht mehr Herr meiner selbst, hatte einfach keine Kraft mehr. Alles tat mir weh. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, lag in meiner Hängematte und kam nicht mehr hoch. Meine Kameraden mussten mich tragen. Ich wusste, dass es schlimm um mich stand. Einer von uns ist auf diese Weise gestorben. Sie haben einfach ein Loch gegraben …
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 29/2008