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"Vor Israel muss man Angst haben"

Die Gaza-Hilfsflotte sollte längst aufbrechen - doch die Griechen verhindern den Start. "Eine Schande", meint Erfolgsautor und Gaza-Aktivist Henning Mankell im stern.de-Interview.

Herr Mankell, angeblich wurde eines der Schiffe der Gaza-Hilfsflottille sabotiert - was wissen Sie darüber?
Taucher haben eine Schiffsschraube angesägt. In diesem Zustand wäre es dem Boot zwar möglich gewesen, den Hafen zu verlassen, auf hoher See aber hätte es ernsthaft in Gefahr geraten können.

Wissen Sie, wer dahinter steckt?
Nein. Aber wer würde schon von so einer Aktion profitieren?

Die Israelis?
Wir beschuldigen niemand, wir können nur fragen, wer ein Interesse daran hat, die Flottille zu sabotieren.

Es heißt, die griechische Regierung sei unter Druck gesetzt worden, die Abfahrt des Konvois zu verzögern.
Offenbar versuchen die Israelis dieses Jahr die Flottille daran zu hindern, überhaupt erst in See zu stechen. Nicht nur die griechische Regierung wurde unter Druck gesetzt, auch die französische. Die jüngsten Nachrichten sind die, dass die griechische Regierung den Schiffen die Abfahrt verbieten will. Das heißt, Israel hat es also geschafft, die illegale Blockade von Gaza an die Griechen outzusourcen. Eine Schande. Wir müssen jetzt andere Formen des Protestes finden. Am Ende wird die Menschlichkeit siegen, nicht der israelisch-amerikanische Gebrauch von Militär und Drohungen. Aber das wird Zeit brauchen.

Der letzte Versuch, die Seeblockade zu durchbrechen, endete in einer Katastrophe: Es gab neun Tote, Dutzende von Verletzten, viele Aktivisten wurden festgenommen. Befürchten Sie, dass die Lage dieses Jahr wieder eskalieren wird?
Wenn man die Möglichkeiten rational betrachtet, würde ich sagen: Die Israelis wären verrückt, wenn sie die gleichen Fehler wiederholen würden. Politisch betrachtet haben sie sich letztes Jahr mit ihrem überharten Vorgehen ins eigene Knie geschossen. Wenn dieses Jahr etwas Vergleichbares passieren würde, käme das einem Schuss in den eigenen Kopf gleich. Deswegen versucht die Regierung nun alles zu unternehmen, um den Konvoi am Ablegen zu hindern. Letztlich hoffe ich einfach, dass sie dieses Mal etwas besonnener zu Werke gehen.

Haben Sie Angst?
Wenn man weiß, zu was die Israelis fähig sind, muss man wohl Angst haben. Israel nennt sich eine Demokratie, doch hinter dieser Fassade verbirgt sich ein brutales Regime, ja beinahe schon eine Militärdiktatur. Ich sage allen: Gehen sie nach Hebron und schauen sie sich an, wie man dort mit den Palästinensern umgeht. Es erinnert mich an das Apartheidsregime in Südafrika.

Das wurde allerdings nicht mit Hilfsflottillen beseitigt.
Nein, aber es geht auch nicht so sehr um Zementlieferungen oder Lebensmittel. Zu Essen haben die Menschen genug. Es darum, den Palästinensern zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Desmond Tutu hat mir mal erzählt, wie wichtig es für die schwarzen Südafrikaner damals war, nicht in Vergessenheit zu geraten.

Aber das ist es doch, was die Israelis an der Flottille kritisieren: Dass die falschen Aktivisten ihre Solidarität mit den Palästinensern zeigen: Extremisten und Terroristen.
Persönlich habe ich letztes Jahr keine von diesen Leuten getroffen. Wenn irgendjemand bei uns mit einer Waffe an Bord erwischt wird, fliegt der sofort runter. Etwas anderes ist es natürlich, was die israelische Seite unter "Waffen" versteht: Ich hatte einen Rasierer dabei und ein Soldat meinte, die Klinge sei eindeutig eine Waffe. Das war natürlich lächerlich.

Ist es angesichts der Raketenangriffe aus dem Gazastreifen auf Städte wie Sderot oder Aschkelon nicht auch verständlich, dass die Israelis sehr vorsichtig sind und alles versuchen, den Terror zu unterbinden?
Natürlich. Ich war und bin sehr kritisch gegenüber der Hamas und weit davon entfernt, Sympathien für sie zu hegen. Trotzdem muss man mit ihr sprechen. Immer und immer wieder. Der Hamas gehören ja nicht nur Leute an, die Israel ernsthaft zerstören wollen. Es gibt auch diejenigen, die sehr am Dialog mit Israel interessiert sind. Leute, mit denen man sich an einen Tisch setzen muss, genauso wie es die Amerikaner jetzt mit den Taliban tun. Wenn man nicht mehr an den Dialog glaubt, hat man schon verloren.

Wenn die Gazaflottille eine humanitäre Aktion sein soll, warum werden die Hilfsgüter dann nicht an die Israelis übergeben, damit sie sie nach Gaza bringen?
Weil wir damit die Rechtmäßigkeit der Blockade des Gazastreifens akzeptieren würden. Aber wir wollen nicht, dass Israel die gesamte Bevölkerung des Palästinensergebiets in Geiselhaft nimmt und sie wie in einem gigantischen Flüchtlingslager hält. Diese Blockade ist illegal.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Was Israel laut Mankell mit dem südafrikanischen Apartheidssystem verbindet und warum sich der Autor nicht von der Hamas einladen lassen würde

Es gibt Völkerrechtler, die sagen, dass eine Blockade und deren Aufrechterhaltung bei einem bewaffneten Konflikt wie dem zwischen Israel und Palästinensern durchaus rechtmäßig sei.
Ja, ich kenne die Diskussion. Aber schauen Sie, was letztes Jahr passiert ist: Die Israelis haben die Flottille nicht an der entscheidenden 20-Meilen-Zone angegriffen, sondern auf hoher See. Das war nicht legal, sondern Piraterie. Wenn sich die Israelis an ihre eigenen Argumente halten würden, hätte das nicht passieren dürfen.

Kann man den Palästinensern im Gazastreifen auch auf andere Weise helfen, als durch eine Hilfsflottille, die als Provokation empfunden wird?
Natürlich. Etwa auch dadurch, dass man den öffentlichen Druck auf die USA erhöht. In Israel passiert nichts ohne die Zustimmung der Vereinigten Staaten. Als ich 13 Jahre alt war, habe ich an Aktionen gegen die Apartheidspolitik in Südafrika teilgenommen. Damals ging es darum, den Kauf von Orangen aus dem Land zu boykottieren. Das ist zwar 50 Jahre her, zeigt aber, wie wichtig es ist, die Dinge im Gespräch zu halten.

Als Bestsellerautor könnten sie den Konflikt in ihren Büchern thematisieren.
Worüber ich einmal nachgedacht habe, ist, philosophische Reflektionen über das Prinzip der Solidarität zu schreiben - auch wenn das etwas akademisch klingt. Solidarität ist nicht nur eine emotionale Einstellung, sondern auch eine sehr rationale. Die Grundlage für Solidarität ist ganz einfach: Wenn ich will, dass meine Kinder eine Zukunft haben, dann muss ich darauf achten, dass auch andere Kinder eine Zukunft haben. Zurzeit lese ich wieder sehr viel Hannah Arendt und denke darüber nach, etwas über sie zu schreiben und was sie über menschliche Lebensbedingungen sagt.

Haben Sie als Autor überhaupt die Macht, mit ihren Büchern etwas zu verändern?
Ich glaube, alles was ich schreibe, ist wie der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Dass Bücher etwas Großes bewirken, ist sehr selten. Spontan fällt mir nur "Der stumme Frühling" von Rachel Carson ein. Ein Buch, das einen enormen Einfluss auf unser modernes Umweltbewusstsein hat. Aber ich drehe die Frage einfach um und sage: Ohne Kultur, also Bücher, Filme und Musik, kann man überhaupt nichts ändern.

Würden Sie dann eine Einladung der Hamas für eine Lesung im Gazastreifen annehmen?
Nein. Denn ich will mich nicht für deren Zwecke missbrauchen lassen. Wenn die Einladung von der palästinensischen Zivilgesellschaft kommen würde, wäre es etwas anderes.

Und wenn die Israelis Sie nach Tel Aviv einladen würden?
Schon eher. Aber nur, wenn ich darüber sprechen könnte, wie die Israelis mit den Palästinenser umgehen - nämlich als Menschen zweiter Klasse.

Kann der Nahost-Konflikt in absehbarer Zukunft gelöst werden?
Es wird Sie vielleicht überraschen, aber ich bin durchaus optimistisch. Die Situation im Nahen Osten erinnert mich an die in Südafrika in den 1980er Jahren. Damals stand das Land kurz vor einem Bürgerkrieg. Doch den Weißen dämmerte zu der Zeit, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Ähnlich geht es jetzt vielen Israelis. Das einzige was den Menschen in der Region fehlt, ist ein Nelson Mandela - und ein de Klerk (Anmerkung der Redaktion: Die beiden besiegelten die Versöhnung in Südafrika zwischen Schwarzen und Weißen und erhielten dafür den Friedensnobelpreis).

Niels Kruse

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