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28. August 2003, 16:12 Uhr

"Nordkorea ist die größte Bedrohung"

Der Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde Mohamed El Baradei sieht den Beginn eines neuen nuklearen Wettrüstens. Nordkorea, der Iran und auch die USA treiben ein gefährliches Spiel.

Nordkoreas Staatschef Kim Jong Il lässt sich von seinen Generälen während eines Manövers die Lage erklären. Er selbst hat nie in der Armee gedient, wurde aber zum gefeierten Kriegshelden erklärt© AFP

Das Interview mit Mohamed El Baradei führten die stern-Redakteure Katja Gloger und Hans-Hermann Klare

Herr El Baradei, in Peking beginnen die Gespräche mit Nordkorea über das Atomwaffen-Programm des Landes. Russland bereitet bereits Flüchtlingslager für den Fall eines Kriegs an der Grenze in Sibirien vor. Stehen wir kurz vor einem Atomkrieg?

Nordkorea stellt zur Zeit die größte Bedrohung dar. In Nordkorea kommt beinahe alles Schlimme zusammen: Das Land steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise. Die Menschen hungern. Die US-Armee steht sozusagen nebenan, in Südkorea. Nordkorea will überleben. Dazu braucht es Sicherheitsgarantien und Wirtschaftshilfe. Und um diese Hilfe zu bekommen, pokert Kim Jong Il mit der Atombombe? Ich glaube, einer wie er hat eine wahnsinnige Angst vor einem Regimewechsel...

...wie gerade im Irak geschehen...

Er versucht jetzt, das Maximum für sich herauszuschlagen. Diese nukleare Erpressung zeigt uns eine sehr bedrohliche Entwicklung: Gegen den Irak wurde wegen angeblicher Massenvernichtungswaffen Krieg geführt. Aber mit Nordkorea gibt es Gespräche. Und zwar wegen ihres Atom-Programms. Das fordert geradezu zur Nachahmung auf.

Besitzt Nordkorea die Atombombe?

Wir wissen es nicht ganz genau. Es spielt aber auch keine Rolle. Denn wir wissen, das Land besitzt waffenfähiges Plutonium. Damit kann es Atombomben bauen, und zwar innerhalb weniger Monate. Und die Raketen dazu besitzt es auch.

Das klingt so, als sei die Gefahr sehr akut.

Die Welt ist gefährlicher geworden. Wir fühlen uns heute viel unsicherer als noch zu Zeiten des Kalten Krieges. Viele Staaten fühlen sich bedroht - vor allem in Konfliktregionen wie Südostasien oder im Nahen Osten. Dort müssen wir davon ausgehen, dass Israel die Atombombe besitzt - und alle anderen Länder der Region fühlen sich schutzlos ausgeliefert.

Wie groß ist die Gefahr, dass sich Massenvernichtungswaffen über die ganze Welt verbreiten?

Früher galten Atomwaffen der Abschreckung, sie waren der allerletzte Schritt...

...bei dem die gegenseitige Vernichtung garantiert war.

Ja. Heute wird bereits ernsthaft darüber diskutiert, dass man Atomwaffen einsetzen kann. In den vergangenen zehn Jahren sind mindestens zwei neue Atommächte entstanden: Indien und Pakistan, zwei Länder, die zutiefst verfeindet sind. Heute sind Atomwaffen begehrter denn je. Auch Diktatoren wollen überleben.

Gilt das auch für das Regime der Mullahs im Iran?

Seit Jahren überprüfen UN-Inspektoren dort die Anlagen. Dennoch wurde vor knapp einem Jahr eine geheime Nuklearanlage in der Stadt Natanz entdeckt - von der Ihre Leute nichts wussten.

Arbeitet der Iran an Atomwaffen?

Das überprüfen wir gerade.

Die Anlage in der Wüste bei Natanz dient der Anreicherung von Uran. Warum wurde ihr Bau geheim gehalten, wenn es sich offiziell um eine zivile Anlage handelt?

Natanz ist tatsächlich der kritischste Punkt unserer Kontrollen. Hier kann man waffenfähiges Material herstellen. Wir haben Proben genommen. Dabei fanden wir an den Zentrifugen Spuren hochangereicherten Urans...

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