HOME

"Lippenbekenntnisse reichen nicht"

Ägypten-Fachmann Thomas Bauer erklärt, warum sich die westlichen Länder stärker für Demokratie Ägypten einsetzen müssen. Ein Interview mit dem Professor am Institut für Arabistik und Islamwissenschaft der Universität Münster.

Angesichts der Unruhen in Ägypten müssen die westlichen Länder nach Ansicht eines Experten Farbe bekennen und sich stärker für Demokratie in dem nordafrikanischen Land einsetzen. Eine tragende Rolle beim Neuanfang könnte der rückgekehrte Ex-Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, Mohammed el Baradei, spielen, meint Thomas Bauer, Professor am Institut für Arabistik und Islamwissenschaft der Universität Münster. Im dpa-Interview erklärt der Ägypten-Fachmann vom Exzellenzcluster "Religion und Politik", wer in dem Konflikt in den nächsten Wochen sonst an Einfluss gewinnen könnte.

Die Zahl der Toten bei den Unruhen in Ägypten ist auf mindestens 150 gestiegen. Woher kommt die Gewalt?

Bauer: "Die Proteste sind friedlich. Aber es könnte Gruppen geben, die die Proteste nutzen. Viele sagen auch, dass die Gewalt von der Regierung geschürt wird, um die Leute dazu zu bekommen, zu Hause zu bleiben und sich um ihre Habseligkeiten zu kümmern. Im Moment ist die Polizei ja praktisch verschwunden und viele glauben, das sei Taktik der Regierung, damit die Menschen froh sind, wenn die Polizei wieder da ist."

Präsident Mubarak hat den Geheimdienstchef Omar Suleiman zum Vizepräsidenten und den General Ahmad Schafik zum neuen Ministerpräsidenten ernannt. Was bedeuten diese personellen Veränderungen?

Bauer: "Das sind neue alte Namen. Sie zeugen vor allem von einem Zugeständnis dem Militär gegenüber. Die Ernennung zeigt, dass das Regime bleiben und so weitermachen will wie bisher."

Wie beurteilen Sie den Umgang des Westens mit den Konflikten in Ägypten?

Bauer: "Wegen seiner engen politischen und wirtschaftlichen Verbindungen mit dem Land hat der Westen über Menschenrechtsverstöße in Ägypten lange hinweggesehen. Jetzt muss er beweisen, ob die Bedenken gegen die Regierung ehrlich oder nur bloße Lippenbekenntnisse sind. Das könnte zum Beispiel geschehen, indem man die Opposition unterstützt. In der Vergangenheit hat der Westen eine Furcht vor Islamisten geschürt, die unbegründet ist. Vor der Opposition, den Muslimbrüdern in Ägypten, muss man sich nicht fürchten. Sie sind gemäßigt und bereit, sich am demokratischen Prozess zu beteilligen."

Warum spielen die Muslimbrüder denn bei den Protesten bisher keine große Rolle?

Bauer: "Weil es bei dem Konflikt gerade nicht um Parteien oder Ideologien geht, sondern um soziale Gerechtigkeit und die primären Freiheiten. Die Muslimbrüder melden sich zwar zu Wort, aber die Bevölkerung will jetzt erst einmal das alte System loswerden. An einer neuen Regierung würden die Muslimbrüder sicherlich mitwirken. Sie sind aber nicht in den Jugendnetzwerken, die über Facebook und Twitter Demonstrationen organisieren, sondern nutzen eher die konventionellen Medien, um Position zu beziehen."

Welche Gruppen könnten in dem Konflikt in nächster Zeit noch an Gewicht gewinnen?

Bauer: "Es wird sehr wichtig sein, wie sich das Militär verhält. Einerseits stützt es das System, andererseits rekrutiert es sich aus der armen Bevölkerung und ist schwer dazu zu bewegen, auf die eigenen Landsleute zu schießen. Ansonsten hat sich die Opposition noch nicht richtig formiert. Dafür ist der Rückkehrer Mohammed el Baradei eine wichtige und auch für den Westen akzeptable Figur. Auch der Generalsekretär der Arabischen Liga Amr Moussa, der in Ägypten noch bekannter ist als el Baradei, ist für den Westen akzeptabel. Beide sind auch unkorrumpiert und könnten zu Trägern einer neuen Ordnung werden. Die USA werden darauf dringen, dass die neue Regierung die guten Beziehungen fortsetzt. Noch ist nichts geschehen, aber klar ist: Ägypten braucht einen neuen Präsidenten. Präsident Husni Mubarak und sein Sohn sind nicht mehr durchsetzbar."

Könnten sich die Proteste auf weitere Nachbarländer ausweiten?

Bauer: "Man muss abwarten, wie sich die Lage in Ägypten weiter entwickelt. Die Proteste haben Selbstbewusstsein gegeben, man hat gesehen, dass man etwas erreichen kann und die Zustände nicht hinnehmen muss. Das wird nicht wieder rückgängig zu machen sein."

Wie könnte es weitergehen in Ägypten?

Bauer: "Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder es bleibt alles so wie es ist. Die Proteste ermatten, die Leute geben auf und es gibt in Folge dessen eine noch stärkere Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Das dürfen wir uns auf gar keinen Fall erhoffen, denn dann wird sich die Opposition radikalisieren. Die zweite Möglichkeit ist ein demokratischer Wandel in Ägypten - aber dafür müssten Mubarak und Suleiman weg."

Julia Wäschenbach und Christina Horsten, DPA/DPA

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren