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Radikal, radikaler, Ted Cruz

Vielen scheint ein Stein vom Herzen zu fallen: Donald Trump hat die erste Runde der Vorwahlen in Iowa verloren. Dabei steht der Sieger Ted Cruz dem Immobilien-Tycoon in Sachen Radikalität in Nichts nach.

Von Andreas Albes, New York

Ted Cruz hat im Präsidentschaftswahlkampf der USA bei den Republikanern die erste Vorwahl in Iowa gewonnen.

Im Präsidentschaftswahlkampf der USA hat Ted Cruz bei den Republikanern die erste Vorwahl im Bundesstaat Iowa für sich entschieden

Okay, es ist nicht Trump. Aber fast. Nur 3,3 Prozentpunkte trennen ihn vom Sieger der ersten Vorwahlen um die Präsidentschaftskandidatur. Obendrein haben Ted Cruz, Senator aus Texas, und der Immobilien-Tycoon aus New York viele Gemeinsamkeiten. Beide sind für die rigorose Abschiebung illegaler Einwanderer. Beide wollen eine Mauer zwischen den USA und Mexiko bauen. Und beide sind entschiedene Gegner des Systems in Washington. Berühmt wurde Cruz mit einer 21-stündigen Dauerrede, um die Abstimmung über Obamas Gesundheitsreform zu boykottieren. Das sagt alles darüber, was er vom Politikbetrieb in der US-Hauptstadt hält.

Vielleicht hat bei den Republikanern in Iowa den Ausschlag gegeben, dass Ted Cruz noch konservativer, noch radikaler ist: Nein zu Abtreibung, keine Homo-Ehe, weniger Macht den Umweltschutzbehörden. Aber auch wenn Trump den Sieg knapp verpasst hat, sein Aufstieg zum Politstar ist die eigentliche Sensation. Als er im vergangenen Sommer seine Kandidatur bekannt gab, war der Spott groß. Führende US-Medien höhnten: Über Trump schreiben wir nicht im Politikteil, sondern nur auf den Gesellschaftsseiten. Heute sind sich alle Experten einig, dass Trump bei den Amerikanern neues Interesse an Politik geweckt hat. Die Wahlbeteiligung bei den Primaries war so hoch wie lange nicht.

Niederlage könnte gutes Omen für Donald Trump sein

Und natürlich steht einem Trump-Triumph bei der Kandidatenkür nichts im Wege. Bei den Vorwahlen zählen auch zweite Plätze. Und für die kommenden Abstimmungen liegt er in allen Umfragen vorn. "Vielleicht ist die knappe Niederlage von Iowa sogar ein gutes Omen für Trump", so ein TV-Kommentator gestern Nacht. "Dass ein Republikaner, der in Iowa gewonnen hat, später Kandidat wurde, gab es selten."

Über allem aber steht die Frage: Was treibt die Menschen in den USA, dass sie Hetzern und Scharfmachern wie Trump in Scharen zuströmen? Es ist ihre Wut auf Washington. Ihre Enttäuschung darüber, dass in ihrer stolzen Nation die Reichen immer reicher werden und sich die normalen Bürger abrackern müssen, um über die Runden zu kommen. Bislang wuchs Generation für Generation in dem Bewusstsein auf, dass sich jeder mit Fleiß den amerikanischen Traum erfüllen kann: ein schmuckes kleines Haus, ein Auto, eine gute Schule für die Kinder und einmal im Jahr Urlaub. Diese Garantie gibt es längst nicht mehr.

Konservative profitieren von der Krise der Mittelklasse

Sicher, die USA haben die niedrigste Arbeitslosenquote seit Jahrzehnten. In den vergangenen Jahren wurden Millionen Jobs geschaffen. Doch viele dieser Jobs sind so schlecht bezahlt, dass ein einziger allein gar nicht ausreicht, um eine Familie zu ernähren. Von der Erfüllung irgendwelcher Träume ganz zu schweigen. Deshalb sind es nicht nur die Underdogs, die Trump & Co. ihre Stimme geben. Es ist die amerikanische Mittelschicht. Es sind die Weißen. Es sind viele junge Leute.

Wenn in diesem Präsidentschaftswahlkampf über Terror, über Isis, über das angeblich schwache US-Militär geredet wird, dann sind das Nebenkriegsschauplätze. Trump und Cruz nutzen solche Themen, um die allgemeine Unsicherheit zu verstärken. Sie geben dem Wähler das Gefühl: Ihr lebt in einem Land, dessen Regierung nicht einmal eure wirtschaftliche Existenz sichern kann, wie soll sie euch da noch vor Anschlägen schützen. Die Botschaft ist eindeutig: Ihr braucht uns, damit Amerika wieder groß und mächtig wird.

Schrecken im Weißen Haus

Bei jedem gewöhnlichen Politiker würden solche Phrasen auf Misstrauen stoßen. Bei zwei Revoluzzern vom Schlage Trump und Cruz klingen sie verlockend. Sich vorzustellen, dass einer der beiden ins Weiße Haus einzieht, ist erschreckend. Alle etablierten Politiker in Washington, ganz gleich welcher Partei, sollten ihren Erfolg ernst nehmen. Sonst wird der Schrecken Realität.

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