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16. Dezember 2003, 18:37 Uhr

Angriff im Namen der Freiheit

Der amerikanische Präsident hat immer hehre Worte gefunden, einen Krieg gegen den Irak zu rechtfertigen. Doch um ihn durchzusetzen, war ihm jedes Mittel recht. Von der Propagandalüge bis zum Bruch des Völkerrechts.

George W. Bush mit erhobenem Zeigefinger, im Hintergrund das Sternenbanner: Er sieht sich als Richter und Weltverbesserer© DPA

Als George W. Bush die entscheidenden Worte ausspricht, jene Worte, die den Beginn einer neuen Weltordnung markieren könnten, ist er wieder mal in der Rolle, in der er sich am liebsten sieht: in der des Predigers. Des Richters. Des Weltverbesserers. Er verpasst sich den treuherzigen Blick, für den ihn die Amerikaner lieben, er faltet die Hände wie ein braver Konfirmand. Er redet mit weicher Stimme und droht mit Gewalt. Er gibt Saddam und seinen Söhnen eine letzte Frist von 48 Stunden, bevor US-Truppen "die Gefahr auslöschen werden". Und als er die Rede beendet, von der er weiß, dass sie in die Geschichte eingehen wird, und er Gott nochmals um den Segen für sein Land bittet, kann er sicher sein, dass Amerika in diesem Krieg hinter ihm steht. Es geht los. Endlich.

Das Wort Krieg benutzt Bush kaum. Statt dessen redet er von "Frieden" und "Befreiung". Und dann von "Völkermord" und "Massenvernichtung". Bush redet immer in Extremen. So ist seine Welt, schwarz oder weiß, gut oder böse. So hat er das über Monate gehalten. Als das Böse nicht mehr stark genug war, nannte er es Terror, und als das nicht mehr reichte, sprach er vom Mörderregime und von toten Kindern. Von einem Kindermörderregime. Das musste das amerikanische Volk doch verstehen.

Das Volk verstand lange nicht, weshalb der Präsident diesen Krieg wollte. Also änderte das Weiße Haus seine Taktik und sprach von einer "ernsten Bedrohung" Amerikas. Rund 40-mal in sieben Monaten verwies Bush darauf, als könnte Saddam morgen schon Atomraketen schicken. Bush erinnerte an den 11. September, immer wieder. Er hatte nicht einen Beweis für Saddams Beteiligung an den Anschlägen. Aber das Trauma, so das Kalkül der Regierung, sitzt so tief in der amerikanischen Seele, dass ein Krieg die notwendige Unterstützung schon bekommen würde. George W. Bush spielte bewusst mit der Angst seiner Landsleute. Und bekam die Unterstützung. Nach einer CNN-Umfrage sind inzwischen 64 Prozent für den Krieg. 88 Prozent glauben sogar, dass Saddam das Al-Qaeda-Netzwerk unterstützt.

Die Kampagne hat funktioniert. Bush hat gesiegt. Der Krieg kann beginnen. Es war eine Kampagne, die von Beginn an auf Finten setzte, auf schmutzige Tricks und auf eine Bombardierung des eigenen Volkes mit rhetorischen Salven. Kein Tag ohne Warnungen vor neuen Anschlägen. Und die Medien, die Fernsehstationen vorneweg, machten sich zum Sprachrohr der Regierung. Sie riefen schon im Oktober zum "Showdown Iraq" auf, sie präsentierten die tödlichsten Waffen, legten Marschmusik unter martialische Bilder. Sie übertrugen jede noch so belanglose Rede des telegenen Donald Rumsfeld live und riefen einen "News Alert" nach dem anderen aus. "Es ist eine Art Wettbewerb unter Fernsehsendern entstanden", sagt der Medienexperte Paul Friedman: "Wie kriege ich die dramatischste Berichterstattung hin?"

Die Medien hinterfragten wenig. Die vorsätzliche Täuschung der eigenen Bevölkerung begann schon früh. Bereits am 7. September 2002 behauptete Präsident Bush, der Irak sei 1998 nur "sechs Monate vom Bau einer Atombombe entfernt gewesen". Er berief sich auf einen Bericht der Internationalen Atom-Energie-Behörde (IAEA). Nur: Den Bericht gab es gar nicht. Peinlich berührt schob der stellvertretende Regierungssprecher Scott McClellan nach: "Der Präsident bezog sich auf das Jahr 1991." Nur: Auch damals stand keine Silbe darüber im Report der Inspektoren. Diesmal zitierte McClellan als Quelle zwei Artikel aus der "London Times" und "New York Times". Nur: In beiden Zeitungen war nichts über den bevorstehenden Bau von Atomwaffen zu lesen.

Im vergangenen Oktober trat Bush in Cincinnati auf. Der Jahrestag des Afghanistan-Bombardements verlangte nach kräftigen Worten: "Satellitenfotos enthüllen, dass der Irak seine Einrichtungen wieder aufbaut, die schon in der Vergangenheit Teil des Nuklear-Programms waren." Er hat bis heute keine überzeugenden Beweise vorgelegt. Seit die UN-Inspektoren den Irak bereisen, suchten sie das von Bush genannte Gelände wenigstens ein Dutzend Mal ab - und fanden nichts. So erging es ihnen immer und immer wieder. Der ehemalige UN-Koordinator für humanitäre Maßnahmen im Irak, Hans von Sponeck, sah mit eigenen Augen "in Stücke zerlegte Einrichtungen, von denen der US-Geheimdienst immer noch behauptet, sie seien gefährlich". Und als US-Außenminister Colin Powell im Februar vor dem Sicherheitsrat ein abgehörtes Gespräch zwischen irakischen Militärs freizügig um den Satz "Stellt sicher, dass nichts mehr da ist" erweiterte, erreichte die Fakten-Schminke ihren Höhepunkt.

Zu diesem Zeitpunkt ging es schon längst nicht mehr um die Wahrheit. Es ging nur noch um den Sieg. Von Anfang an wollten Bush und sein Zirkel die Voraussetzungen für eine neue Weltordnung schaffen. Dafür ignorierte Bush die UN, er brach internationales Recht und manövrierte sein Land sehenden Auges in die Isolation. Am Montag machte das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" die internationale Empörung zum Titel: "Warum verschreckt Amerika die Welt?".

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