. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
19. September 2008, 10:44 Uhr

Die Bagdad-Protokolle

Haben Gerhard Schröder und der damalige Kanzleramtsminister Steinmeier die Deutschen beim Thema Irak-Krieg belogen? Offiziell verweigerte die Regierung den USA jede aktive Unterstützung. Tatsächlich lieferten BND-Agenten aus Bagdad sogar Zielkoordinaten für die Amerikaner. Von Uli Rauss und Oliver Schröm

Der Krieg begann mit massiven Luftschlägen. US-Kampfjets bombardierten Bagdad. BND-Leute überprüften am Boden die Wirkung der Treffer und meldeten ihre Erkenntnisse nach Pullach. Von dort gingen wichtige Informationen an die Amerikaner© Reuters

1. April 2003. Die beiden deutschen Spione melden aus Bagdad: In Rohbauten rechts neben den Trümmern des Offiziersclubs sind unter Tarnnetzen untergezogen höherwertige Militärfahrzeuge und Soldaten der Republikanergarden - Koordinaten 44 Grad 26 Minuten 2 Sekunden Nord 33 Grad 18 Minuten 14 Sekunden Ost Radius ca. 150 Meter.

Die Nacht in Bagdad ist ruhig gewesen. Erstmals ist eine US-Einheit in der Stadt geblieben. Nur vereinzelt waren Schüsse zu hören. Erst im Morgengrauen geht es wieder los. "Guten Morgen München", beginnen die beiden deutschen Agenten Rainer Mahner und Volker Heinster ihre verschlüsselte Depesche an die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Pullach. "Um 05:55 erschütterte eine starke Explosion das Gebäude und ließ den Boden sekundenlang nachschwingen. 2-5 Sekunden war eine nicht so starke 2. Detonation zu spüren. Danach war bis zum Absetzen dieses Berichts wieder Ruhe."

Es ist Mittwoch, der 9. April 2003, der 20. Tag des Krieges. Das irakische Regime ist geschlagen. Saddam Hussein wird fieberhaft gesucht.

Rainer Mahner schiebt seit vier Uhr Wache in der Botschaft Frankreichs. Er und Volker Heinster hausen hier mit sechs französischen Agenten. Die Männer vom Partnerdienst DGSE sind neben den Deutschen die einzigen westlichen Agenten, die geblieben sind, seit Bomben auf Bagdad fallen. Das alte Europa gluckt zusammen. Doch es duckt sich nicht nur weg. Es mischt mit in diesem Krieg. Heimlich. Präzise. Effektiv.

Oberstleutnant Mahner und Regierungsoberinspektor Heinster sind die personifizierte Lüge des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, der eine fast schon verloren geglaubte Wahl im September 2002 mit einem "Nein zum Irak-Krieg" in letzter Sekunde herumriss. Und heute wirken die beiden BND-Agenten wie lähmendes Gift für einen, der demnächst Kanzler werden will: Frank-Walter Steinmeier, seinerzeit Kanzleramtschef und schon von Amts wegen vertraut mit den für die Amerikaner wertvollen Zuträgerdiensten der BND-Männer in Bagdad.

Geheime Unterlagen der Bundesregierung belegen, wie sich der BND kurz nach der Bundestagswahl 2002 mit den Amerikanern auf seinen Kriegsbeitrag vorbereitete. Sie erklären, obwohl in großen Teilen zensiert, wie der Einsatz der Agenten in Absprache mit Steinmeier und Außenminister Joschka Fischer arrangiert wurde. Und sie beweisen, wie das offiziell kriegsabstinente Deutschland auf Druck des Pentagons kriegswichtige Informationen ins US-Kriegshauptquartier in Qatar lieferte.

Auge und Ohr der Kriegsmaschinerie

Aufklärungsanforderungen der Amerikaner sind Arbeitsfeld des deutschen Agentenduos. In Bagdad sind die beiden Deutschen Auge und Ohr für die Kriegsmaschinerie der Supermacht Amerika, so seltsam das klingt. Seit Jahren haben Pentagon und CIA menschliche Quellen vernachlässigt, man setzt allein auf milliardenteure Hightech- Satelliten und Aufklärungsflugzeuge mit hoch auflösendem Radar. Das hilft den Planern des V. US-Korps zwar, Bagdad in 55 Zonen aufzuteilen, jeden Straßenblock und jedes Gebäude zu nummerieren als Grundlage für präzise Einsätze. Doch wenn es so weit ist, müssen die Bodentruppen in terra incognita einmarschieren. Satelliten können nicht unter Brücken und Tarnnetze lugen oder die psychologische Wirkung bunkerbrechender Bomben beschreiben.

Genau das ist der Job der Deutschen. Mahner ist Mitte 40 und gelernter Luftwaffenoffizier, Kamerad Heinster ein paar Jahre jünger und ausgebildeter Fallschirmjäger. Und sie liefern. Sie werten Bombentreffer im Stadtzentrum aus und konkretisieren damit amerikanische Schätzungen. Sie fotografieren Hotelstockwerke, wo angeblich Regimegrößen untergetaucht sind, und übertragen die Bilder Minuten nach der US-Anfrage. Sie schicken GPS-Koordinaten von Stellungen mit Offizieren der Republikanergarde und von Ausweichquartieren von Saddams Geheimdienst, die wenig später mit Laser- oder GPS-gelenkten Bomben dem Erdboden gleichgemacht werden. Insgesamt verlassen mehr als 130 Meldungen, oft mehrere am Tag, das Zentrum der Stadt, das im Jargon der US-Militärs "Red Zone" heißt.

Dass die Bundesrepublik sich am Krieg im Irak beteiligte und dass die Amerikaner BND-Informationen für Einsätze nutzen konnten, bestreitet die Bundesregierung bis heute. Welche Konsequenzen aber USMilitärs zogen, wenn das BND-Duo Anfragen etwa nach bestimmten Orten in Bagdad bediente, verdeutlicht ein Offizier, der damals für den BND in Qatar als Verbindungsreferent am Katzentisch der USGeneräle sitzt. Im US-Oberkommando Centcom nimmt er Aufklärungsaufträge für die BND-Männer in Bagdad entgegen und meldet deren Ergebnisse zurück. Zack, zack, ohne großen Zeitverzug. "Antworten, die erst nach 24 Stunden oder später eintreffen", schreibt Oberstleutnant Porster im April 2003, sind "unbrauchbar". Die Begründung liefert der BND-Offizier mit Decknamen "Gardist" gleich mit: "Centcom ist ein Kriegshauptquartier. Auf eine Anfrage nach gewissen Standorten folgen in der Regel konkrete Operationen an diesem Ort." Militärdeutsch in Zeiten des Krieges. Bomben heißt das.

© stern-Infografik

Rückblende. Freitag, 11. Oktober 2002. "Eilt sehr!", steht auf einer Tischvorlage für BND-Präsident August Hanning. Für den Kriegsfall will das zuständige Regionalreferat 13EA ein "Sondereinsatzteam" nach Bagdad schicken.

Ein schwieriges Unterfangen. Vor drei Wochen erst hat Bundeskanzler Schröder mit seinem "Nein!" die Wahl gewonnen. Aber für eine Mission in Bagdad braucht Hanning die Zustimmung von ganz oben. Vorsichtshalber hat ihm ein Mitarbeiter noch handschriftlich auf die Vorlage gekritzelt: "BK und AA muss befasst werden." BK steht für Bundeskanzleramt, AA für Auswärtiges Amt. Hanning setzt seine Paraphe dazu. Noch fünf Monate bis Kriegsbeginn.

19./20. Oktober 2002: Bundeskanzler Gerhard Schröder auf dem SPD-Parteitag in Berlin: "An unserer Einstellung, die wir zur Irak-Frage eingenommen haben, hat sich nichts geändert und wird sich nichts ändern."

In Pullach laufen die Planungen für die Operation Bagdad. Steinmeier unterstützt den Plan. Hochrangige BND-Mitarbeiter treffen sich mit Vertretern der CIA und DIA, dem Militärgeheimdienst der USA. Die Deutschen bieten an, BND-Spezialisten in Bagdad zu akkreditieren. Bei einem der Treffen regt ein BND-Offizieller an, einen deutschen Verbindungsoffizier (VO) bei Centcom, dem US-Kriegshauptquartier in Qatar, zu stationieren. Die Reaktion der Amerikaner geht aus einem Geheimvermerk des BND vom 28. November 2002 hervor: "Vorgang mit CENTCOM besprochen. Aussage dort: Wenn BND intensiv aus Bagdad berichtet, dann kann ein VO in Qatar integriert werden. Aber nur dann!"

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 38/2008

 
  zurück
1 2
 
 
MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind