Er war der Held der US-Army. Mindestens 20 Iraker hat Tyrone Roper getötet. Doch irgendwann kamen die Albträume und die Selbstvorwürfe. Der Mustersoldat wurde zum seelischen Wrack. Jetzt sucht der Indianer Heilung und Frieden in Kanadas Wäldern.

Tyrone Roper hat ein halbes Reh geschultert. Gemeinsam mit seinem Cousin hat er das Tier in den Wäldern Saskatchewans erlegt© Johannes Kroemer
Warum der Indianer Tyrone Roper im Irak das Töten verlernte, lässt sich heute nicht mehr mit letzter Gewissheit sagen. Es geschah, so viel ist sicher, irgendwann im Mai dieses Jahres, in Mosul. Die Stadt war erobert, der Feind geschlagen, und in der Heimat verkündete Präsident Bush das Ende eines kurzen, erfolgreichen, ja geradezu menschlichen Krieges. Private Roper hatte bis dahin 20 Iraker erschossen, vielleicht auch mehr. Er verfügte über die meisten "Kills" seiner Einheit und die spektakulärsten, und auch in der Kategorie "Kills pro Minute" lag er mit vier Toten in 15 Sekunden uneinholbar vorn. Roper war, um es mit den Worten seiner Kameraden zu sagen, der Super-Krieger, die Killermaschine, der Unbezwingbare, und für jeden Iraker, den er umbrachte, malte sein Sergeant dem Indianer vom Stamm der Saulteaux eine schwarze Feder auf den Helm.
Heute, gut sechs Monate später, sitzt Tyrone Roper einsam vor einer Holzhütte im Norden Kanadas und weint kleine Krater in den Schnee. Er hat seinen Sergeant verprügelt und seinem Corporal mit dem Tod gedroht, er hat seine Frau und die beiden Kinder verlassen und ist geflüchtet, über die Grenze, in die Kälte, an einen entlegenen Ort, wo ihn kein Sergeant und kein Corporal je finden wird. Roper ist, um es mit den Worten seiner Kameraden zu sagen, ein Durchgeknallter, ein Weichei, ein Deserteur, und für jeden Iraker, den er umbrachte, opfert er den Geistern jetzt Rehe und Dosenfrüchte von Wal-Mart.
Im Juni war Tyrone Roper ein Kriegsheld, weil er tötete. Jetzt ist er ein Wrack, weil er tötete. Das ist der Unterschied. Das ist die Geschichte. Wie, so fragen heute seine Frau, Verwandte und Kameraden, ja selbst Psychiater, Medizinmänner und eine Sonderkommission der Armee, wie konnte das passieren? Wie konnte aus dem kanadischen Indianer ein amerikanischer Elitekämpfer werden und aus dem Elitekämpfer ein Verräter? Wie konnte dieser Krieg aus einem liebevollen Familienvater einen Massenkiller machen und aus dem Massenkiller einen Selbstmordkandidaten? Und wer, so wollen sie wissen, trägt die Schuld?
Die Vorwürfe sind zahlreich, in etwa so zahlreich und vage wie die Gründe für diesen Krieg. Sie richten sich gegen den Drill der Armee, die Propaganda des Präsidenten, die Rachsucht Amerikas, aber auch gegen ihn persönlich: gegen Private First Class Tyrone Jon Roper, MG-Schütze der 3rd Battalion, 327th Infantry Regiment, 101st Airborne Division der Vereinigten Staaten von Amerika.
Roper ist, darin stimmen alle überein, kein blutrünstiger Rambo. Er ist ein sensibler, intelligenter Mann mit wachen Augen und kurzen, dunkelbraunen Haaren, zwischen denen zahlreiche Narben hindurchschimmern wie winzige Schneefelder. Einer, der immer davon träumte, in den Krieg zu ziehen, bis der Krieg in seine Albträume einzog. Einer, der das Töten als Job empfand, als Pflicht, später auch als eine Art Routine und der schließlich daran zerbrach, in seinen Opfern den Menschen zu sehen und nicht den Feind.
Um Antworten zu finden auf die vielen Fragen dieses Falles, muss man Ropers Spur zurückverfolgen in die frühen achtziger Jahre, nach Yellowquill, ein Reservat der Saulteaux-Indianer in der zentralkanadischen Provinz Sasketchewan. Es ist eine weite, raue Gegend, in der sich vor den Häusern Autowracks stapeln und in den Häusern viele Indianer um den Verstand trinken, eine Gegend aber auch, wo Wölfe noch heulen und Adler noch kreisen und die Kinder schon früh das Töten lernen.
Tyrone kommt am 30. April 1976 zur Welt. Er ist das Produkt einer kurzen, unglücklichen Liebschaft zwischen einer Saulteaux und einem Weißen. Noch vor der Geburt nimmt sich sein Vater, ein Ölarbeiter, das Leben. Tyrones Mutter, gerade erst 15, verlässt ihren Sohn für einen älteren Mann, und so wächst der Junge bei seiner Tante und seinem Großvater Sagawayasung auf, einem angesehenen Medizinmann und Vater von 28 Kindern.
Sagawayasung verleiht Tyrone den Namen Asawikwanape, "Der zwischen den Welten wandelt", und lehrt ihn das traditionelle Leben der Vorfahren. Er bringt ihm das Schießen bei und die Regentänze, wie man Wölfe fängt und Elche häutet und Biber unter zugefrorenen Seen in die Falle lockt. Tagelang ziehen der alte weißhaarige Mann und sein Enkel wie Nomaden durch die Prärie und die Wälder Sasketchewans, und wenn sie zurückkommen, verkaufen sie die Felle an einen Händler und verschenken das Fleisch an die Armen und Gebrechlichen ihres Stammes.
Das Töten, so lernt Tyrone schon früh, ist eine Notwendigkeit, eine Überlebenstechnik, die Weißen würden sagen: ein Beruf. Er wird ein exzellenter Jäger. So, wie er in der Ferne jeden Koyoten im Unterholz entdeckt, wird er später im Krieg jeden Fedajin im Schützengraben ausmachen. So, wie er lernt, ruhig und bedacht zu bleiben, selbst wenn Grizzlys sich nähern, wird er später als Einziger seiner Einheit ruhig bleiben, wenn sich Mörsersalven nähern. Eines Tages verkündet sein Großvater ihm und den Saulteaux: "Wenn du erwachsen bist, wirst du ein großer Krieger werden und unseren Stamm mit Stolz erfüllen."