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"Mörderischste US-Armee aller Zeiten"

Frontalangriff eines Pulitzer-Preisträgers: US-Starjournalist Seymour Hersh hat US-Präsident Bush jegliche Fähigkeit zum rationalen Handeln abgesprochen. Zudem sei die US-Armee im Irak die "gewalttätigste und mörderischste", die er je gesehen habe.

Von Malte Arnsperger

Ätzende Kritik ist US-Präsident George W. Bush mittlerweile gewöhnt. Auch von Journalisten. Doch wohl selten zuvor hat ihn ein renommierter Publizist so scharf attackiert wie nun Seymour Hersh: "Ich weiß nicht, ob er (Bush) im Irak ist, weil ihm Gott oder sein Vater das befohlen haben oder ob es der nächste Schritt in seinem 12-Punkte-Programm von den Anonymen Alkoholiker ist."

In einer Rede im kanadischen Montreal stellte der Starjournalist Hersh der Politik des Präsidenten ein vernichtendes Zeugnis aus, berichtete eine kanadische Universitäts-Zeitung. "In Washington kann man keinerlei rationales Handeln erwarten", sagte Hersh. Die schlechte Nachricht sei, dass noch mehr als 800 Tage in der "Regentschaft von König George II." übrig seien. Die gute Nachricht, so Hersh: "Wenn wir morgen aufwachen, ist es ein Tag weniger."

Hersh hat Massaker von My Lai aufgedeckt

Diese Zitate stammen nicht etwa von einem Heißsporn der Demokraten, der verzweifelt versucht, mit populistischem "Bush-bashing"- also der heftigen Kritik am Präsidenten - bei den kommenden Kongresswahlen ein Mandat zu erkämpfen. Nein. Seymour Hersh ist Pulitzer-Preisträger und einer der weltweit erfolgreichsten Investigativjournalisten. 1969 wurde er berühmt, als er während des Vietnamkrieges das Massaker von My Lai aufdeckte. Auch an der Enthüllung des Folterskandals im irakischen Abu-Ghuraib-Gefängnis war Hersh maßgeblich beteiligt. Er ist kein Naivling. Die Grausamkeit, die Kriege mit sich bringen, ist ihm vertraut.

Doch das Ausmaß an Gewalt durch US-Truppen im Irak scheint für ihn schlimmer zu sein als My Lai. "Im Vietnamkrieg sind unsere Soldaten zurückgekommen und wurden als Kindermörder geschmäht", sagte er. "Wenn die Amerikaner vollständig über die kriminellen US-Taten Bescheid wüssten, dann würden sie die heimkehrenden Irak-Veteranen wie damals die Vietnam-Veteranen empfangen." Es habe, so Hersh, "noch nie eine amerikanische Armee gegeben, die so gewalttätig und mörderisch ist wie die im Irak".

Hersh schildert Erschießung Unschuldiger

Als Beweis für diese Anschuldigungen schilderte Hersh bei seiner Rede Szenen aus einem Video. Es zeige US-Soldaten, die unschuldige Menschen erschossen, die einfach nur Fußball spielten. Nachdem ein Auto ihrer Wagenkolonne durch eine Bombenexplosion zerstört worden sei, hätten die Soldaten das Feuer auf die spielende Menge eröffnet. "Die Kameras zeigen, dass es ein Fußballspiel war. Zehn Minuten danach fangen (die Soldaten) an, die Körper auf einen Haufen zu ziehen. Später wurde gemeldet, dass 20 bis 30 Aufständische getötet wurden."

Hersh hielt seine Rede schon in der vergangenen Woche. Anfang dieser Woche wurde eine Studie bekannt, die offenbar belegt, dass der Frieden im Irak weiter entfernt ist denn je. Die "New York Times" veröffentlichte geheime Daten, die zeigen, dass das Land offenbar im Chaos versinkt. Die Zeitung berichtete über eine farbige Zeitskala des US-Militärs, den "Index of Civil Conflict". Ein Pfeil zeigt darauf die Gefahrenlage im Irak an. Er steht schon auf rot. Dieses belegt, dass den Besatzern die Lage im Irak entglitten ist. "Seit dem Angriff auf die schiitische Moschee in Samarra im Februar stehen wir näher am Chaos als am Frieden", zitiert die Zeitung ein Mitglied des Zentralkommandos.

US-Opferzahlen steigen

Darauf scheinen auch die Opferzahlen der US-Truppen im Irak zu deuten. Im Oktober waren mehr als 100 Soldaten der US-Streitkräfte ums Leben gekommen - der verlustreichste Monat seit Januar 2005. Die hohe Opferzahl hat in den USA eine zunehmende Anti-Kriegs-Stimmung ausgelöst. Umfragen zufolge ist eine deutliche Mehrheit mittlerweile unzufrieden mit der Irak-Politik von Präsident George W. Bush. Daher dürften Bushs Republikaner bei den Kongresswahlen am 7. November empfindliche Stimmeneinbußen erleiden. Die Mehrheit der US-Amerikaner fordert einen konkreten Zeitplan für einen Rückzug aus dem Irak.

Doch Journalist Hersh hat keine Hoffnung, dass sich die Situation im Irak bald verbessern könnte. Es gebe auch keinerlei Grund anzunehmen, dass sich die Politik im Irak bald ändere. Denn Bush sei der Ansicht, dass er in 20 Jahren als großer Staatsmann gelte, auf Augenhöhe mit Englands früherem Premier Winston Churchill. "Wenn man die öffentlichen Reden der Führung liest - sie sind so selbstbewusst und ruhig", sagte Hersh. "Das ist ziemlich beängstigend."

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