22. Juni 2009, 18:05 Uhr

Die wichtigsten Links in den Iran

Twitter, Facebook und Co.

Seit seinem Start vor zwei Jahren wird Twitter gefeiert und verteufelt. Bei den Protesten im Iran hat der Mikrobloggingdienst, genau wie Facebook oder YouTube, neue Bedeutung erlangt. Welche Tweets gelten als glaubwürdig? Wo kann man sich gut informieren? Wir haben die wichtigsten Links in den Iran zusammengestellt. Von Felix Disselhoff

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Irans junge Bevölkerung ist der Regierung im Netz einen Schritt voraus©

In Krisensituationen ist Kommunikation überlebensnotwendig. Dauerte es während des gallischen Krieges noch Wochen, bis Rom Neuigkeiten über Verletzte und gewonnene Schlachten ereilten, erreichten die deutsche Bevölkerung während des Zweiten Weltkrieges die Stimmen der BBC oft verrauscht, dauert es heute nur einen Wimpernschlag und hunderte Kurznachrichten rauschen aus dem Iran auf die Bildschirme dieser Welt.

Protest auf allen Kanälen Eigentlich dürfte aus dem hermetisch abgeriegelten Iran keine Neuigkeit an die Weltöffentlichkeit gelangen. Denn Irans Mediensystem ist gleichgeschaltet, das Staatsfernsehen übertragt nur noch Sportsendungen, die Handynetze werden konsequent lahmgelegt, Satellitenübertragungen staatlich reglementiert und ausländische Fernsehsignale gestört.

Doch die Proteste auf den Straßen Teherans werden seit der Präsidentenwahl auch im Netz weitergeführt. Über die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter werden Demos organisiert, Berichte von Übergriffen werden rasend schnell weitergetragen, Videos zeigen der ganzen Welt, dass der Protest viel größer ist als es die iranische Regierung behauptet. Und Millionen User weltweit können dabei zusehen.

Doch wer bloggt eigentlich? Wer teilt sich digital mit und will auf die Ungerechtigkeiten im eigenen Land aufmerksam machen. In erster Linie junge, gebildete Iraner, die mit dem Internet aufgewachsen sind, so genannte Digital Natives. Die dürften im Iran in der Überzahl sein, denn das Durschnittsalter liegt hier bei 27 Jahren. Die Regierung hat es also mit einer sehr jungen Bevölkerung zu tun, die ein großes Bedürfnis hat, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Dass Twitter eines der Sprachrohre des iranischen Protests wird, war demnach fast schon abzusehen. Doch wie bei allen "Tweets" gilt: Keine Twittermeldung ist verifiziert. User können eigenen Interessen vertreten oder sich unter falschen Synonymen tarnen. Dennoch war der Zwitscherdienst eine der wichtigsten Informationsquellen seit dem Beginn der Proteste.

Einer dieser Protestler ist Twitter-User "iranbaan". Mittlerweile folgen dem User, der sich als junge Menschenrechtsaktivistin im Netz präsentiert, über 5000 Twitterer. Beinahe im Minutentakt sendet "iranbaan" News, wie zum Beispiel "In 50 Städten überschreitet die Anzahl der abgegeben Stimmen die Anzahl der Wahlberechtigten" oder "Ajatollah Chamenei wird das Freitagsgebet diese Woche leiten".

Facebook und Google beziehen Position Seit einigen Tagen solidarisieren sich auch die Big Player des Web 2.0 mit den Demonstranten. Facebook wurde eine wichtige Plattform für den Informationsaustausch unter Protestlern. Das Entwicklerteam reagierte rasch. So ist der Dienst seit vergangenem Donnerstag auch auf persisch, der meistgenutzten Sprache im Iran, verfügbar. Und auch Google hat seinen Übersetzungsservice GoogleTranslate um Farsi (Persisch) erweitern. Die Erklärung von Google: "Google Translate ist neben Angeboten wie Youtube noch ein Werkzeug, mit denen persisch Sprechende direkt mit der Welt kommunizieren können - und vice versa." Der Dienst übersetzt erstmal nur direkt ins Englische. Deutsche User müssen sich diese Übersetzung also erst einmal wieder ins Deutsche übersetzen.

Unter "Die Proteste im Netz" stellen wir Ihnen einige Mikroblogs vor, die sich als zuverlässige Quellen erwiesen haben.

Die Proteste im Netz

Iran im Netz: IranAnon bloggt nicht über Proteste oder Opfer von Polizeiattacken. Er konzentiert sich auf die iranische Netzwelt und erklärt, wie Iraner anonym im Netz surfen können. So hat er festgestellt, dass etliche Proxyserver, die unter anderem der Umgehung von Internetsperren dienen können, seit einigen Stunden nicht mehr erreichbar sind und Facebook sich aus dem iranischen Netz maximal fünf Minuten lang nutzen lässt.

Bilder & Videos: TheTilobloggt teilweise sehr emotional, kann aber als zuverlässiger Aggregator für neue Videos und Bilder von Protesten gelesen werden.

Digitale Gedenktafel: hadifarnouds Worte lassen erahnen, was viele Demonstranten im Augenblick durchmachen: "Ich habe Angst zu sterben, nicht weil ich nicht länger leben kann. Ich habe Angst zu sterben, weil ich weiß, dass meine Familie ewig in Schmerz leben würde." Sein Mikroblog liest sich wie eine Gedenktafel. Immer wieder wechseln sich persönliche Kurznachrichten mit Links zu Bildern und Videos von neuen Todesopfern der Proteste.

Twitternde Journalisten Theranbureau ist der Tweet eines teheranischen Online-Magazins. Der Feed verfügt mittlerweile über mehr als 16.000 Follower. Das Team postet vor allem Infos aus Regierungs- und Medienkreisen, so findet sich hier auch eine aktuell gehaltene Liste mit inhaftierten iranischen Politikern und Journalisten.

Als zuverlässig gilt auch der Mikroblog von Lara Setraikian, einer Korrespondentin des weltweiten Sendernetzwerks ABC. Sie twittert aus Dubai über neue Erkenntnisse aus ihrer journalistischen Arbeit mit iranischen Flüchtlingen.

Auch die NewYorkTimes twittert kräftig mit. Timothy O`Brien, Wirtschaftsredakteur der NewYorkTimes, hat sich in den letzten Tagen auf News aus dem Iran und der Teheraner Netzwelt spezialisiert. So verlinkt er in einem seiner Tweets auf eine Seite, die Tweets, die mit "iran" oder "iran election" getaggt sind, aus dem Persischen ins Englische übersetzt.

Irans Schwarzes Brett Eine der wichtigsten Internetadressen für Iraner und alle, die ein Interesse an den Protesten haben, dürfte allerdings das Forum AnonymousIran sein. Die Macher werden unter anderem von der Tauschbörse ThePirateBay unterstützt. User bekommen hier Tipps, wie Sie anonym im iranischen Netz surfen und effizient protestieren können. Das Angebot wird ergänzt durch Links zu aktuellen Bildern und Videos von Protesten sowie einer ständig erweiterten Liste vermisster Personen.

Iranische Twitterschau Äußerst informativ ist der "Green Brief", der mehrmals täglich von Forumsmitgliedern herausgegeben wird. Die Zusammenfassung hat sich als zuverlässige Twitterschau etabliert. User scannen dafür sämtliche Tweets zum Thema und filtern Sie nach Zuverlässigkeit und Relevanz.

So viel organisierter Protest geht an den Gegnern des Protests nicht spurlos vorbei. Während der Recherche war das Forum mehrere Mal nicht erreichbar. Ein gutes Indiz für die Richtigkeit der Inhalte.

Wer nicht gerne direkt auf Twitter nach News aus dem Iran suchen mag, aber dennoch nichts verpassen will, dem ist TweetGrid zu empfehlen. TweetGrid ist ein Twitter-Tool, mit dem sich Tweets nach Suchbegriffen filtern lassen. Diese Tweets laufen dann wie in einem Agenturticker ein.

Lesen Sie unter "Wie zuverlässig ist Twitter?", wie sinnvoll das Social Network ist, um über die Ereignisse im Iran auf dem Laufenden zu bleiben.

Wie zuverlässig ist Twitter?

Die vergangenen Tage haben gezeigt, dass Twitter mehr sein kann als nur ein Kurznachrichtenportal für vereinsamte Städter. "New York Times"-Redakteur Noam Cohen stellte einige Thesen auf, die den Umgang mit einer jungen und rasant wachsenden Technologie mit Krisensituationen, die wir für Sie zusammengefasst haben.

1. Twitter ist kaum zu zensieren: Es gibt keine zentrale Website, Twitter ist unabhängig von lokalen Begebenheiten. Tweets können von vielen unterschiedlichen Geräten genutzt werden, auch mobilen.

2. Tweets sind banal, aber nicht immer: Unter vielen Journalisten ist Twitter als belangloses Portal für Statusmeldungen verpöhnt. Kurzinfos wie "Bin essen" oder "Essen war super" lassen User in einem Meer von Nichtigkeiten ersticken, doch gerade im Beispiel der iranischen Proteste könne ein Masse von vielen kleinen Befindlichkeiten ein großes Gesamtbild ergeben, so Cohen.

3. Vorsicht: Nichts auf Twitter ist verifiziert. Falschmeldungen über drei Millionen Iraner auf Teherans Straßen machen schnell die Runde, werden aber auch genauso schnell widerrufen. Geduld sei angesagt, so die "New York Times".

4. Mundraub ist möglich: Nicht jeder ist im Web 2.0 dem Gegenüber wohlgesonnen. Accounts können gehackt werden oder andere User verleumdet werden. Auch hier gilt es, gewissenhaft nachzurecherchieren.

5. Twitter korrigiert sich selbst: Wie jede andere Web-Community hat auch Twitter Anführer und Gruppierungen. Ein vollständiges Meinungsbild der iranischen Bevölkerung könne man laut Cohen von Twitter nicht erwarten. Denn seine User seien überwiegend technologieverliebt und dadurch der westlichen Welt zugeneigt.

6. Twitter als medienkritisches Instrument: Der Mikrobloggingdienst könne nicht nur Regierungen zu Schaffen machen, sondern auch Medien zum Handeln zwingen. So zwangen am Wochenende viele Twitteruser den Sender CNN, die Berichterstattung über die Proteste im Iran massiv auszubauen. Der Grund: CNN brachte zwar einzelne Berichte über Iran, jedoch nicht die von den Zuschauern gewohnte umfangreiche Live-Berichterstattung. Zeitweise zeigte CNN sogar Wiederholungen, unter anderem von Larry King. Der Twitter-Account von CNN gehört zu denjenigen mit den meisten Followern. Im Sekundentakt beschwerten sich User und versahen ihre Kritik mit dem Anhängsel "#CNNfail". Der Sender reagierte umgehend mit einer Stellungnahme und ausgebauter Berichterstattung.

Lesen Sie unter "Protest auf Facebook und YouTube", wie User auf Facebook und YouTube kreativ mit den Protesten im Iran umgehen.

Protest auf Facebook und YouTube

Einzelne Userprofile sind im Gegensatz zum deutschen meinVZ auf Facebook nicht einsehbar. Dennoch ist das beliebteste Social Network Teil des weltweiten Informationsaustauschs. In der Gruppe "Iran Info Box" laufen stündlich neue Links ein. Und auch YouTube wurde längst zum Fernsehsender des iranischen Protests.

Sucht man beipielsweise nach "iran" und "demonstration", finden sich rund 12.000 Clips, allein heute fast 1000 neue von Kundgebungen in Teheran, Militärs, die Frauen zusammenschlagen und Tränengaseinsätzen der iranischen Polizei. Das folgende Video fängt die Stimmung in Irans Hauptstadt Teherans eindrücklich ein. Nach eigenen Angaben zeigt das Video den Blick einer jungen Iranerin auf die von Unruhen und Gewalt geprägte Stadt.





Begleitet von Geschrei auf den Straßen rezitiert sie ein Gedicht, in dem sie sich fragt: "Ich warte jede Nacht darauf, dass die Schreie lauter werden. Ich zittere und bin erschüttert. Ich frage mich, ob Gott erschüttert ist."

KOMMENTARE (1 von 1)
 
Administrator (23.06.2009, 17:51 Uhr)
Liebe User,
immer wieder wurden wir in den letzten Tagen gefragt, warum unsere Berichterstattung zum Thema Iran nicht kommentiert werden darf.
Wir haben die ersten Artikel zu diesem Thema zum Kommentieren freigegeben und leider feststellen müssen, dass die Debatte jegliche Sachlichkeit vermissen ließ. Dies hatte zum einen zur Folge, dass die wirklich an einer Diskussion interessierten User nicht mehr kommentiert haben und zum anderen einige Leser unsere Seite als Plattform für ideologische Beiträge missbraucht haben.
Wir haben uns daher entschlossen, die Diskussion zu diesem Thema nicht mehr anzubieten und bitten um Ihr Verständnis.
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
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