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15. Juni 2009, 10:16 Uhr

Mussawi sagt Protest-Demo ab

Rückzieher in letzter Minute: Der unterlegene iranische Präsidentschaftskandidat Mir-Hussein Mussawi verzichtet vorerst auf die geplante Großkundgebung gegen das offizielle Wahlergebnis. Mussawi beugt sich damit dem Verbot des Teheraner Innenministeriums. Die Behörde hatte mit Blick auf die angekündigte Demonstration angekündigt, Störer der öffentlichen Ordnung "juristisch zu belangen".

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Vor dem Gebäude der Universität in Teheran verfolgen regierungstreue Milizen auf Motorrädern Anhänger des unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Mir-Hussein Mussawi© AP

Nach der umstrittenen Präsidentenwahl im Iran hat der unterlegene Kandidat Mir-Hussein Mussawi die für Montag angekündigte Demonstration seiner Anhängern abgeblasen. Die Veranstaltung sei verschoben worden, berichten die Nachrichtenagentur DPA und der britische Sender BBC übereinstimmend. Sobald das Teheraner Innenministerium die Erlaubnis gebe, solle die Protestkundgebung aber stattfinden.

Die Regierung in Teheran hatte die Kundgebung der Opposition zuvor verboten. Sollten die Anhänger des Wahlverlierers dennoch auf die Straßen ziehen, so würden sie sich strafbar machen, erklärte das iranische Innenministerium laut einem Bericht des staatlichen Rundfunks. "Wer die öffentliche Ordnung stört, wird juristisch belangt", hieß es.

Die oppositionellen Kräfte um Mussawi hatten zuvor zu Protesten gegen die Wiederwahl von Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad aufgerufen. Die Kundgebung sollte auf dem "Platz der Freiheit" in der Teheraner Innenstadt stattfinden. Dabei wollte sich Mussawi auch erstmals seit der Wahl mit einer Rede an das Volk wenden.

Zuvor war es auch am Sonntagabend in der Hauptstadt Teheran erneut zu Unruhen gekommen. Die Lage wurde von Augenzeugen als "äußerst gespannt" beschrieben.

"Wir schauen im Augenblick mit großer Sorge nach Teheran", sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Er habe Weisung gegeben, dass der iranische Botschafter am Montag ins Auswärtige Amt einbestellt wird. Das Vorgehen iranischer Sicherheitskräfte gegen Demonstranten und ausländische Journalisten nannte Steinmeier erneut inakzeptabel. Die Vorwürfe der Wahlfälschung müssten rückhaltlos aufgeklärt werden, forderte er. US-Vizepräsident Joe Biden äußerte Zweifel am offiziellen Wahlergebnis. Ein Berater von Frankreichs Präsident Nicholas Sarkozy sagte, die Ereignisse im Iran seien keine gute Nachrichten - weder für die Iraner noch für den Frieden in der Welt.

In verschiedenen Stadtteilen von Teheran kam es nach Angaben von Augenzeugen zu Zusammenstößen zwischen Anhängern Mussawis und der Polizei. Die meist jungen Demonstranten zündeten Reifen und Mülltonnen an. Mit Schlagstöcken bewaffnete Einsatzkräfte versuchten, in der Innenstadt eine große Menschenmenge aufzulösen. Sie feuerten den Angaben zufolge Schüsse in die Luft und setzten Tränengas ein. Zudem versuchten sie, die Anhänger Ahmadinedschads und Mussawis auseinanderzuhalten.

Protest mit Symbolcharakter

Am Sonntagabend griff die Opposition zu einem hochsymbolischen Protestmittel. Tausende Anhänger Mussawis schrien nach Sonnenuntergang in der ganzen Hauptstadt von Balkonen und Dächern "Tod dem Diktator". Damit erinnerten die Oppositionsanhänger an die Zeit vor der Islamischen Revolution 1979, als die Menschen auf Geheiß von Ayatollah Ruhollah Chomeini "Allahu Akbar" (Gott ist groß) von den Dächern schrien. Dieser Protest einte die Menschen gegen die Monarchie des Schahs, der schon bald ins Exil flüchtete.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International verurteilte das gewaltsame Vorgehen der iranischen Sicherheitskräfte gegen Demonstranten. Die "schockierenden Szenen der Gewalt" durch Sicherheitskräfte sollten untersucht und geahndet werden, forderte die Organisation in einer Mitteilung. Nach Darstellung von Amnesty wurden während der Unruhen mindestens 170 Menschen festgenommen. Die iranischen Behörden sprachen dagegen von 60.

Klagen über Zensur bei TV-Berichterstattung

Internationale Medien beklagten zudem erhebliche Behinderungen und auch Übergriffe durch die iranische Polizei.

Die Signale des britischen Fernsehsenders BBC, der auch ein Programm in Farsi anbietet, wurden nach Angaben des Direktors des BBC World Service, Peter Horrocks, elektronisch gestört. Der Fernsehsender Al Arabija wurde nach Angaben seines Chefredakteurs Nabil Chatib angewiesen, sein Teheraner Büro für eine Woche zu schließen. Ein Sprecher des schwedischen Senders SVT erklärte, dass die Reporterin des Senders von den Behörden aufgefordert worden sei, "den Iran nach Abschluss der Wahlen schnellstmöglich zu verlassen". Ein Übersetzer des italienischen Fernsehens RAI wurde von Bereitschaftspolizisten misshandelt.

Auch die Berichterstattung von ARD und ZDF wurde nach deren Angaben massiv eingeschränkt. Dem ZDF-Korrespondenten Halim Hosny und seinen Mitarbeitern sei ein Berichtsverbot erteilt worden und der ARD-Korrespondent Peter Mezger dürfe sein Hotel nicht mehr verlassen, erklärten die Chefredakteure Nikolaus Brender und Thomas Baumann in einem Schreiben an den iranischen Botschafter in Berlin.

Bereits in den vergangenen Tagen hätten die iranischen Behörden die Mitarbeiter bei Dreharbeiten behindert, Überspielungen von Bildmaterial verboten und damit Zensur ausgeübt. Mezger sagte, die Lage sei eskaliert, nachdem Ahmadinedschad der ausländischen Presse vorgeworfen habe, übertrieben über die Ausschreitungen berichtet und sogar direkt zu Demonstrationen aufgerufen zu haben. Milizionäre hätten dies als Aufforderung aufgefasst, gegen die ausländische Presse vorzugehen. So sei im Büro des ARD-Korrespondenten ein mit Knüppeln und Elektroschockgeräten bewaffneter Trupp von sechs Mann erschienen. Sie hätten einen seiner Mitarbeiter mitgenommen, berichtete Mezger. Über dessen Verbleib wisse man derzeit nichts.

Die Regierung schränkte auch die Kommunikationsmedien der Iraner weiterhin ein. Das am Samstag in Teheran zeitweise völlig lahmgelegte Mobilfunknetz wurde am Sonntag wieder in Betrieb genommen, es war jedoch weiter nicht möglich, Kurzmitteilungen zu verschicken. Auch die Internet-Zensur wurde nochmals verschärft. Zahlreiche Seiten waren blockiert, darunter die im Iran besonders beliebten sozialen Netzwerke Facebook und Twitter - offensichtlich, um der Opposition die Kommunikation zu erschweren.

Mussawi fordert Annulierung der Wahl

Der unterlegene Oppositionskandidat Mussawi hat den Wächterrat aufgefordert, die Wahl vom Freitag wegen Unregelmäßigkeiten zu annullieren. Der ebenfalls unterlegene einstige Kommandeur der Revolutionsgarden, Mohsen Rezai, habe sich der Forderung angeschlossen, bestätigte Gremium das Gremium und kündigte an, dass es binnen zehn Tagen über die Beschwerden entscheiden werde.

Nach offiziellen Angaben wurde Ahmadinedschad mit 62,63 Prozent im Amt bestätigt, Mussawi erhielt danach 33,75 Prozent der Stimmen. Zuvor war von einem Kopf-an-Kopf-Rennen ausgegangen worden. Die Wahlbeteiligung lag bei einem Rekordwert von 85 Prozent.

Ahmadinedschad wies Vorwürfe des Wahlbetrugs zurück. Er bezeichnete die Proteste als "nicht wichtig" und verglich sie mit der Reaktion enttäuschter Fans nach einem Fußballspiel. "Manche dachten, sie würden gewinnen und dann sind sie ärgerlich geworden."

AP/DPA/Reuters/
 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
floyd77 (15.06.2009, 10:51 Uhr)
Zum Thema Islam
Für mich als Muslim hört sich die ganze Schlachterei um den Islam sehr willkommenheißend und freundlich an. Ich frage mich manchmal wirklich, wer den anderen mehr hasst: Die Muslime hassen die Christen oder andersrum? Also zumindest in meinem muslimischen Land wird keineswegs ein Zehntel davon schlecht über Christen gesprochen. Aber gut, das gehört auch zur Meinungsfreiheit und ich freue mich, dass jeder sein Herz schön öffnet.
Zum Thema Iran: Ich mag den Iran nicht, aber hasse ihn auch nicht. Trotzdem sind die Wahlen, die in den letzten Tagen dort stattgefunden haben, im Vergleich zu *fast allen westlich-orientieren arabischen Staaten* wirklich fast vorbildlich. In den westlich-orientierten arabischen Staaten dürfen nicht mal wirkliche Gegner gegen den Staatspräsidenten in den Wahlen antreten. Sie werden schon längst davor ins Gefängnis gesteckt, siehe z.B. Ägypten, Tunesien, Marrokko etc. Dennoch werden diese Staaten (die im Vergleich zu den anderen Staaten westlich-orientiert sind) kaum von westlichen Medien und Politiker kritisiert. Wenn schon, dann passiert das im Nebensatz. Tatsächlich wäre es schön gewesen, wenn der kleine Teil an Demokratie und Meinungsfreiheit, was in Iran schon gibt, dort auch gäben würde. Aber trotzdem, liebe Schützer von Menschenrechte und Meinungsfreiheit, Euch regt nur der Gottesstaat Iran an. Wäre der Iran westlich-orientiert, dann wären Euch jede Menschenrechtverletzung fast egal, und das ist Fakt.
Eskey (15.06.2009, 10:44 Uhr)
Bitte um Aufklärung
vor 4 Jahren gab es auch unstimmigkeiten bei einer Wahl in den USofA, da ham sie auch alle nach Aufklärung geschrien. Ham sie nicht? Oh!
Ich finde die Entwicklungen diese "Globalstrategiespiel in real" recht witzig.
Was wären wir ohne das Europäische Weltbild, welchen immer wieder mit einer befangenen Liberalität zur Vernunft aufruft.
GReeTz, Eskey
AttaTroll (15.06.2009, 10:42 Uhr)
Steinmeier
bestellt also den iranischen Botschafter ein. Hat eigentlich auch jemand den Us-amerikanischen Botschafter einbestellt, als George W. Bush durch Wahlmanipulation an die Macht kam? - Aber so ist Steinmeier - groß herumschwafeln wenn es ihm in den Kram passt und sich ducken und den Kopf einziehen, sobald es problematisch werden könnte.
JackSparrow (15.06.2009, 10:24 Uhr)
@admin
ja da haben wir es wieder. da machen diese dämlichen vorurteile jegliche diskussion zunichte. da möchte man sich über politik unterhalten und da kommen die faschisten aus ihren löchern und verhindern mit ihrer sülze jede vernünftige auseinandersetzung mit dem EIGENTLICHEN THEMA!
Administrator (15.06.2009, 10:18 Uhr)
Liebe User,
vielen Dank für Ihre Beiträge. Da eine sachliche Debatte zu diesem Thema offenbar nicht möglich ist, schalten wir die Kommentare an dieser Stelle aus.
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
Dieter37 (15.06.2009, 10:15 Uhr)
@undueberhaupt (15.6.2009, 10:08 Uhr)
- sehe ich auch so; zumindest sollte diese Religion in Europa verboten sein.
undueberhaupt (15.06.2009, 10:08 Uhr)
Gottesstaat?
Der Iran nennt sich Islamischer Gottesstaat. Damit schneidet sich dieser Staat ins eigene Fleisch wenn er seine Bürger demütigt, verprügelt und ermordet. Wenn das alles im NAMEN DES ISLAM passiert muß sich jeder Mensch mit gesundem Verstand fragen, was das für eine Religion ist. Ist da für anders Denkende kein Platz? Na klar ist da kein Platz, selbst in der Türkei nicht, da werden katholische Geistliche ermordet! Verbietet den Islam!
JackSparrow (15.06.2009, 10:02 Uhr)
@ anemona, Ansichtssache
Ihr kennt keine Moslems persönlich oder? Oder ihr kennt die falschen. Oder (noch viel wahrscheinlicher) ihr seid der Medienhetze erlegen. Worauf beruft ihr euch? Der Islam ist schlecht blaaaaaahhh. Wie man den Koran auslegt, was man davon in welchem Maße praktiziert ist immer noch Sache des Einzelnen. Ich persönlich kenne zwei, vielleicht drei Moslems, die es übertreiben, soll heißen ziemlich archaische, verachtende Ansichten haben. Alle anderen sind allesamt sehr freundliche und herzliche Menschen. Dass die Stellung der Frau bei vielen eine andere ist als bei uns, stimmt. Die meisten Muslima, die ich kenne, wollen es aber auch nicht anders und fühlen sich in keiner Weise unterdrückt. Meine Tante und mein Onkel sind Moslems. OK, meine Tante ist für den Haushalt zuständig aber dafür hat sie zuhause auch die Hosen an. Wenn mein Onkel mal die Schuhe nicht auszieht, dann ist aber die Hölle los! ;) Verachtend ist die Stellung der Frau in den meisten Fällen also nicht.
ZURÜCK ZUM THEMA: DER ISLAM SELBST HAT HERZLICH WENIG DAMIT ZU TUN, DASS AHMADINESCHAD EIN DUMMER DIKTATOR IST.
Sublucem (15.06.2009, 10:01 Uhr)
Was für ein Stress
Passagen aus dem Koran zu zitieren, Himmel, wenn das als Argument dienen soll, dann hoffe ich nicht, dass jemand aus der Bibel zitiert, sonst: gute Nacht. Da ist jemand im Ghetto aufgewachsen oder hat seinen MP3-Player verloren... anders kann ich mir die Xenophobie nicht erklären.
.
Was Iran anbelangt: Meine Solidarität gilt den dortigen Demokraten. Wenn das Volk aber unterm Strich sein Kreuzchen für das Großmaul macht (welcher abseits seiner infantilen Medienauftritte an sich auch kompetente Politik zu bewerkstelligen weiß), dann hat es das Volk eben so verdient. Fertig und aus.
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Und mehr als Solidarität bekunden geht nicht. Kein Land sollte in ein anderes einmarschieren und "Demokratie forcieren". Das führt zu Stress, das führt zu Ablehnung und am Ende zum krassen Gegenteil.
Ansichtssache (15.06.2009, 09:45 Uhr)
Der Islam
ist eben nicht nur eine Religion; nein, der Islam ist auch Staat ! Deshalb ist diese Religion grundsätzlich schon einmal gefährlich.
Besonders verachtenswert ist der Islam wegen seiner faschistischen Weltanschauung. Andersdenkende werden niedergeknüppelt, gesteinigt usw.; Frauen sind fast Freiwild oder sind zumindest "wertlos". Im Mittelalter verharrt und von krankhaften "Ehrgefühlen" zerfressen, glauben die Fundamentalisten an die Weltherrschaft. Der Islam wird nicht eher Ruhe geben, bis er vernichtet ist oder sein Ziel erreicht hat.
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