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Der Albtraum der Welt

Die Mullahs und die Atombombe - das ist der Albtraum der Welt. Und es war lange klar, dass es so kommen könnte. Wie gefährlich ein nuklear bewaffneter Iran wirklich ist, und was der Westen jetzt unternehmen sollte.

Eine Analyse von Hans-Hermann Klare

Am 12. September 2002 - ein Jahr nach den Anschlägen von New York und Washington und einen Tag nach dem Werben von US-Präsident George Bush vor der Uno für einen Krieg gegen Saddam Hussein - sorgte sich Deutschlands damaliger Außenminister Joschka Fischer auf dem Rückflug aus den USA nach Deutschland wegen des iranischen Atomprogramms. "Was auch immer im Irak passieren wird", sagte er damals an Bord seines Regierungs-Airbus, "um den Iran mache ich mir viel größere Sorgen."

Womöglich wird der Ex-Außenminister wieder mal Recht behalten. Denn ein Konflikt um die nuklearen Ambitionen des Iran hat viel mehr Zündstoff als ein Krieg gegen den Irak - so verheerend der schon war. Und das liegt am Iran ebenso wie an seinen Gegnern. Denn letztere haben einen gehörigen Anteil daran, dass es überhaupt so weit gekommen ist.

Weshalb bemüht sich der Iran so sehr um die Bombe? Einmal aus dem Selbstverständnis des Landes als einer uralten bedeutenden Kultur heraus. Weshalb - so lautet das Argument der Iraner - spricht man ihnen das Recht auf eine Bombe ab, wenn doch andere Länder der Region - Pakistan oder Israel zum Beispiel - Atomwaffen besitzen.

Iraner sind Schiiten, umgeben von einem Meer ihnen oft nicht wohl gesonnener Sunniten. Sie sind keine Araber. Sie wurden 1980 von einem arabischen Nachbarn, von Saddam Hussein, überfallen und in einen Krieg verwickelt, der etwa 500.000 von ihnen das Leben gekostet hat. Noch heute trifft man in den Wartezimmern iranischer Kliniken Hunderte Männer, die dem Giftgas des irakischen Diktators nur mit Mühe entkommen sind.

Darüber hinaus hat der Irak-Krieg 2003 gezeigt, dass ein Land ohne Massenvernichtungswaffen mit dem Sturz seines Regimes rechnen muss. Wer welche besitzt wie Nordkorea, ist davor anscheinend gefeit. Und da die US-Regierung von George W. Bush und die hinter ihr stehenden Republikaner nie einen Hehl daraus gemacht haben, dass sie die Mullahs loswerden wollen, haben die schon vor Jahren begonnen, den Preis dafür nach oben zu treiben.

Wie gefährlich ist ein nuklear bewaffneter Iran?

Nicht so gefährlich, wie uns konservative Amerikaner oder Israels Regierung weismachen wollen. Der Iran ist kein Land, das in den vergangenen Jahren große Kriege angezettelt hat. Im Gegenteil, er ist Opfer von Kriegen geworden. Ihm geht es allem Anschein nach eher um Abschreckung als um Aggression. Selbst die antisemitischen Äußerungen des Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad sind vor allem der Klientel im Land geschuldet und keine Kriegserklärung an Israel. Denn mit dem ewigen Gerede von den bösen Feinden draußen lassen sich die eigenen Unzulänglichkeiten kaschieren. Die hohe Arbeitslosigkeit vor allem bei Jugendlichen etwa, die schlechte Infrastruktur des Landes. So ähnlich hat schon Fidel Castro verteidigt, weshalb es seinen Landsleuten nicht besser geht. Mit dem Hinweis auf die Feinde draußen treiben übrigens auch die Parteien der rechten Regierungskoalition in Israel ihre Wähler zusammen.

Alles halb so schlimm also?

Leider nein. Erstens setzt ein nuklearer Iran eine atomare Aufrüstungsspirale in der Region in Gang. Saudi-Arabien hätte dann auch gerne Atomwaffen, Syrien und die Türkei gehörten ebenso gerne in diesen exklusiven Kreis. Zweitens verfügt der Iran über ein kompliziertes Machtgefüge, das schwer zu durchschauen ist. Aber man darf daran zweifeln, dass sein System der Checks-and-Balances immer und unter allen Umständen funktionieren und den Einsatz von Atomwaffen verhindern würde.

Was also tun?

Militärisch gegen den Iran und seine Installationen vorzugehen, verbietet sich. Ob Israelis im Alleingang oder in Kooperation mit den USA oder Saudi-Arabien - es gibt zu viele, zu große potentielle Ziele, um das Atomprogramm auszuschalten. Womöglich sind nicht mal alle wichtigen Ziele bekannt. Deshalb kommen die Planspiele amerikanischer Militärs über einen Einsatz der US-Luftwaffe gegen Ziele im Iran und die Konsequenzen eines solchen Angriffs zu dem einen Schluss: Militärisch ist das Problem nicht aus der Welt zu schaffen. Denn ein Angriff würde den Fortgang des Programms nur für eine bestimmte Zeit aufhalten, aber die Entschiedenheit innerhalb der Führung dramatisch erhöhen, jetzt erst recht weiter zu machen. Iran würde darüber hinaus voraussichtlich mit Terror an anderer Stelle reagieren, im Nahen Osten sicher, in Europa womöglich auch.

Und da es leicht wäre, die Straße von Hormus abzuriegeln und damit die Öllieferungen an den Rest der Welt drastisch zu kappen, hätte die Reaktion auf den Angriff verheerende Folgen für eine ohnehin geschwächte Weltwirtschaft. Spätestens dann sähen sich die USA - im Alleingang oder im Verbund mit anderen - vermutlich gezwungen, in den Konflikt auch militärisch einzugreifen. Diese Eskalation würde sicher auch andere Staaten in den Konflikt hineinziehen - auf Seiten des Iran.

Gibt es eine Lösung?

Vielleicht. Aber die ist kompliziert, risikoreich und wenig sexy. Ausgerechnet US-Präsident Barack Obama hat den Hinweis darauf gegeben. Es muss darum gehen, alle Atomwaffen der Welt zur Disposition zu stellen. Der Abbau der nuklearen Kapazitäten aller Staaten ist das Ziel. Aber weil das eher nach Utopie klingt statt nach einer konkreten Strategie und darum lange dauert, selbst wenn alle Akteure mitspielen würden, ist schnelleres Handeln gefragt. Realpolitik ist nötig, um zu erreichen, was Sicherheitspolitiker gemeinhin "containment" nennen: für Länder, die in der Lage wären loszuschlagen, eine Situation zu schaffen, damit sie darauf verzichten.

Teil eins dieses Konzepts ist die aus dem Ost-West-Konflikt hinlänglich bekannte Abschreckung. Also die alte Drohung: Wer als erster schießt, stirbt als zweiter. Das ist bei einer Konfrontation zweier Großmächte wie den USA und der ehemaligen Sowjetunion sicher überschaubarer als bei einem Konflikt mit so vielen Akteuren wie im Mittleren Osten.

Teil zwei ist das, was Zbginiew Brzezinski, Jimmy Carters ehemaliger Sicherheitsberater und so was wie die graue Eminenz der Globalstrategen, "die Politik des selektiven Engagements" nennt: Man kann nicht mit allen gefährlichen Staatschefs oder Regimen der Welt zur selben Zeit reden, aber man sollte es mit den besonders gefährlichen tun. Im Fall des Iran heißt das, die USA als der große Feind sollten den Dialog beginnen. Erst mal auf informeller Ebene womöglich. Es geht dabei darum, die Sicherheitsinteressen der anderen Seite zu verstehen und auszuloten. Und dem Gegenüber nicht nur das vage Gefühl zu geben, sondern eine Garantie, dass man seine Interessen akzeptiert. Der nächste Schritt wäre es, Wohlverhalten im Sinne des Westens zu belohnen. Es ist die alte Formel von der Veränderung durch Annäherung und schließlich vom Wandel durch Handel.

Das klingt nicht sehr moralisch, wenn man sich vor Augen führt, wie das Regime in Teheran gerade mit seinen friedlichen Gegnern im eigenen Land umspringt. Aber es ist moralischer als die Welt in einen Konflikt zu stürzen, dessen Konsequenzen unüberschaubar, aber vermutlich verheerend sein werden.

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