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Benutzt der IS den Mossul-Staudamm als Massenvernichtungswaffe?

Steht eine irakische Offensive in Mossul unmittelbar bevor? Seit Tagen zieht die Armee Einheiten vor der vom IS besetzten Stadt zusammen. Der marode Staudamm könnte in dem Kampf zum As im Ärmel des IS werden. Hunderttausende Flut-Opfer drohen.

Mossul-Talsperre

Die Mossul-Talsperre im Nordirak: Von dem unterspülten Bauwerk geht eine andauernde Gefahr aus - und der IS könnte sie zu Terrorzwecken nutzen.

Es wäre ein Flutwelle von vernichtenden Ausmaßen: Das Schicksal der seit Jahren als baufällig geltenden Mossul-Talsperre im Nordirak hängt wie ein Damoklesschwert über der gesamten Region - sollte die Staumauer brechen, würden riesige Mengen Wasser den Fluss Tigris hinabstürzen. Die Flutwelle hätte laut Experten-Schätzungen eine Höhe von 12 bis 15 Metern und könnte die Stadt Mossul innerhalb kürzester Zeit komplett fluten. Wie ein Berater des irakischen Premierministers unlängst der Nachrichtenagentur AFP erklärte, würde Mossul dann "einfach verschwinden, 500.000 Menschen würden innerhalb weniger Stunden sterben". Die Gefahr, die von dem Damm ausgeht, ist schon seit langem bekannt. Versuche, ihn dauerhaft zu stabilisieren, blieben bislang ohne Erfolg.

Nun führt ein neues Schreckensszenario zu großer Besorgnis: Sollte das derzeit vom IS kontrollierte Mossul von den irakischen Streitkräften zurückerobert werden, könnte die Terrormiliz versuchen, den 40 Kilometer vom Stadtzentrum gelegenen Damm unter ihre Kontrolle zu bringen - und ihn als letzte Waffe gegen vorrückende Truppen und die Zivilbevölkerung einzusetzen. Derzeit wird der Damm von kurdischen Peschmerga-Truppen gehalten.

Mossul-Talsperre

Die Mossul-Talsperre liegt gut 40 Kilometer von der Metropole Mossul entfernt


Die Sorge vor einem Angriff des IS auf die Mossul-Talsperre bekommt neue Nahrung, da die irakische Armee begonnen hat, die Rückeroberung der Stadt vorzubereiten. Nach Angaben des irakischen Militärs wurden bereits tausende Soldaten zu einem Stützpunkt nahe Mossul verlegt. Weitere Truppen sollen in Kürze folgen. Wie ein irakischer Brigadegeneral AFP sagte, sei es nun zunächst das Ziel, der IS-Terrormiliz die Nachschubwege abzuschneiden. Doch die Kontrolle und Stabilität des Mossul-Damms ist eine entscheidende Komponente in einer erfolgreichen Kampagne zur Rückeroberung der IS-Hochburg am Tigris.

"Mehrere Meter hohe Flutwelle“ würde Bagdad erreichen

Laut einem Berater des irakischen Premierministers, könnte es zu einem Schreckensszenario kommen, "bei dem der IS selbst den Damm angreifen könnte, während sie sich aus Mossul zurückziehen." Die Anti-IS-Koalition sei zudem besorgt, dass großangelegte Bombardierungen von IS-Stellungen in der Region um Mossul den Damm während einer Offensive weiter destabilisieren könnten. Die Talsperren-Problematik dürfte somit eine ohnehin schon sehr komplexe Offensive zur Rückeroberung Mossuls noch einmal deutlich erschweren.

Nicht nur Mossul wäre bei einem Kollaps in extremer Gefahr, die Flutwelle könnte auch einen weiteren Damm bei Samarra, hunderte Kilometer weiter südlich am Tigris gelegen, zum Einsturz bringen. Auch die Großstadt Tikrit und die irakische Hauptstadt Bagdad würden auf dem Weg der Wassermassen liegen: Die Flutwelle wäre laut Einschätzung eines Beraters des irakischen Premierministers immer noch "mehrere Meter hoch" wenn sie Bagdad erreiche.

Die Geschichte der Mossul-Talsperre war von Anfang an mit Problemen behaftet: Der 3600 Meter lange und 135 Meter hohe Damm wurde zwischen 1981 und 1986 errichtet - und das fatalerweise auf instabilem Sandstein-Untergrund. Wasser unterspült die Struktur des Bauwerks, so dass es dauerhaft wartungsbedürftig ist. Die immer neuen Löcher und Risse im Fundament der Talsperre wurden lange mit Zement aufgefüllt, doch in den letzten Jahren konnten diese Wartungsarbeiten nicht mehr zur Genüge durchgeführt werden.

Seismische Aktivitäten in der Region

Bereits im August 2014 hatte der Islamische Staat kurzzeitig die Kontrolle über den Damm erlangt, bis er kurz darauf von kurdischen und irakischen Einheiten zurückerobert wurde. Doch auch 18 Monate nach der Rückeroberung des Damms befindet er sich in keinem guten Zustand. Sinkende Ölpreise und Machtkämpfe zwischen der Regierung in Bagdad und der Autonomen Region Kurdistan verzögern wichtige Reparaturen an dem Bauwerk. Der stellvertretende Direktor der Mossul-Talsperre bestätigte gegenüber der britischen BBC: "Die Verbindungen an den beiden Haupttoren haben sich vertikal und horizontal verschoben, was zum Zusammenbruch des Damms führen könnte, aber wir wissen nicht wann dies geschehen wird." Zudem werden in der Region auch immer wieder leichte seismische Aktivitäten verzeichnet.

Nach langem hin und her wurde vor kurzem eine italienische Firma beauftragt, die dringenden Wartungsarbeiten an dem Staudamm durchzuführen. Rom will die Sicherheit der Ingenieure mit insgesamt 450 italienischen Soldaten gewährleisten. Doch auch hier sieht der Berater des irakischen Premiers Probleme: Die dringendsten Reparaturen werden sieben Monate dauern, weitere Reparaturen mindestens 18 Monate. Der “Premierminister befürchtet außerdem, dass die Auftragsvergabe an Subunternehmer zu Verzögerungen oder Korruption führen könne (…) “, so der Berater.

Risiko eines Kollaps "deutlich höher als bislang angenommen"

Auch Washington hat sich in der Vergangenheit mehrfach kritisch über den Zustand der Talsperre geäußert. Schon 2006 hatte das US-Ingenieurkorps vor den Baumängeln des Damms gewarnt. Besonders seit der Machtergreifung des IS in weiten Teilen des Iraks rückt die Mossul-Talsperre wiederholt ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Laut einem US-Bericht, der kürzlich auf der Webseite des irakischen Parlaments veröffentlicht wurde, habe die Mossul-Talsperre "ein deutlich höheres Risiko zu kollabieren, als bislang angenommen." Unlängst hatten die US-Behörden die Gefahr eines Damm-Kollapses in die Reisewarnungen für den Irak aufgenommen. Dort heißt es, die Botschaft in Bagdad habe einen "Notfallplan entwickelt, um das Personal in einem solchen Falle zu evakuieren".


Auch das Auswärtige Amt warnt vor der Gefahr bei Irak-Reisen: "Die zum Erhalt der strukturellen Stabilität des Mossul-Staudammes notwendigen Sanierungsmaßnahmen konnten in den letzten Jahren nur unzureichend durchgeführt werden. Ein Bruch (…) kann nicht ausgeschlossen werden."

Erst kürzlich berichtete der Peschmerga-Kommandeur Jamal Mahmoud, der für die Sicherheit der Mossul-Staudamms zuständig ist, der kurdischen Nachrichtenagentur Rudaw: "Unsere Stellungen am Damm wurden erst kürzlich angegriffen und sechs Peschmerga-Kämpfer kamen dabei ums Leben." Mahmoud hege zudem den Verdacht, dass die örtliche Bevölkerung nahe des Damms mit dem IS kollaboriere. Die Mossul-Talsperre bleibt somit eine tickende Zeitbombe im Irak - und eine strategische Schwachstelle die der IS ausnutzen könnte.


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