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Wie der Islamische Staat mit Öl Geschäfte macht - auch mit der Türkei

Der Abschuss des russischen Jagdbombers durch die Türkei zeigt, wie Komplex der Kampf gegen den IS in Syrien ist. Ohne der Terrormiliz das Öl als Geldquelle zu nehmen, wird sie kaum zu besiegen sein. Doch das Öl landet auch beim Nato-Partner Türkei.

Von Niels Kruse und Alexander Meyer-Thoene

Angriff Öl Syrien

Russischer Angriff auf eine vom IS kontrollierte Öl-Anlage in Syrien

Seit einigen Tagen nimmt die russische Armee in Syrien gezielt Öltanklaster ins Visier - auf ausdrücklichen Befehl von oben. Die Luftwaffe soll die Transporter in den vom IS kontrollierten Gebieten angreifen, rund 500 seien in einer Woche zerstört worden, sagt ein russischer Einsatzleiter. Auch die Amerikaner gehen gegen die Laster vor, US-Kampfjets sollen nahe der Stadt Bukamal an der syrisch-irakischen Grenze zuletzt 116 Tankfahrzeuge zerstört haben. Mit den Angriffen soll eine der Hauptfinanzquellen der Dschihadisten trockengelegt werden: das Ölgeschäft. Laut der "Financial Times" spült der Öl-Schmuggel dem IS 1,5 bis zwei Millionen Dollar in die Kassen - tagtäglich.

Der Islamische Staat gilt als reichste Terrororganisation der Welt. Zu Beginn finanzierte er sich über Spenden von wohlmeinenden Unterstützern, über Lösegelderpressung und den Handel mit gestohlenen Kulturgütern. Mit der Eroberung von ganzen Städten fielen der Terrormiliz auch Banken in die Hände und damit Millionenwerte. Seitdem sich der IS in Teilen des Irak und Syriens etabliert hat, erheben die neuen Machthaber auch Steuern und Wegezölle, die im Grunde nichts anderes sind als offene Schutzgelderpressung. Nicht-Muslime müssen zudem eine Sondersteuer zahlen. Schätzungen zufolge bringt das den Kämpfern bis zu eine Million Dollar pro Tag ein.

Selbst die Feinde kaufen das Schmuggel-Öl

Den größten Batzen aber macht der Verkauf von Öl aus. Im Zuge ihrer Eroberungen sind dem IS einige Ölfelder in die Hände gefallen, wie zum Beispiel in al Tanak und al Omar in Ostsyrien. Der Rohstoff wird in kleinen primitiven Raffinerien verarbeitet und über die türkische Grenze sowie in die irakischen Kurdengebiete geschmuggelt. Geheimdienste gehen davon aus, dass in den besetzten Gebieten bis zu 40.000 Barrel (ein Fass sind 159 Liter) Öl pro Tag gefördert werden. Pro Barrel werden zwischen 20 und 50 Dollar gezahlt.

Um das Öl zu vermarkten, hat der IS einen komplexen Vertrieb aufgebaut, denn über offizielle Kanäle und Routen lässt sich der Rohstoff nicht an den Mann bringen. Im Wesentlichen sind es lokale Händler und Besitzer von geeigneten Fahrzeugen, die das Öl von den Förderanlagen zu den Raffinerien und Endkunden bringen. Zu denen gehören auch die Rebellen, die über Umwege an den Treibstoff gelangen aber gleichzeitig den IS bekämpfen. Die Bezahlung erfolgt über das so genannte Hawala-Finanzsystem, das hauptsächlich aus einem Netz aus diversen, vertrauenswürdigen Geldboten besteht. Nicht wenige Abnehmer des Schmuggel-Öls sitzen auch in der Türkei.

Das Öl geht auch in die Türkei

Ein Umstand den der russische Präsident Putin nach dem Abschuss eines russischen Jagdbombers durch die Türkei erneut betonte: "Es ist uns bereits seit geraumer Zeit bekannt, dass große Mengen Öl und Ölprodukte aus vom IS besetzten Gebieten in die Türkei gelangen."

In der Tat wird der Türkei immer wieder vorgeworfen, einer der größten Abnehmer von IS-Öl zu sein - nicht nur von russischer Seite. Bereits letztes Jahr berichtete der türkische Oppositionspolitiker Ali Edibogluan in einem Interview, dass "Öl für 800 Millionen Dollar aus Regionen unter IS-Kontrolle  in die Türkei verkauft wurden". Laut Edibogluan gelangt das Öl aus dem Irak und Syrien über Pipelines Richtung Türkei. Einmal über der Grenze, werde das schwarze Gold schnell in Bargeld verwandelt. Basis für des Ölgeschäft des Islamischen Staates, ist ein "seit langem existierender Schwarzmarkt für Öl" in der Region, den der IS nach seiner Machtübernahme weiterführte, wie der US-Terrorexperte David Cohen gegenüber der "Financial Times" bestätigte.

Peschmerga sind Hoffnungsträger gegen den IS

Die Beziehung zwischen dem IS und der Regierung Erdogan sind komplex: Da der Westen - zu Recht - vor einem erneuten Einsatz von Bodentruppen im Mittleren Osten zurückschreckt, gelten vor allem die Kurdischen Peschmerga als größte Hoffnung im bewaffneten Kampf gegen die IS-Terrormiliz. Frühere Offensiven haben bereits gezeigt, dass die Peschmerga im Kampf gegen den IS äußerst effektiv sind.

Doch sind kurdische Organisationen wie die PKK und die YPG - und der ewige Wunsch nach einem unabhängigen Staat - der Regierung in Ankara schon seit langem ein Dorn im Auge. Nachdem Erdogan erst kürzlich wiedergewählt wurde, erklärte er dem IS medienwirksam den Krieg - die Anschläge von Suruc und Ankara waren die Antwort der Dschihadisten. Doch viele der türkischen Luftangriffe richteten sich gegen die kurdische PKK, den Erzfeind der Türkei - wobei es gerade kurdische Truppen sind, die dem IS auch am Boden die Stirn bieten können.

Der Islamische Staat - was die Terroristen wollen, woher ihr Hass kommt und wie gefährlich sie für Deutschland sind - lesen Sie den großen Report im neuen stern

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