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Auch Israel hat "Pegida"

Im Tirtzu heißt eine außerparlamentarische Gruppierung in Israel, die mit rechtsextremen Aktionen immer wieder Schlagzeilen macht. Nun bedroht sie Intellektuelle wie Amos Oz und David Grossmann. 

Von Sophie Albers Ben Chamo

Der israelische Autor Amos Oz

An den Pranger gestellt als "ausländischer Agent": der gefeierte Autor Amos Oz

Eine rechtsextreme, israelische NGO namens Im Tirtzu mit guten Verbindungen zur Regierung attackiert Kulturschaffende im eigenen Land - weil sie, so der Vorwurf, nicht nationalistisch genug seien. Das erinnert mindestens an Pegida. Vor allem aber auch an die McCarthy-Ära in den USA. Auch Im Tirtzu hat nun eine schwarze Liste veröffentlicht.

Darauf finden sich unter dem Label "ausländische Agenten" mehr als hundert Namen, darunter die solch kultureller Größen wie Amos Oz, David Grossmann, Gila Almagor oder auch Chava Alberstein. Die Liste steht seit Mittwoch online, eine längere Version soll folgen. Außerdem kursieren im Netz Poster, die Fotos der Angeprangerten zeigen unter der Überschrift "Agenten in der Kultur". Wie die israelische Zeitung "Haaretz" berichtet, plane Im Tirtzu, diese auf Plakatwänden im Land zu verteilen.

שתולים בתרבות.העולם התרבותי שלנו נשלט על ידי שתולים רבים של הקרן לישראל החדשה וארגוניה. מועצות תרבות, קרנות קולנוע, במ...

Posted by ‎תנועת "אם תרצו" - בונים חברה ציונית‎ on Wednesday, 27 January 2016


Den Kulturschaffenden werden linkspolitische Aktivitäten vorgehalten wie etwa der Einsatz für Frieden zwischen Israel und den Palästinensern, die Einhaltung der Menschenrechte oder die Förderung der Demokratie. Das macht Im Tirtzu fest am Engagement der Kritisierten für Organisationen wie B'Tselem, Breaking the Silence, Jesch Din oder auch dem New Israel Fund. Zuvor hatte Im Tirtzu schon Mitarbeiter dieser Organisationen in einer Videokampagne als Feinde Israels gebrandmarkt. "Sie sind Mitglieder ausländischer Organisationen, die mit Hilfe des Geldes ausländischer Regierungen gegen den Staat Israel arbeiten", so die Behauptung.

"Ein Haufen Hooligans"

Die Schriftstellerin Ronit Matalon, der ihr Engagement für Breaking the Silence vorgeworfen wird, eine Organisation von israelischen Soldaten, die Menschenrechtsverletzungen bei ihren Einsätzen dokumentiert, nannte Im Tirtzu "einen Haufen Hooligans". "Das Problem ist, je weiter sich Israel isoliert, je mehr es als Aussätziger gesehen wird, um so mehr greift es sich selbst an, ohne es überhaupt zu verstehen. Wir sollten dagegenhalten und keine Angst haben", zitiert "Haaretz" die Autorin.

Die berühmte Schauspielerin Gila Almagor (war in Steven Spielbergs "München" zu sehen und gerade im ARD-Film "Sara Stein - Shalom, Tel Aviv") sagte dem Newsdienst Ynet: "Ich bin stolz, mich für die Menschenrechte engagiert zu haben, und ich werde es auch in Zukunft tun. Was ist das, die Gedankenpolizei? Was ist hier los? Es ist eine Schande."

Der gefeierte Dramatiker Yehoshua Sobol fordert den Generalstaatsanwalt auf, sich diese "zerstörerische Organisation" vorzunehmen - und die bekannte TV-Entertainerin Rivka Michaeli hofft, dass Premier Netanjahu endlich sage, "Es reicht!". "So fängt es an. Das ist Denunziation und Stigmatisierung. Ich erwarte, dass es die Menschen aufrüttelt", so Michaeli. "Ich habe Angst um Israel und seine wunderbare Gesellschaft, die hier gegründet wurde."

"Peinlich, unnötig und schändlich"

Zu einem "Es reicht!" war Netanjahu bisher nicht bereit. Von Journalisten auf Im Tirtzu angesprochen, sagte er: "Ich bin dagegen, jeden, der eine andere Meinung als die Mehrheit hat, als 'Verräter' zu bezeichnen. Wir sind eine Demokratie, und da gibt es verschiedene Meinungen", zitiert ihn "Ynet". Allerdings sei er gegen Breaking the Silence, führt die "Jerusalem Post" das Zitat weiter. Naftali Bennett hingegen, Bildungsminister und Chef der Partei Beit Yehudi, die Im Tirtzu bisher unterstützt, kritisiert die Kampagne entschieden. Sie sei "peinlich, unnötig und schändlich."

Ob es rechtliche Schritte gegen Im Tirtzu wegen Aufstachelung geben wird, ist nicht bekannt. 

Ronen Shoval, einer der Gründer von Im Tirtzu, reagierte auf Twitter auf Vergleiche mit Joseph McCarthy. Sein Statement: Angesichts derer, die gegen McCarthy seien, stehe er auf der Seite des ehemaligen US-Politikers. Der Ex-US-Senator hat in den 50er Jahren eine wahre Hexenjagd auf Kommunisten - und solche, die er dafür hielt - angestoßen.

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