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Der 51. Staat der USA?

Das Thema ist heikel. Wer darüber spricht, muss fürchten, Beifall von der falschen Szene zu bekommen. Oder als Antisemit zu gelten. Wie die Autoren des Buches "Die Israel-Lobby". Ein Besuch bei Amerikas jüdischer Elite und den Organisationen, die in Washington die Strippen ziehen.

Von Michael Streck und Jan Christoph Wiechmann

Dies ist die Geschichte einer Frage. Sie schwebte umher, als der Irak-Krieg begann. Sie machte ihre Runde in den Hinterzimmern Washingtons und den Seminarräumen der Universitäten und den Foren im Internet, doch in die breite Öffentlichkeit schaffte sie es nicht. Sie schien zu heikel, diese Frage. Sie klang nach Verschwörung. Sie roch nach Antisemitismus, diese Frage und all die nachfolgenden Fragen: Führte Amerika den Irak-Krieg für Israel? Waren es vor allem Juden, die eine Invasion wollten, einflussreiche Juden der pro-israelischen Lobby in den USA? Ist sie wirklich so mächtig, diese Lobby? Bestimmt sie gar die Nahostpolitik Amerikas?

Sollte man sie stellen, solche Fragen? Als im vergangenen Jahr die Professoren Stephen Walt und John Mearsheimer in der "London Review of Books" genau diese Fragen in ihrem Essay "The Israel Lobby" aufwarfen, brach ein Sturm los. Der israelische Botschafter nannte die Thesen "einen Haufen Müll", die Anti-Defamation League "konspirativ", Harvard-Professor Alan Dershowitz bezeichnete sie sogar als "Neonazi-Propaganda". Monatelang ging das hin und her. Ein gutes Dutzend Aufsätze erschien und Repliken auf diese Aufsätze. Mearsheimer und Walt hatten den vielleicht empfindlichsten Nerv der Nation getroffen, und zuweilen wunderten sie sich über die Wucht der Debatte, die Hysterie und auch den Zorn, mit der sie geführt wurde. Und als der Sturm sich zu legen begann, beschlossen die beiden: "Jetzt erst recht." Wir machen ein Buch.

Provokant, einseitig und politisch unkorrekt

Es ist ein Donnerstag Ende August in den Redaktionsräumen des stern in New York. Die Autoren sind aus Boston und Chicago angereist. Sie sind auf Buchtour und geben das erste Interview für ein europäisches Blatt. Ihr Buch ist fertig, "Die Israel- Lobby", 500 Seiten dick. Sie beschreiben darin, wie die Pro-Israel- Lobby in den USA die Nahostpolitik beherrscht, wie sie jede Kritik an Israel unterbindet und die Interessen Amerikas verrät. Das Werk ist provokant, einseitig und politisch unkorrekt. Aber ist es antisemitisch?

"Wir waren nicht gerade überrascht, dass wir als Antisemiten bezeichnet wurden", sagt John Mearsheimer. "Das ist die Taktik unserer Gegner: eine Schmutzkampagne, um jede Diskussion zu verhindern." Am Tag, als ihr Buch erschien, brachte Abraham Foxman von der Anti-Defamation League ein Gegenwerk mit dem Titel "The Deadliest Lies" (Die tödlichsten Lügen) auf den Markt. Die Vorträge der "Lobby"-Autoren in der New York University und dem Chicago Council of Global Affairs wurden abgesagt - "wegen des Drucks pro-israelischer Kräfte", sagt Mearsheimer. Aber schlecht sei das nicht, es helfe bei der Vermarktung. Davon lebt das Buch. Von der Kontroverse. Vom Tabubruch. Aber ist es das - ein Tabubruch?

Attacken von ganz links und ganz rechts

Tatsächlich haben sich bisher nur wenige Wissenschaftler so ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt. Es gab die üblichen Verschwörungstheoretiker, die Attacken von ganz links und ganz rechts, die sich trafen in der Sage vom Weltjudentum, von exzessiver jüdischer Macht, doch mit ihnen haben die Autoren nichts gemein. Stephen Walt ist Professor für Internationale Politik an der "Kennedy School of Government" in Harvard, Mearsheimer ist Politikprofessor an der "University of Chicago". Das sei ihr Vorteil, sagen sie. Sie haben eine allseits respektierte Karriere und einen Ruf als Anhänger der Realpolitik. Sie konnten das Risiko eingehen.

Dennoch haben sie lange überlegt. Sie ahnten: "Wir betreten ein Minenfeld." "Diese Debatte findet im Kontext von 200 Jahren Antisemitismus statt", sagt Walt. "Mischt man das mit den Verschwörungstheorien und dem Holocaust, ist es verständlich, dass viele amerikanische Juden sehr sensibel reagieren." Sie entschieden sich für das Buch - für das sie 750.000 Dollar Vorschuss erhielten -, weil einer den Anfang machen musste. "Wir diskutieren in den USA wirklich jedes Thema kontrovers, von Abtreibung bis Waffenrecht, nur eines nicht: die bedingungslose Unterstützung Israels", sagt Mearsheimer.

Ein wenig Kosher Nostra

Ihre Thesen sind herausforde rnd, und wenn sie diese präsentieren, wie in den zwei Stunden dieses Interviews, klingt das - trotz aller Beschwichtigungen - immer ein wenig nach Kosher Nostra, nach der allumfassenden Macht der Juden in Amerika: Der US-Kongress und -Senat ergeben sich vorbehaltlos dem Druck pro-israelischer Lobby-Gruppen, vornehmlich dem American Israel Public Affairs Committee (AIPAC). Die USA gefährden mit ihrer Israelpolitik nicht nur den Friedensprozess im Nahen Osten, sondern auch die eigene nationale Sicherheit.

Der politische Diskurs - in Washington wie an den Universitäten - wird von pro-israelischen Organisationen unterminiert. Die Lobby bestimmt qua Wahlkampfspenden_ über das politische Wohl oder Wehe von Abgeordneten. Und - die umstrittenste These: Der Bush-nahe Zirkel aus überwiegend jüdischen Neokonservativen um Richard Perle, Paul Wolfowitz, David Wurmser, Douglas Feith ist für die Invasion des Irak verantwortlich. Ihr Hauptmotiv: nicht Öl, nicht die Demokratisierung des Mittleren Ostens, nicht Saddams Massenvernichtungswaffen, sondern die Sicherheit Israels.

Darf man solche Fragen stellen?

Darf man sie führen, eine solche Debatte? Darf man solche Fragen stellen? Als Deutsche? Gibt man nicht Antisemiten Munition? "Die Deutschen", sagen Walt und Mearsheimer, "tun der Welt keinen Gefallen, indem sie nicht über das Thema reden."

Die Suche nach Antworten beginnt in einem Bürogebäude auf der Third Avenue in New York City, wo die "Conference of Presidents of Major American Jewish Organizations" residiert, die Dachorganisation von 50 jüdischen Interessensverbänden in den USA. Ihr Vorsitzender Malcolm Hoenlein gilt als einer der einflussreichsten und wortgewaltigsten Juden des Landes, er unterhält glänzende Beziehungen zu Bush und den Clintons. Der Besucher gibt seinen Ausweis ab, durchquert eine Sicherheitsschleuse, die ein bisschen an den alten Grenzübergang an der Friedrichstraße in Berlin erinnert, und trifft Mister Hoenlein in einem fensterlosen Konferenzraum. Die israelische Flagge steht rechts, die US-Flagge links. Hoenlein ist ein freundlicher und impulsiver Mann. Er verlor seine deutschen Vorfahren im Holocaust, und nun wollen ausgerechnet Deutsche mit ihm über jüdische Macht reden. "Europäer sind besessen davon", sagt er. "Wann immer die BBC kommt, sage ich denen: Es geht euch doch sowieso nur um die Israel-Lobby, warum fangen wir nicht gleich damit an."

"Es gibt keine jüdische Lobby"

Natürlich dürfe man danach fragen, natürlich auch als Deutscher, sagt er, aber natürlich hätten die Deutschen eine besondere Verantwortung. Malcolm Hoenlein ist in seinen Antworten klar und kompromisslos: "Es gibt keine jüdische Lobby. Es gibt Menschen, die für die amerikanisch- israelischen Beziehungen Lobbyarbeit machen, aber das ist Teil des amerikanischen Systems. Es ist eine Lüge, dass die amerikanische Politik manipuliert wird." Für einen Moment sieht es so aus, als wolle Hoenlein die Thesen von Walt und Mearsheimer diskutieren, aber dann zieht er zurück: "Das Buch führt zu einer Vergiftung des Klimas, es sind irrationale Diskussionen, die nicht auf Fakten beruhen."

Das ist die Verteidigungslinie. Das Buch beruht nicht auf Fakten. Es ist gefährlich. "Wir sehen das schon in Großbritannien und auch hier. Was einst an den Rändern hingenommen wurde, wird zunehmend im Mainstream akzeptiert - simplizistische Anklagen: Wenn Israel und die USA so enge Freunde sind, muss irgendeiner das manipulieren. Nur, so ist das nicht: Amerikaner identifizieren sich mit Israel, wir haben die gleichen Werte, wir stellen uns Extremisten entgegen. Immer wieder in der Geschichte erfindet man Verschwörungstheorien. Dies ist eine moderne Version der ,Protokolle der Weisen von Zion‘, die zum Tode vieler Juden führten." Er macht eine Pause. Das sind harte Worte. "Die Protokolle der Weisen von Zion" - eine der übelsten und verleumderischsten Lügenschriften der Geschichte, Blaupause des Antisemitismus. Aber er geht noch weiter. "Einige sagen, es ist wie im Deutschen Reich 1938. Das glaube ich nicht. Eher wie 1932. Wir stehen einer globalen Bedrohung gegenüber mit einer Ideologie, die dem Nazismus sehr ähnlich ist. Und auch Hitler wandte sich an Akademiker und Wissenschaftler, um seinen Rassismus zu rechtfertigen."

Unverbrüchliche Solidarität Amerikas mit Israel

Malcolm Hoenlein verkörpert die Israel- Lobby. Wenn seine Organisation zur Demonstration aufruft, erscheinen Tausende, wie vor einigen Wochen vor dem UN-Gebäude in New York. Sie protestieren für die Freilassung der drei immer noch von den Palästinensern festgehaltenen israelischen Soldaten. Vier Kongressabgeordnete halten Reden, dazu Nobelpreisträger Elie Wiesel und Hoenlein natürlich auch. Sie alle sprechen von der unverbrüchlichen Solidarität Amerikas mit Israel und den gemeinsamen Werten. Flugblätter der Likud- Partei kursieren, eine ältere Dame trägt ein Schild, "Terror darf man nicht belohnen. Werft keine Juden raus aus Judäa und Samaria". Die Demo könnte auch in Tel Aviv sein oder West-Jerusalem. Aber das hier ist New York.

Sechs Millionen Amerikaner, zwei Prozent der US-Bevölkerung, sind jüdischen Glaubens. Die deutliche Mehrheit bezeichnet sich als liberal, sie stimmt traditionell für die Demokraten, befürwortet einen palästinensischen Staat und den Abzug der israelischen Siedler aus den besetzten Gebieten und ist gegen den Irak- Krieg. "Aber der Großteil der amerikanischen Juden ist in den wirklich wichtigen Organisationen unterrepräsentiert", sagt der Nahostexperte Michael Massing. "Die wahre Macht liegt in den Händen von vier Männern im AIPAC-Direktorium, der ‚Gang of Four‘. Sie wollen ein starkes Israel, ein schwaches Palästina und ein Amerika, das keinen Druck auf Israel ausübt."

Eine Bastion im Nahen Osten

Das amerikanisch-israelische Verhältnis war längst nicht immer so freundschaftlich. In den 50er Jahren drängte Präsident Eisenhower vehement auf den Abzug der Israelis aus den besetzten Suez-Gebieten. Erst mit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 verschoben sich die Parameter vom befreundeten Alliierten zum mit Abstand besten Freund. Arabische Führer sprachen davon, das israelische Volk ins Meer zu treiben. Es war wie ein Holocaust-Fanal, und Washington versicherte Israel seiner Verbundenheit - moralisch, militärisch, wirtschaftlich. Die USA sahen in Israel fortan eine Bastion im Nahen Osten, auch aus eigenem Interesse während des Kalten Krieges. Selten kommt es zu offenen Verstimmungen. Etwa als die Reagan-Regierung den Verkauf von Awacs-Flugzeugen an Saudi- Arabien gegen den Widerstand Israels und dessen Hilfstruppen auf dem Capitol Hill durchpaukte. Oder als sich George Bush senior 1991 mit der Lobby anlegte. Er verlangte vom damaligen Ministerpräsidenten Shamir für eine Kreditgarantie über zehn Milliarden Dollar das Versprechen, dass keine neuen Siedlungen im Gazastreifen und im Westjordanland gebaut würden. Daraufhin machten die Lobbyisten mobil, schickten 1000 Mitglieder Richtung Capitol Hill, um im Kongress Stimmung zu machen, aber Bush blieb hart.

Heute scheint so etwas unmöglich. Ob Demokrat oder Republikaner im Weißen Haus: Kritik an Israel ist tabu. Keiner der aktuellen Präsidentschaftsbewerber würde es wagen, Israel zu attackieren. Es könnte ihm so ergehen wie vor drei Jahren Howard Dean, der eine neutralere US-Position im Israel-Palästina- Konflikt einforderte und dafür von seinen Demokraten aufs Schärfste gerüffelt wurde. Seit 1976 haben sechs israelische Regierungschefs vor dem Kongress gesprochen, mehr als aus jedem anderen Land. Warum, fragen viele, braucht eine prosperierende Wirtschaftsnation wie Israel drei Milliarden Dollar Hilfe aus Washington, was 500 Dollar pro Kopf entspricht, rund einem Sechstel des gesamten US-Etats für Auslandshilfe? Warum legen die USA im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen 42-mal ihr Veto ein, wenn der souveräne Staat Israel für Menschenrechtsverletzungen getadelt wird? Nach einer Umfrage des PEW-Meinungsforschungsinstituts sagen selbst 47 Prozent der befragten Israelis, dass die US-Außenpolitik ihren Staat zu stark bevorteile. Also warum?

"Sie haben mit sehr vielem recht"

Die Reise auf der Suche nach Antworten führt nach Washington. Ein paar Blocks entfernt vom Kapitol liegt das Büro des Israel Policy Forum (IPF), eines liberalen Think-Tanks. M. J. Rosenberg ist der Leiter, er schreibt wöchentlich Kolumnen, viele davon kritisch gegenüber Israel und der Bush- Regierung. Rosenberg ist gewissermaßen Malcolm Hoenleins Pendant auf der anderen Seite des Spektrums. Er arbeitet seit 20 Jahren in Washington, davon auch einige Jahre für AIPAC, mit denen er lange gebrochen hat. Rosenberg sagt: "Walt und Mearsheimer haben mit sehr vielem recht. Bis auf ihre Theorie mit dem Irak- Krieg. Und wenn du hier mit den Leuten hinter verschlossenen Türen redest, würde nicht einer sagen, dass ihre Thesen falsch sind. Aber öffentlich sagt das niemand. Denn hier herrscht ein Klima der Angst."

Rosenberg beugt sich nach vorn, er gestikuliert, wird laut und lauter: "Wenn es die Lobby nicht gäbe, wären die USA zwar immer noch Pro-Israel, aber wir würden den Friedensprozess nach vorn treiben. Falls Bush morgen erklären würde, dass er von nun an ein Friedensabkommen erreichen möchte, würde ihn der Kongress überstimmen." Rosenberg ist es leid, dass Kritik an Israel allzu schnell mit Antisemitismus gleichgesetzt wird. Er ist es leid, dass die Lobby zwar offiziell die Zwei-Staaten-Lösung gutheißt, "aber nichts dafür tut". Und er ist es leid, dass Geld die Politik diktiert, mehr als 60 Millionen Dollar haben pro-israelische Gruppen seit 1990 für Parteien und Kandidaten ausgegeben. "Wenn du für den Kongress kandidierst, brauchst du eine Million Dollar. Diese Leute besorgen dir Geld und verlangen nicht mal viel. Nur, dass du von Zeit zu Zeit für eine pro-israelische oder anti-arabische Resolution stimmst. Die sagen: Willst du Ärger? Wenn du keinen Ärger willst, dann unterstütze uns besser." Mit "diesen Leuten" meint Rosenberg AIPAC - The American Israel Public Affairs Committee.

"Gott sei Dank für AIPAC"

Wenn AIPAC zur jährlichen Konferenz lädt, gerät das zum Festakt der Politprominenz. Zuweilen tritt der Präsident auf, wenigstens aber sein Vize, wie in diesem März. Cheney sagte, dass sich Israel auf die USA verlassen könne, vor allem, wenn es um die Drohungen des Iran gehe. "Gott sei Dank für AIPAC", sagte der israelische Ministerpräsident Olmert. Die meisten Senatoren und Kongressabgeordneten erscheinen, das gehört zum guten Ton. AIPAC macht im Prinzip nichts anderes als die Waffen-, Öl- oder Anti-Castro-Lobby. Diese Leute sind, das sagen auch Walt und Mearsheimer, so amerikanisch wie Apple Pie, nur effizienter. Sie sind in den Worten von Bill Clinton "besser als jede andere Lobby" oder, nach Meinung des früheren Kongresssprechers Newt Gingrich, "die effektivste Interessengemeinschaft des Planeten".

Der Weg in die vermeintliche Zentrale der Macht führt erneut durch Sicherheitsschleusen in einen wenig repräsentativen Bau auf der First Street. Die Büros sind vollgestopft, Angestellte arbeiten auf dem Flur, im Hinterhof stehen Obdachlose vor einer Suppenküche. "Willkommen im Imperium", sagt AIPAC-Pressesprecher Josh Block ironisch zu seinen Besuchern. Nur wenige Journalisten waren je hier, der stern ist erst das zweite Medium nach der "Washington Post", und sie begegnen ihren Gästen nicht ohne Humor. "Das ist also die mysteriöse Machtzentrale", sagt Marvin Feuer, der politische Direktor. "Wenn ich den Befehl gebe, den Finger zu heben, machen das alle auf Kommando."

Sie drohen mit Liebesentzug

AIPAC hat etwa 260 Mitarbeiter, 100.000 Mitglieder, Tendenz stark steigend. Sie halten engen Kontakt zu den Abgeordneten, sie verfassen für sie Positionen zum Nahen Osten, sie stellen sicher, dass sie pro-israelisch stimmen, und wenn nicht, drohen sie mit Liebesentzug. "Aber wir müssen kaum aktiv werden. Die Abgeordneten sind von sich aus sehr pro-israelisch eingestellt", sagt Block. Er erzählt, wie sie die jungen Kongressleute ins Heilige Land fliegen lassen, "nächste Woche geht wieder ein Trip mit 19 Politikern los". Sie werden Jerusalem sehen und die fragile Lage inmitten von Feinden und natürlich die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, und spätestens dann begreifen auch die Letzten, wie schutzbedürftig Israel ist. "Amerika fühlt eine Verantwortung gegenüber dem kleinen Mann", sagt Block, "das ist Teil unserer DNA. Israel mag stark sein, aber umgeben von hundert Millionen Feinden."

Über das Buch, das sie so vehement attackiert, wollen sie offiziell nicht reden und reden dann doch. In ihre Sätze mischen sich Besorgnis und Wut; über allem schwebt die Angst, dass der Antisemitismus durch das Buch zweier angesehener Professoren Auftrieb erhält, dass er die alte Lüge erblühen lässt von den mächtigen Juden, die die Weltpolitik bestimmen.

Das Geheimnis sei gar keins

AIPAC ist eine Erfolgsgeschichte, das muss auch James Zogby, Präsident des "Arab American Institute", den Konkurrenten neidlos zugestehen. Er sitzt in seinem kleinen Büro in Washingtons berühmter K Street, der Meile der Lobbyisten, und spricht von der "eingebildeten Macht der Lobby". Er glaubt nicht daran, dass AIPACs Einfluss so weit geht, Karrieren zu machen oder zu zerstören. Das Geheimnis, sagt Zogby, sei gar keines. "Sie haben genug Geld, um in das Spiel einzusteigen, und dann spielen sie den besten Bluff-Poker in der Stadt, weil jeder glaubt, ihr Blatt sei unschlagbar." Und irgendwann verselbstständige sich dieses Bild, und der Mythos der Macht entsteht.

In der akademischen Welt gelten andere Regeln. Weil AIPACs Einsatz auf dem Campus allein nicht reicht, hat Daniel Pipes, Direktor des Middle East Forums, vor fünf Jahren eine Organisa- tion namens "Campus Watch" ins Leben gerufen. Die fordert Studenten dazu auf, über Professoren zu berichten, die sich israelkritisch äußern. Pipes ist ein Mann von stattlicher Gestalt, er bittet in Philadelphia in einem gehobenen chinesischen Restaurant zum Interview, ordert Krabben und Ente und sagt über das Buch, dass er eigentlich gar nichts sagen will, weil er damit den Autoren nur mehr Glaubwürdigkeit verschaffe. "Hätte man es ignoriert, würden Sie nicht darüber schreiben", sagt er.

Antizionismus und Antiamerikanismus gehen Hand in Hand

Pipes spricht lieber über sein Projekt. "Wir blicken auf die Werke von Professoren, auf den Extremismus ihrer Werke. Es gibt eine Mainstream- Meinung in Amerika, und viele Akademiker liegen weit außerhalb des Mainstreams. Wir notieren das und glauben, dass es Studenten eine Lehre ist. Wenn Professoren etwas Falsches sagen, muss es einen Ort geben, an den sich Studenten wenden können." Denn der Antisemitismus habe sich, wie Pipes sagt, von einem rechten zu einem linken Phänomen gewandelt, "und Universitäten sind Bastionen des linken Denkens. Es gibt eine lange Tradition des Denkens: Amerika beherrscht Israel und umgekehrt. Antizionismus und Antiamerikanismus gehen Hand in Hand. Das bekämpfen wir".

Sie bekämpfen Männer wie Professor Tony Judt, dem Pipes vorhält, das Existenzrecht Israels infrage zu stellen. Das würde Judt nie tun, auch wenn er einer der wenigen Wissenschaftler ist, die sich kritisch mit der jüdischen Lobby auseinandergesetzt haben. Als er Mearsheimer und Walt 2006 in der "New York Times" verteidigte, erhielt seine Familie Morddrohungen. Judt: "Sie können sich nicht vorstellen, wie viele E-Mails ich bekam: ‚Du bist ein Nazi, deine Mutter schlief mit Hitler.‘ Oder: ‚Wenn deine Kinder in die Luft gejagt werden, wirst du verstehen, wie es Israelis ergeht.‘" Judt sitzt in seinem Büro der New York University am Washington Square. Er empfängt den Besuch in einem kleinen Zimmer voller Bücher, darunter "Deadliest Lies" von Abraham Foxman, in dem er Judt ein ganzes Kapitel widmet. Judt wurde in Großbritannien geboren, sein Vater überlebte den Holocaust, er selbst lebt seit 20 Jahren in den USA.

"Das große Problem ist nicht Zensur, sondern Selbstzensur"

Als die Kontroverse um das Lobby-Buch neu entflammte, wurde der Historiker eingeladen, einen Vortrag im polnischen Konsulat zu halten. Zwei Stunden davor jedoch erhielt er eine Absage. Die Polen waren von Foxmans Anti-Defamation League unter Druck gesetzt worden. "Das große Problem in Amerika ist nicht Zensur, sondern Selbstzensur", sagt Judt. Er hat Kritisches auch in Israel veröffentlicht, dort aber nie nur entfernt "ähnlich verrücktes Zeug zu hören bekommen". Judt, der demnächst in Deutschland mit dem Hannah-Arendt-Preis und Erich-Maria- Remarque-Friedenspreis ausgezeichnet wird, sieht im Schweigen zu dem Thema eine große Gefahr. "Wenn du inoffiziell redest, teilen fast alle dieselbe Meinung: Dass wir nicht über Israel reden können, ist eine große Enttäuschung; dass Israel seit den 70er Jahren einen schrecklichen Kurs fährt und dass sich Amerika verhält wie jemand, der einen befreundeten Alkoholiker weitertrinken lässt und damit alles schlimmer macht."

Vor einigen Jahren, erzählt er, traf er bei einer Konferenz in Paris einen demokratischen Senator, der sich sehr negativ über Israels Palästinenserpolitik äußerte. Judt fragte ihn: "Warum sagen Sie so was nie öffentlich?" Der Politiker entgegnete entwaffnend offen: "Es würde im Nahen Osten und an der US-Außenpolitik nichts ändern, aber ich wäre als einflussreicher Senator zerstört. Ich würde nichts bewirken, ich würde nur alles verlieren." Er lehnt sich zurück, vom Washington Square klingt Musik durchs Fenster: "Es muss doch möglich sein zu trennen zwischen Antisemitismus und einer offenen Diskussion über den Nahen Osten. Und zwar in Israel, in Deutschland und in den USA." Darum geht es ihm. Um Offenheit, um Dialog. Um die Frage, ob man solche Fragen stellen darf. Judt sagt: "Ja, man muss." Es sei an der Zeit. Auch und gerade im Interesse Israels.

Diese Zeiten sind vorbei

Er ist Mearsheime r und Walt dankbar. Sie brachen das Schweigen, sie stellten Fragen. "Vor zehn Jahren hätten wir eine solche Debatte gar nicht führen können. Wenn ich damals nur das Wort Lobby erwähnt hätte, hätten die schon geschrien: 'Gibt's nicht!‘ Diese Zeiten sind vorbei." In einem Punkt aber, sagt Judt, lägen Walt und Mearsheimer falsch. Der Krieg im Irak wurde nicht primär für Israel geführt, "das ist viel komplexer". Auch im stern-Gespräch kommen die Autoren an dieser Stelle ins Straucheln. Der Israel-Lobby werfen sie vor, für den Krieg getrommelt zu haben, dabei hat sie sich zurückgehalten. Den meist jüdischen Neokonservativen werfen sie vor, den Krieg vor allem zum Schutz Israels geführt zu haben, dabei standen für sie immer amerikanische Machtexpansion und Demokratie-Export im Vordergrund. "Die Neocons konnten Bush und Cheney einfach überzeugen, weil die nach dem 11. September nach einer Antwort suchten", sagen die Autoren, dabei waren Cheney und Rumsfeld stets mehr an Iraks Ölreserven und seiner geostrategischen Lage interessiert. Es gehe ihnen nicht um Juden, sondern um eine proisraelische Lobby aus Juden und christlichen Zionisten, und doch läuft es auf die eine These hinaus: Ohne einflussreiche Juden hätte es den Krieg nie gegeben.

Aber nicht nur dafür beziehen die Autoren Prügel von Konservativen und linken Intellektuellen wie Noam Chomsky, Norman Finkelstein und Stephen Zunes, alle israelkritisch. Dabei hätten Mearsheimer und Walt mehr verdient, sagt Tony Judt - eine große Debatte. Das wurde ihm kürzlich wieder bewusst bei einer Feier im Time Warner Building in Manhattan. Da trat ein Mann auf ihn zu, Teil der New Yorker Elite, der alles hat, Ruhm, Reichtum, Macht, Sicherheit, und doch über nichts als die Angst vor einem neuen Holocaust redete. "Wie gut, dass es ein Land auf der Welt gibt, wohin wir Juden fliehen können", sagte der Mann. "Richtig", entgegnete Judt. "Zum Beispiel Neuseeland."

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