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14. Oktober 2007, 13:35 Uhr
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Der 51. Staat der USA?

Das Thema ist heikel. Wer darüber spricht, muss fürchten, Beifall von der falschen Szene zu bekommen. Oder als Antisemit zu gelten. Wie die Autoren des Buches "Die Israel-Lobby". Ein Besuch bei Amerikas jüdischer Elite und den Organisationen, die in Washington die Strippen ziehen. Von Michael Streck und Jan Christoph Wiechmann

Der Regierungsvertreter: US-Vizepräsident Dick Cheney im März bei seiner Rede bei der Jahrestagung des AIPAC, der führenden pro-israelischen Organisation. Dort sicherte er Israel die uneingeschränkte Unterstützung der Bush-Administration zu© Karen Bleier/AFP

Dies ist die Geschichte einer Frage. Sie schwebte umher, als der Irak-Krieg begann. Sie machte ihre Runde in den Hinterzimmern Washingtons und den Seminarräumen der Universitäten und den Foren im Internet, doch in die breite Öffentlichkeit schaffte sie es nicht. Sie schien zu heikel, diese Frage. Sie klang nach Verschwörung. Sie roch nach Antisemitismus, diese Frage und all die nachfolgenden Fragen: Führte Amerika den Irak-Krieg für Israel? Waren es vor allem Juden, die eine Invasion wollten, einflussreiche Juden der pro-israelischen Lobby in den USA? Ist sie wirklich so mächtig, diese Lobby? Bestimmt sie gar die Nahostpolitik Amerikas?

Sollte man sie stellen, solche Fragen? Als im vergangenen Jahr die Professoren Stephen Walt und John Mearsheimer in der "London Review of Books" genau diese Fragen in ihrem Essay "The Israel Lobby" aufwarfen, brach ein Sturm los. Der israelische Botschafter nannte die Thesen "einen Haufen Müll", die Anti-Defamation League "konspirativ", Harvard-Professor Alan Dershowitz bezeichnete sie sogar als "Neonazi-Propaganda". Monatelang ging das hin und her. Ein gutes Dutzend Aufsätze erschien und Repliken auf diese Aufsätze. Mearsheimer und Walt hatten den vielleicht empfindlichsten Nerv der Nation getroffen, und zuweilen wunderten sie sich über die Wucht der Debatte, die Hysterie und auch den Zorn, mit der sie geführt wurde. Und als der Sturm sich zu legen begann, beschlossen die beiden: "Jetzt erst recht." Wir machen ein Buch.

Provokant, einseitig und politisch unkorrekt

Es ist ein Donnerstag Ende August in den Redaktionsräumen des stern in New York. Die Autoren sind aus Boston und Chicago angereist. Sie sind auf Buchtour und geben das erste Interview für ein europäisches Blatt. Ihr Buch ist fertig, "Die Israel- Lobby", 500 Seiten dick. Sie beschreiben darin, wie die Pro-Israel- Lobby in den USA die Nahostpolitik beherrscht, wie sie jede Kritik an Israel unterbindet und die Interessen Amerikas verrät. Das Werk ist provokant, einseitig und politisch unkorrekt. Aber ist es antisemitisch?

"Wir waren nicht gerade überrascht, dass wir als Antisemiten bezeichnet wurden", sagt John Mearsheimer. "Das ist die Taktik unserer Gegner: eine Schmutzkampagne, um jede Diskussion zu verhindern." Am Tag, als ihr Buch erschien, brachte Abraham Foxman von der Anti-Defamation League ein Gegenwerk mit dem Titel "The Deadliest Lies" (Die tödlichsten Lügen) auf den Markt. Die Vorträge der "Lobby"-Autoren in der New York University und dem Chicago Council of Global Affairs wurden abgesagt - "wegen des Drucks pro-israelischer Kräfte", sagt Mearsheimer. Aber schlecht sei das nicht, es helfe bei der Vermarktung. Davon lebt das Buch. Von der Kontroverse. Vom Tabubruch. Aber ist es das - ein Tabubruch?

Attacken von ganz links und ganz rechts

Tatsächlich haben sich bisher nur wenige Wissenschaftler so ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt. Es gab die üblichen Verschwörungstheoretiker, die Attacken von ganz links und ganz rechts, die sich trafen in der Sage vom Weltjudentum, von exzessiver jüdischer Macht, doch mit ihnen haben die Autoren nichts gemein. Stephen Walt ist Professor für Internationale Politik an der "Kennedy School of Government" in Harvard, Mearsheimer ist Politikprofessor an der "University of Chicago". Das sei ihr Vorteil, sagen sie. Sie haben eine allseits respektierte Karriere und einen Ruf als Anhänger der Realpolitik. Sie konnten das Risiko eingehen.

Dennoch haben sie lange überlegt. Sie ahnten: "Wir betreten ein Minenfeld." "Diese Debatte findet im Kontext von 200 Jahren Antisemitismus statt", sagt Walt. "Mischt man das mit den Verschwörungstheorien und dem Holocaust, ist es verständlich, dass viele amerikanische Juden sehr sensibel reagieren." Sie entschieden sich für das Buch - für das sie 750.000 Dollar Vorschuss erhielten -, weil einer den Anfang machen musste. "Wir diskutieren in den USA wirklich jedes Thema kontrovers, von Abtreibung bis Waffenrecht, nur eines nicht: die bedingungslose Unterstützung Israels", sagt Mearsheimer.

Ein wenig Kosher Nostra

Ihre Thesen sind herausforde rnd, und wenn sie diese präsentieren, wie in den zwei Stunden dieses Interviews, klingt das - trotz aller Beschwichtigungen - immer ein wenig nach Kosher Nostra, nach der allumfassenden Macht der Juden in Amerika: Der US-Kongress und -Senat ergeben sich vorbehaltlos dem Druck pro-israelischer Lobby-Gruppen, vornehmlich dem American Israel Public Affairs Committee (AIPAC). Die USA gefährden mit ihrer Israelpolitik nicht nur den Friedensprozess im Nahen Osten, sondern auch die eigene nationale Sicherheit.

Der politische Diskurs - in Washington wie an den Universitäten - wird von pro-israelischen Organisationen unterminiert. Die Lobby bestimmt qua Wahlkampfspenden_ über das politische Wohl oder Wehe von Abgeordneten. Und - die umstrittenste These: Der Bush-nahe Zirkel aus überwiegend jüdischen Neokonservativen um Richard Perle, Paul Wolfowitz, David Wurmser, Douglas Feith ist für die Invasion des Irak verantwortlich. Ihr Hauptmotiv: nicht Öl, nicht die Demokratisierung des Mittleren Ostens, nicht Saddams Massenvernichtungswaffen, sondern die Sicherheit Israels.

Darf man solche Fragen stellen?

Darf man sie führen, eine solche Debatte? Darf man solche Fragen stellen? Als Deutsche? Gibt man nicht Antisemiten Munition? "Die Deutschen", sagen Walt und Mearsheimer, "tun der Welt keinen Gefallen, indem sie nicht über das Thema reden."

Die Suche nach Antworten beginnt in einem Bürogebäude auf der Third Avenue in New York City, wo die "Conference of Presidents of Major American Jewish Organizations" residiert, die Dachorganisation von 50 jüdischen Interessensverbänden in den USA. Ihr Vorsitzender Malcolm Hoenlein gilt als einer der einflussreichsten und wortgewaltigsten Juden des Landes, er unterhält glänzende Beziehungen zu Bush und den Clintons. Der Besucher gibt seinen Ausweis ab, durchquert eine Sicherheitsschleuse, die ein bisschen an den alten Grenzübergang an der Friedrichstraße in Berlin erinnert, und trifft Mister Hoenlein in einem fensterlosen Konferenzraum. Die israelische Flagge steht rechts, die US-Flagge links. Hoenlein ist ein freundlicher und impulsiver Mann. Er verlor seine deutschen Vorfahren im Holocaust, und nun wollen ausgerechnet Deutsche mit ihm über jüdische Macht reden. "Europäer sind besessen davon", sagt er. "Wann immer die BBC kommt, sage ich denen: Es geht euch doch sowieso nur um die Israel-Lobby, warum fangen wir nicht gleich damit an."

"Es gibt keine jüdische Lobby"

Natürlich dürfe man danach fragen, natürlich auch als Deutscher, sagt er, aber natürlich hätten die Deutschen eine besondere Verantwortung. Malcolm Hoenlein ist in seinen Antworten klar und kompromisslos: "Es gibt keine jüdische Lobby. Es gibt Menschen, die für die amerikanisch- israelischen Beziehungen Lobbyarbeit machen, aber das ist Teil des amerikanischen Systems. Es ist eine Lüge, dass die amerikanische Politik manipuliert wird." Für einen Moment sieht es so aus, als wolle Hoenlein die Thesen von Walt und Mearsheimer diskutieren, aber dann zieht er zurück: "Das Buch führt zu einer Vergiftung des Klimas, es sind irrationale Diskussionen, die nicht auf Fakten beruhen."

Das ist die Verteidigungslinie. Das Buch beruht nicht auf Fakten. Es ist gefährlich. "Wir sehen das schon in Großbritannien und auch hier. Was einst an den Rändern hingenommen wurde, wird zunehmend im Mainstream akzeptiert - simplizistische Anklagen: Wenn Israel und die USA so enge Freunde sind, muss irgendeiner das manipulieren. Nur, so ist das nicht: Amerikaner identifizieren sich mit Israel, wir haben die gleichen Werte, wir stellen uns Extremisten entgegen. Immer wieder in der Geschichte erfindet man Verschwörungstheorien. Dies ist eine moderne Version der ,Protokolle der Weisen von Zion‘, die zum Tode vieler Juden führten." Er macht eine Pause. Das sind harte Worte. "Die Protokolle der Weisen von Zion" - eine der übelsten und verleumderischsten Lügenschriften der Geschichte, Blaupause des Antisemitismus. Aber er geht noch weiter. "Einige sagen, es ist wie im Deutschen Reich 1938. Das glaube ich nicht. Eher wie 1932. Wir stehen einer globalen Bedrohung gegenüber mit einer Ideologie, die dem Nazismus sehr ähnlich ist. Und auch Hitler wandte sich an Akademiker und Wissenschaftler, um seinen Rassismus zu rechtfertigen."

Unverbrüchliche Solidarität Amerikas mit Israel

Malcolm Hoenlein verkörpert die Israel- Lobby. Wenn seine Organisation zur Demonstration aufruft, erscheinen Tausende, wie vor einigen Wochen vor dem UN-Gebäude in New York. Sie protestieren für die Freilassung der drei immer noch von den Palästinensern festgehaltenen israelischen Soldaten. Vier Kongressabgeordnete halten Reden, dazu Nobelpreisträger Elie Wiesel und Hoenlein natürlich auch. Sie alle sprechen von der unverbrüchlichen Solidarität Amerikas mit Israel und den gemeinsamen Werten. Flugblätter der Likud- Partei kursieren, eine ältere Dame trägt ein Schild, "Terror darf man nicht belohnen. Werft keine Juden raus aus Judäa und Samaria". Die Demo könnte auch in Tel Aviv sein oder West-Jerusalem. Aber das hier ist New York.

Sechs Millionen Amerikaner, zwei Prozent der US-Bevölkerung, sind jüdischen Glaubens. Die deutliche Mehrheit bezeichnet sich als liberal, sie stimmt traditionell für die Demokraten, befürwortet einen palästinensischen Staat und den Abzug der israelischen Siedler aus den besetzten Gebieten und ist gegen den Irak- Krieg. "Aber der Großteil der amerikanischen Juden ist in den wirklich wichtigen Organisationen unterrepräsentiert", sagt der Nahostexperte Michael Massing. "Die wahre Macht liegt in den Händen von vier Männern im AIPAC-Direktorium, der ‚Gang of Four‘. Sie wollen ein starkes Israel, ein schwaches Palästina und ein Amerika, das keinen Druck auf Israel ausübt."

Eine Bastion im Nahen Osten

Das amerikanisch-israelische Verhältnis war längst nicht immer so freundschaftlich. In den 50er Jahren drängte Präsident Eisenhower vehement auf den Abzug der Israelis aus den besetzten Suez-Gebieten. Erst mit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 verschoben sich die Parameter vom befreundeten Alliierten zum mit Abstand besten Freund. Arabische Führer sprachen davon, das israelische Volk ins Meer zu treiben. Es war wie ein Holocaust-Fanal, und Washington versicherte Israel seiner Verbundenheit - moralisch, militärisch, wirtschaftlich. Die USA sahen in Israel fortan eine Bastion im Nahen Osten, auch aus eigenem Interesse während des Kalten Krieges. Selten kommt es zu offenen Verstimmungen. Etwa als die Reagan-Regierung den Verkauf von Awacs-Flugzeugen an Saudi- Arabien gegen den Widerstand Israels und dessen Hilfstruppen auf dem Capitol Hill durchpaukte. Oder als sich George Bush senior 1991 mit der Lobby anlegte. Er verlangte vom damaligen Ministerpräsidenten Shamir für eine Kreditgarantie über zehn Milliarden Dollar das Versprechen, dass keine neuen Siedlungen im Gazastreifen und im Westjordanland gebaut würden. Daraufhin machten die Lobbyisten mobil, schickten 1000 Mitglieder Richtung Capitol Hill, um im Kongress Stimmung zu machen, aber Bush blieb hart.

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