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28. Dezember 2008, 14:36 Uhr

Nahost droht ein langer, blutiger Krieg

Die Lage im Krisengebiet verschärft sich: Israel stellt sich auf einen längeren Krieg ein und hat 6500 Reservisten einberufen. Seit Beginn der Luftangriffe starben mindestens 280 Menschen im Gazastreifen. Während der UN-Sicherheitsrat zu einem Ende der Gewalt aufruft, schüttet der Iran Öl ins Feuer.

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Die israelische Armee bereitet sich auf einen langen Krieg vor und mobilisiert 6500 Reservisten© DPA

Israel hat am Wochenende mit den massivsten Luftangriffen seit Jahrzehnten ein Blutbad unter Kämpfern der radikalislamischen Hamas im Gazastreifen angerichtet. Regierung und Armee stellen sich nun auf einen längeren Krieg ein. Nach palästinensischen Angaben kamen bei den Angriffen etwa 280 Menschen ums Leben, zumeist Angehörige der Hamas-Sicherheitskräfte, aber auch Zivilpersonen. Mehr als 600 wurden verletzt. Die Hamas kündigte blutige Vergeltung an, militante Palästinenser schossen Dutzende Raketen und Mörsergranaten auf Israel ab. Ein Israeli wurde getötet. Ministerpräsident Ehud Olmert sagte am Sonntag, der zu erwartende Krieg werde "lang, schmerzhaft und schwierig" sein. Die Regierung beschloss die Einberufung von 6.500 Reservisten.

Die Offensive begann am Samstagmittag mit einer ersten Angriffswelle, bei der nach Militärangaben Bomben mit einem Gewicht von insgesamt mehr als 100 Tonnen abgeworfen wurden. Die Luftangriffe wurden in der Nacht und am Sonntag fortgesetzt. Das erklärte Ziel der israelischen Offensive, die Raketenangriffe auf Israel zu stoppen, wurde zunächst verfehlt. Militante Palästinenser setzten am Sonntag den Beschuss Israels fort. Eine Rakete schlug in der Nähe von Aschdod ein, der größten Stadt im Süden Israels, die 38 Kilometer vom Gazastreifen entfernt ist. Dies ist die bislang größte Reichweite palästinensischer Raketen.

Am Samstag wurde ein Bewohner der israelischen Ortschaft Netivot getötet. Sechs Menschen wurden verletzt. Die israelische Regierung erwägt nun offenbar auch einen möglichen Vorstoß von Bodentruppen im Gazastreifen. Augenzeugen sahen Soldaten und Panzer auf dem Weg zur Grenze.

Sendezentrale und Gefängnis getroffen

In den ersten 24 Stunden der Offensive wurden rund 250 Luftangriffe geflogen. Zu den Zielen am Sonntag gehörte die Sendezentrale von Al Aksa TV. Das Studiogebäude des von der Hamas genutzten Senders wurde zerstört. Die Übertragungen wurden aber mit Hilfe eines mobilen Senders fortgesetzt.

Bei einem Angriff auf die Zentrale der Sicherheitskräfte in der Stadt Gaza wurde auch ein Gefängnis getroffen. Vier Menschen kamen ums Leben, 25 wurden verletzt. Mit Warnschüssen in die Luft hielten Hamas-Polizisten besorgte Angehörige von Häftlingen auf Distanz. Kurze Zeit nach dem Angriff hissten Polizisten die grüne Fahne der Hamas in den Trümmern. "Diese Angriffe stärken nur unsere Unterstützung im Volk und unsere Entschlossenheit", sagte der Hamas-Abgeordnete Muschir al Masri. "Wir werden uns nicht ergeben."

Schmugglertunnel unter Beschuss

Am Sonntag nahm die israelische Luftwaffe nach Augenzeugenberichten die Schmugglertunnel unter Beschuss - eine der wichtigsten Versorgungslinien für die Hamas. Es habe Dutzende Explosionen gegeben, in dem Gebiet an der Grenze zu Ägypten loderten zahlreiche Brände, hieß es. Nach den Angriffen durchbrachen nach ägyptischen Angaben Hunderte Palästinenser die Grenze in Richtung Ägypten.

In der syrischen Hauptstadt Damaskus rief Hamas-Führer Chaled Maschaal zum Widerstand gegen Israel auf und sagte in Anspielung an die bisher zwei Aufstandsbewegungen der Intifada ab 1987 und ab September 2000: "Dies ist die Zeit für einen dritten Aufstand." Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen rief Israel und die Palästinenser zu einer sofortigen Einstellung der Gewalt auf. Nach mehr als vierstündigen Beratungen äußerte sich der Rat am Sonntag in einer Erklärung sehr besorgt über die Eskalation im Gazastreifen und sprach sich auch für eine Öffnung der Grenzübergänge zwischen Israel und dem Gazastreifen aus.

Iran nimmt Muslime in die Pflicht

Der Iran hat Muslime in aller Welt dazu aufgerufen, die Palästinenser im Gaza-Streifen gegen die Angriffe Israels zu verteidigen. In einem am Sonntag vom iranischen Staatsfernsehen verlesenen religiösen Erlass von Staatsführer Ajatollah Ali Chamenei hieß es, die Verteidigung schutzloser Frauen, Kinder und der Menschen im Gaza-Streifen mit allen Mitteln sei eine Pflicht für alle palästinensischen Kämpfer sowie alle gläubigen Muslime. "Wer bei dieser rechtmäßigen Verteidigung ums Leben kommt, wird als Märtyrer betrachtet", erklärte Chamenei. Israel wirft dem Iran vor, Hamas-Extremisten mit Waffen zu versorgen. Die Regierung lehnt diesen Vorwurf zurück und leistet nach eigenen Angaben nur moralische Unterstützung.

In Ägypten, Jordanien, Syrien, dem Libanon, Irak und Dubai kam es am Wochenende zu teils gewaltsamen Großdemonstrationen gegen das israelische Vorgehen.

Steinmeier "sehr besorgt"

Die Europäische Union rief Israel und palästinensische Extremisten zu einem Ende ihrer gegenseitigen Angriffe auf. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier zeigte sich über die Lage im Nahen Osten "sehr besorgt". Der "Bild am Sonntag" sagte er: "Der Gazastreifen droht erneut in einer Spirale der Gewalt zu versinken." Das Vorgehen der Hamas verurteilte der Außenminister scharf. Er appellierte aber auch an die israelische Seite, bei den Militäraktionen das Gebot der Verhältnismäßigkeit zu respektieren. Zwtl: USA machen Hamas verantwortlich US-Präsident George W. Bush forderte die Hamas zu einem Ende ihrer Raketenangriffe gegen Israel auf. Zugleich äußerte er sich nach Worten seines Sprechers Gordon Johndroe besorgt über die Lieferung humanitärer Hilfsgüter in den Gazastreifen. Johndroe machte die Hamas für die Zuspitzung der Lage verantwortlich. Der künftige US-Präsident Barack Obama ließ sich von Außenministerin Condoleezza Rice über die Eskalation unterrichten.

AP/Reuters
 
 
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