Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Das Recht zu vergessen

Alle reden von Günter Grass und der "richtigen" Kritik an Israel. Doch wie sehen eigentlich junge Israelis Vergangenheit und Zukunft ihres Landes? Ein persönlicher Lagebericht von Avi Ben-Chamo.

Avi Ben-Chamo

  Kindheitserinnerungen: Ein Vater zeigt seinem Sohn die "beste Airforce der Welt" bei einer Flugshow der israelischen Armee am Unabhängigkeitstag

Kindheitserinnerungen: Ein Vater zeigt seinem Sohn die "beste Airforce der Welt" bei einer Flugshow der israelischen Armee am Unabhängigkeitstag

Vor fast acht Monaten bin ich der Liebe wegen nach Berlin gezogen. Ich komme aus Israel, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Um nicht die Verbindung zu meinem Land und meiner Sprache zu verlieren, surfe ich viel in Blogs und Online-Foren von Israelis in Berlin. Viele junge Israelis ziehen in diese Stadt, die Freiheit für sie bedeutet, die ihnen Raum gibt, sich selbst auszudrücken, und wo das Leben so viel billiger ist. 15.000 bis 20.000 Israelis in Berlin sollen es sein. Genaue Zahlen gibt es allerdings nicht.

Man könnte über die Tatsache, dass junge Menschen Israel verlassen, um in Berlin zu leben, vieles schreiben, aber ich möchte über etwas anderes sprechen: über das Recht zu vergessen.

Landkarte der kollektiven Erinnerung

Ein weiser Mann hat einmal gesagt: Wenn man Genaueres über jemanden erfahren will, muss man seine Vergangenheit betrachten, seine Kindheit. Meine Kindheit als israelischer Junge in den 70er-Jahren war geprägt von Gedenken und Tod - in Form von Zeremonien, Symbolen, Mahnmalen und Straßen, die die Namen von Toten tragen. Ich selbst habe - Gott sei dank - nie einen nahen Verwandten verloren, und doch wuchs ich auf mit dem konstanten Gefühl, alle Juden, die in der Bibel gestorben sind, die in der Shoah ermordet wurden, die in Israels Kriegen gefallen sind und die angeblich bald durch die iranische Bombe sterben werden, auf meinen Schultern zu tragen.

Heute weiß ich, dass Israels erster Premierminister David Ben Gurion und seine Partei Mapei in den 1940ern für das junge Israel eine Landkarte der kollektiven Erinnerung entworfen haben, gebaut aus Gedenken und Verlust. Diese Landkarte hat die israelische Identität eines jeden israelischen Staatsbürgers geformt. Das Gedenken und der Verlust sind bis heute Quellen der Macht und hocheffektive Werkzeuge der israelischen Regierung. Und sollte diese kollektive Erinnerung nicht ausreichen, gibt es immer die andere Option: unsere Angst zu benutzen. Die Angst vor unseren Feinden, deren einziges Ziel es ist, uns zu vernichten.

Der Gedächtnis-Agent

Wir sind Gedächtnis-Agenten, deren Aufgabe es ist, den Rest der Welt zu jeder Zeit - sei es Smalltalk, Tischgespräch oder eine große Diskussionrunde - daran zu erinnern, was den Juden passiert ist; im Holocaust oder in den Kriegen, oder einfach daran, dass alle Welt die Juden hasst. Wenn sie es nicht wissen sollten, ich bin da, um sie daran zu erinnern.

Wir müssen uns erinnern - ohne Frage -, aber wir müssen auch lernen zu vergessen. Wir müssen lernen, Kritik von anderen zu ertragen, ohne sofort davon auszugehen, dass sie uns schaden wollen. Wir sollten lernen, Menschen wie Günter Grass reden zu lassen, ohne ein Drama daraus zu machen. Denn das Drama ist manchmal gefährlicher als es die Worte sind. Auch Günter Grass ist gefangen. Auch er ist ein Gedächtnis-Agent, geformt von den Symbolen seiner Kindheit, wie jeder andere Mensch auch. Es ist diese Funktion, die uns immer wieder die Möglichkeit nimmt, miteinander zu reden und einander zu verstehen.

Das Recht zu vergessen

Der vergangene Sommer in Israel barg das Versprechen des Wandels. Es gab große Demonstrationen in den Straßen. Die Menschen haben gegen die hohen Lebenskosten demonstriert, die hohen Hüttenkäse-Preise, gegen die hohen Steuern. Die Demonstranten waren vor allem junge Menschen, aber auch ältere, die des Weges müde sind, auf den die Regierung das Land geführt hat. Für einen Moment sah es tatsächlich so aus, als würde sich etwas ändern. Tat es aber nicht. Und bei vielen wurde aus der Depression Apathie. Und wenn jemand in Apathie verfällt, sieht er keinen Sinn mehr darin, sich zu erklären. Dabei hat uns diese Verlustkultur doch genau dazu erzogen: zu erklären, die Erinnerung wachzuhalten, Gedächtnis-Agenten zu sein. Überall, in Israel oder außerhalb.

Wenn ein Israeli Israel verlässt, nennt man ihn einen Verräter, der sein Land den Feinden überlässt. Wenn ein Israeli Israel kritisiert, wird er mit Worten gesteinigt. Zwei Rechte nimmt Israels Demokratie ihren Bürgern: das Recht zu kritisieren und das Recht zu vergessen.

Was kümmert die ferne Zukunft?

Während ich in Berlin die Blogs und Beiträge anderer Israelis in Berlin las, bereitete mir das immer wieder Bauchschmerzen. Da waren Israelis, die ihre Zukunft hier in Deutschland sahen, oder in einem anderen Land. Nur nicht in Israel. Ich konnte nicht verstehen, warum sie sich nicht erklärten, warum sie sich nicht dafür entschuldigten. Stattdessen hörte ich ganz neue Stimmen, Stimmen, die nach neuen Symbolen fragen, um eine neue Identität zu schaffen, eine freiere Identität. Für mich war das eine völlig neue Herangehensweise: Das Fehlen jedes Erklärungsbedarfs machte klar, dass diese Stimmen wohl zu den jungen Demonstranten des Sommers gehören, die offen sind für eine neue Realität, die ermöglicht, ein Leben zu wählen, das uns nicht zu Gedächtnis-Agenten macht.

Einmal habe ich einen Israeli in einem Blog gefragt, was denn in 20, 30 Jahren werden soll, wenn all die jungen Leute Israel verlassen, um woanders zu leben. Ob dann nicht der nächste Holocaust auf uns warte. Die Art seiner Antwort machte deutlich, dass ihn die ferne Zukunft nicht kümmerte, weil er die meiste Zeit in der Gegenwart lebt - vor Facebook sitzend.

In der Falle

Ich gehe auf die 40 zu und sehe mich noch immer eines Tages nach Israel zurückkehren, um dort mit meiner deutschen Verlobten zu leben. Der Grund warum ich das sage, ist der, dass ich in der Falle sitze. Dass ich noch immer ein israelischer Gedächtnis-Agent bin, der weder das Recht hat zu kritisieren, noch zu vergessen. Ich würde gern versuchen, in anderen Ländern zu leben, doch ich fühle mich mit Israel verbunden, wie mit einem dünnen Faden, egal wo ich bin.

Doch es sieht so aus, dass Israels Regierende, wenn sie in naher Zukunft nichts an diesem israelischen Modell der kollektiven Erinnerung ändern, bald allein gelassen werden mit ihrem Gedenken. Wenn diese Kultur des Überlebens nicht zu einer Kultur des Lebens wird, wenn die Politik keinen Platz findet für den Wunsch der jungen Israelis nach einer Identität der Freiheit, dann wird mein Land seine Töchter und Söhne nicht an die Kriege verlieren, sondern an die Diaspora.

Übersetzt und bearbeitet von Sophie Albers

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools