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Die Türkei trägt eine Mitschuld daran, dass die Islamisten so stark wurden

Der islamische Terror ist im Zentrum von Istanbul angekommen, ein Selbstmordattentäter riss zehn Menschen in den Tod. Die Türkei ist erklärter Feind der Islamisten - doch die Regierung hat sie überhaupt erst stark gemacht.

Ein Kommentar von Raphael Geiger, Istanbul

Sicherheitskräfte sperren die Gegend um die Blaue Moschee in Istanbul ab

Sicherheitskräfte sperren die Gegend um die Blaue Moschee in Istanbul ab. Ein Selbstmordattentäter sprengte sich auf dem Platz in die Luft und riss zehn Menschen in den Tod.

Am Morgen ein lauter Knall, danach Sirenen. Jeder, der sich an diesem Vormittag in den inneren Bezirken von Istanbul aufhält, bekommt mit, was geschieht. Hört die Krankenwagen zur Blauen Moschee fahren, einer der wichtigsten Touristenattraktionen, und sieht kurz darauf Polizeihubschrauber über der Gegend kreisen. Hoffentlich nichts Schlimmes, schreiben gleich viele Türken auf Twitter, hoffentlich keine Toten, hoffentlich: nicht schon wieder.

Im Juli in Suruç an der syrischen Grenze waren es 34 Tote, Opfer eines Selbstmordattentats der Terrormiliz Islamischer Staat. Im Oktober in der Hauptstadt Ankara: 102 Tote, zwei Selbstmordattentäter, wieder mit einem IS-Hintergrund. 


Zu viele Tote bestimmen die Nachrichten in der Türkei. Das Land ist nun wieder, wie ganz früher, ein Teil des Nahen Ostens, und all seiner Konflikte.

Die Anschläge in Suruç und Ankara richteten sich gegen Kurden, jenes Volk ohne Land, das bisher in Syrien am erfolgreichsten den IS bekämpft. Der Krieg dort findet in der Türkei einen Nebenschauplatz; gerade enthaupteten IS-Leute im türkischen Sanliurfa zwei syrische Aktivisten. Es war die erste Hinrichtung dieser Art auf türkischem Boden. 

Istanbul hat widersprüchliche Rolle im syrischen Krieg

Die Türkei hat von Anfang an Partei ergriffen im syrischen Bürgerkrieg, sie mischt sich ein, und sie spielt dabei eine widersprüchliche Rolle. 

Lange haben die Regierung und Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan die Islamisten in Syrien ignoriert bis unterstützt, so lange, bis der Druck des Westens zu groß wurde. Inzwischen darf die westliche Koalition von der Türkei aus Angriffe gegen den IS fliegen. Alle paar Tage meldet der türkische Geheimdienst stolz, dass er wieder einen Anschlag verhindert habe, gerade zu Silvester soll der IS ein Attentat auf Bars in Ankara geplant haben. 

Die Türkei hat die Islamisten stark gemacht

So ist die Türkei mit schuld daran, dass die Islamisten so stark wurden - und ist nun deren erklärter Feind. Die türkische Regierung hat ihren jetzigen Feind erst stark gemacht.

Gleichzeitig herrscht Krieg im Südosten der Türkei, dem Gebiet der kurdischen Minderheit. Die türkische Armee bekämpft junge kurdische Kämpfer, die sich in den Städten verschanzen. Täglich sterben türkische Polizisten und Soldaten und kurdische Kämpfer. Aber auch viele Zivilisten, kurdische Frauen, kurdische Kinder.

Die EU schweigt dazu, sie ist wegen der Flüchtlingsfrage an guten Beziehungen zur Türkei interessiert. Und die türkische Regierung rechtfertigt die Kämpfe als Anti-Terror-Einsatz, sie bedient sich nationalistischer Rhetorik. Sie will stark wirken, kompromisslos. Manche gläubige Polizisten meinen noch dazu, dass ihr Kampf gegen die linken Kurden auch in Allahs Sinn sei. 

Türkei zählt nun wieder zum Nahen Osten

Die Kurden bekriegen, den IS ein bisschen, sich beide zum Feind machen - diese Politik hat der Türkei den Frieden genommen. In Istanbul richtete sich zum ersten Mal ein Anschlag gegen Touristen. Nur Stunden später nennt Präsident Erdogan den mutmaßlichen Selbstmordattentäter, einen Syrer; kurz darauf ist die Rede von einem Mann aus Saudi-Arabien.

Dass Menschen getötet werden gehört zur Normalität im Nahen Osten, zu dem die Türkei nun wieder zählt. Es wird seit langem getötet in Aleppo und Damaskus, jetzt auch in den türkischen Kurdengebieten oder im Zentrum von Istanbul.

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