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13. November 2004, 09:30 Uhr

Abgang eines Herrschers ohne Land

Der Palästinenserführer machte als Terrorchef Schlagzeilen und als Friedensnobelpreisträger. Jassir Arafat war ein Fluch für sein Volk und ein Segen zugleich. Er verschaffte ihm internationale Anerkennung - aber nie eine Heimat.

Arafats Frau Suha, 45, holt den Kranken in Ramallah ab, um ihn nach Paris zu bringen. Dort lebt sie seit vier Jahren von ihrem Mann getrennt© Hussein Hussein

Jassir Arafat lebte im Exil, lebenslänglich. Er war ein Vertriebener und Getriebener; er kam nie an. Im Jahrhundert der Flüchtlinge, dem 20., war er der Flüchtling schlechthin - ein kleiner Mann in Khaki-uniform mit Hautproblemen, Bartstoppeln und Bauch, den Kopf immer mit einem Palästinensertuch bedeckt, dem Kefije, den er allmorgendlich faltete in Form seiner verlorenen Heimat Palästina. Er war nicht schön, wirr war seine Rede, sein Pathos wirkte häufig hohl. Und doch war er eine Ikone, dieser Mann, der im Provisorium und in der Zweideutigkeit zu Hause gewesen ist. Man wird sich an ihn erinnern, wenn man all die anderen schon längst vergessen hat, die neun amerikanischen und neun israelischen Regierungschefs, die er als Chairman überlebte, und auch die beiden, unter deren Herrschaft seine Ära endete: George W. Bush und Ariel Sharon, seinen ewigen Widersacher.

Arafat, das Chamäleon, der Terrorist, der Friedensnobelpreisträger, der palästinensische Papst, Hirte eines Volkes ohne Land, der Mann, der die Wandlung vom Guerillachef zum Verwalter des Unverwaltbaren nie geschafft hat, der sich nie entscheiden konnte zwischen der Pistole an der Hüfte und dem Olivenzweig in der Hand.

Fast vier Dekaden stand er weltweit im Mittelpunkt des Interesses, er gehörte zum Inventar der "Tagesschau". Arafat hat vermutlich mehr Interviews gegeben als jeder andere Politiker; mehr als ein Dutzend Biografien über ihn sind auf dem Markt. Dennoch entglitt er auch seinen Chronisten wie ein Stück Seife; dafür hat er gesorgt. Den Umständen entsprechend erfand er sich ständig neu, mal als Marxisten, mal als Moslembruder, mal als Terror-Chairman, mal als Friedenstaube, mal als gütigen Landesvater, mal als listigen Handelsreisenden für sein Volk. "Für Palästina bin ich immer bereit zu lügen", sagte Arafat einmal.

Stets behauptet er, er sei in Al Quds geboren, in der Heiligen Stadt Jerusalem. Über die Herkunft seiner Familie kursieren verschiedene Versionen. Arafat sorgt nie für Klärung. So macht er seine Abstammung "zur Metapher für alle Palästinenser", wie seine Biografen John und Janet Wallach schreiben. "Er ist der vaterlose Vater, der mutterlose Sohn, der heimatlose Herrscher über eine Nation ohne Land, ein Symbol ohne Existenz für ein Volk ohne Identität."

Tatsächlich wird Arafat als sechstes von sieben Kindern in Kairo geboren, am 24. August 1929. Damals heißt er noch Mohammed Abdel Rahman Abdel Raouf Arafat al Qudua al Husseini. Später wird er sich den Kriegsnamen Abu Ammar geben, nach Ammar bin Jasir, einem Gefährten des Propheten. Und irgendwann wird er Jassir Arafat - weil sich das alle merken können, insbesondere ausländische Journalisten von CBS über BBC bis hin zu "Kol Israel". Sein Vater, ein Textilhändler, stammt aus Gaza, seine Mutter Zahwa aus Jerusalem. Nach ihrem Tod schickt ihn sein Vater in die Heilige Stadt; Arafat ist fünf Jahre alt.

Der Junge hat Jerusalem geliebt, ein Leben lang wird er wehmütig von der Atmosphäre in der Altstadt sprechen. Doch als er neun ist, holt ihn sein Vater zurück nach Kairo, ein strenger und zutiefst frommer Mann, der seine sieben Kinder mit Schlägen zum Koranstudium treibt und ansonsten sein ganzes Leben einer hoffnungslosen Sache widmet: Verbissen und vergebens klagt er sich in Ägypten durch sämtliche Instanzen, um Ländereien seiner Familie mütterlicherseits zurückzuerhalten, als deren Erbe er sich wähnt.

Jassirs Verhältnis zum prügelnden Vater ist distanziert. Regelmäßig flieht er vor ihm auf die Straße, wo er Nachbarsjungen herumkommandiert und sich schon damals aufführt wie der Chef. Als der Vater 1952 in Chan Junis in Gaza beerdigt wird, erscheint Arafat nicht. Dagegen weint er, als dort 1999 seine älteste Schwester Inam zu Grabe getragen wird - sie war seine Ersatzmutter und vermutlich der Mensch, der ihm am nächsten stand.

1947 immatrikuliert sich Arafat an der Universität von Kairo, um Ingenieur zu werden. Ein Jahr später bricht der israelische Unabhängigkeitskrieg aus. Der Student, der große Teile des Korans auswendig kann und bis zu seinem Tod ein Gläubiger bleibt, schließt sich den ägyptischen Muslimbrüdern an und kämpft gegen die Zionisten - nicht in Jerusalem, wie er später immer wieder behaupten wird, sondern in Gaza.

Nach der "Nakba", der Katastrophe, wie die Palästinenser die Gründung des Staates Israel und den Verlust eines Großteils ihrer Heimat nennen, fühlt sich Arafat verraten von den arabischen Nationen. "Sie haben nicht gekämpft, sie haben nur so getan", sagt er. Nie wird er das vergessen. Die Befreiung Palästinas wird seine Obsession.

Nach dem Studium zieht er nach Kuwait und arbeitet für eine Baufirma. "Fast wäre ich Millionär geworden", erzählt er später. "Ich hatte vier Autos - zwei Chevrolets, einen Thunderbird und einen VW. Ich habe sie alle weggegeben, als ich mich dem Kampf anschloss, alle bis auf den VW."

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