Im Jemen sind offenbar mehrere entführte Deutsche getötet worden. Wer steckt hinter der Tat? Möglicherweise die Terrororganisation Al Kaida, meint Zoé Nautré, Expertin für den Mittleren Osten. Im stern.de-Interview erklärt sie, weshalb Deutsche in dem Land so oft entführt werden und warum diese Entführung für den Jemen eine neue Dimension darstellt.

Ein Bild aus dem Jahr 2006 zeigt einen jemenitischen Soldaten, der ein Gebäude im Wadi Dahr bewacht, einem Tal in der Nähe der Hauptstadt Sanaa© Patrick Baz/AFP
Wenn das stimmt, passt es überhaupt nicht zu dem bisherigen Ablauf von Entführungen in dem Land.
Zwar wurden schon in der Vergangenheit immer wieder Ausländer und auch Deutsche entführt, zuletzt Anfang 2009 Aber dabei ging es den Entführern immer um konkrete Ziele. Sie wollten die Zentralregierung erpressen, um Geld für neue Brunnen oder Schulen zu bekommen oder um die Freilassung von Stammesmitgliedern zu erreichen. Die Stämme haben gemerkt, dass sie mit den Entführungen etwas erreichen können. Diese Brutalität des aktuellen Falles stellt aber eine neue Dimension dar.
Ich glaube nicht, dass es die Rebellengruppe Al-Houthi war. Solch eine Tat passt nicht zu ihrer bisherigen Vorgehensweise, sie haben sich meines Wissens nach nie an solchen Entführungen beteiligt. Außerdem ist es nicht ungewöhnlich, dass die Regierung ausgerechnet die Gruppe beschuldigt, mit der sie in einem Konflikt steckt.
Ja, das wäre schon denkbar. In den vergangenen Monaten hat es im Jemen eine Reihe von Anschlägen gegeben, unter anderem auf die US-Botschaft oder Touristengruppen, hinter denen die Al Kaida stecken soll. Der Norden des Jemen, dort, wo die Deutschen offenbar entführt wurden, ist ein sehr schwer zu kontrollierendes Gelände, es ist sehr bergig und vielerorts beinahe unzugänglich. Es gibt Hinweise darauf, dass Al Kaida dieses Gebiet als Rückzugsraum nutzt.
Die Macht der Zentralregierung erstreckt sich bei weitem nicht in alle Landesteile. Die einzelnen Provinzen und Stämme kämpfen auf ihren Gebieten um Einfluss und beanspruchen die Macht für sich. Außerdem sind die Nachwirkungen der Vereinigung des nördlichen mit dem südlichen Landesteil immer noch spürbar. Bis 1990 war der südliche Teil relativ liberal, Frauen konnten ohne Schleier herumlaufen. Doch seit der Vereinigung ist damit Schluss, der Norden hat die alten Traditionen und Wertvorstellungen auch im Süden durchgesetzt.
Deutschland ist einer der größten Geberländer für Entwicklungshilfe im Jemen. Deshalb leben relativ viele Deutsche in dem Land.
Nein. Außerdem muss man sagen, dass die Jemeniten generell ein sehr gastfreundliches Volk sind.
Es ist vielen Menschen im Jemen bewusst, dass Entführungen dem Tourismus schaden. Dieser spielt eine immer größere Rolle, speziell aus Deutschland und Italien kommen viele Reisende. Es könnte also ein Ziel der Entführer sein, dem Tourismus zu schaden und das Land weiter zu isolieren.
Zoé Nautré Zoé Nautré (30) ist Associate Fellow bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den politischen und wirtschaftlichen Reformen in der arabischen Welt. Sie arbeitete zwei Jahre als Gutachterin für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa.