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21. September 2007, 18:45 Uhr

Ein gefällter Baum und "tödliche" Turnschuhe

Die Rassentrennung ist Geschichte, die alltägliche Diskriminierung nicht. Spannungen zwischen Weiß und Schwarz, Missverständnisse und einseitige Rechtsauslegung rückten das Städtchen Jena im US-Bundesstaat Louisiana ins Zentrum der Weltöffentlichkeit. Von Michael Streck

Früher galt hier im Schatten: "whites only". Der Baum wurde gefällt© Sean Gardner/Reuters

Das Städtchen Jena im US-Bundesstaat Louisiana ist ein verschlafenes Nest von 3000 Einwohnern. 86 Prozent der Bevölkerung sind weiß, 12 Prozent schwarz. Sie haben einen Wal-Mart in Jena und einen großen Eisenwaren-Laden, vier Schulen, ein paar Kirchen. Jena, Louisiana, ist ein Kaff wie Abertausende in den Vereinigten Staaten. Aber spätestens seit Donnerstag steht dieses Jena im Zenturm des nationalen Interesses. 15.000 Demonstranten aus dem ganzen Land fluteten den Ort, das Fernsehen übertrug live, Jena war Top-Meldung in den Abend-Nachrichten, Politiker sprachen und Bürgerrechts-Vertreter. Der Präsident meldete sich aus Washington zu Wort; ihn machten die Vorgänge in Jena sehr traurig, sagte er. Der Bürgerrechtler Jesse Jackson kam und auch Reverend Al Sharpton aus New York. Sharpton ist immer da, wenn es um die Belange der Schwarzen in Amerika geht.

Jena wird nie mehr sein wie es war.

Dies ist die Geschichte der sogenannten Jena Six. Sie handelt von Spannungen zwischen Weiß und Schwarz, von merkwürdig einseitiger Rechtsauslegung, von Missverständnissen, von Rassismus, aber auch von der Macht der neuen Medien, von der Macht des Internets. Denn ohne Foren und Petitionen und Blogs, ohne die Kraft des World Wide Web hätte es die Geschichte vermutlich nicht in die Mainstream-Medien gebracht. Es ist eine Geschichte, die lapidar beginnt mit einem Baum auf dem Gelände der Jena High School auf einer Rasenfläche. "The Whites Only Tree" wurde dieser Baum genannt, denn im Sommer saßen darunter im Schatten fast ausnahmslos weiße Schüler. Es hieß, an der High School sei es unausgesprochenes Gesetz gewesen, dass der Schatten nur für Weiße sei. Hier beginnt der Irrsinn – weißer Schatten, schwarzer Schatten. Man könnte das alles für einen schlechten Witz halten, aber es ist ernst und makaber und offenbart, wie zerrissen Amerika immer noch ist.

Drei Schlingen am Baum

Ende August 2006 fragt ein neuer, schwarzer Schüler den Direktor, ob auch er unter diesem Baum sitzen dürfe im Schatten, und selbstverständlich darf er das. Dies ist eine integrierte Schule, die Zeiten der Rassentrennung liegen Jahrzehnte zurück. Aber drei weiße Teenager protestieren, es ist ihr Schatten, whites only. Am nächsten Morgen hängen drei Schlingen am Baum, und Anthony Jackson, einer von zwei schwarzen Lehrern der Schule scherzt noch mit einem Kollegen: "Eine ist für mich, eine für dich, aber für wen ist die dritte?" Das Lachen vergeht ihm alsbald. Die drei weißen Schüler werden milde abgestraft, das ganze sei ein Streich, mehr nicht. Aber es ist mehr. Einige schwarze Schüler, die Stars des Football-Teams, organisieren einen stummen Protest unter dem Baum. Die Polzei kommt und auch der Bezirksstaatsanwalt Reed Walters, ein Wort ergibt das andere, Walters droht angeblich: "Mit einem Strich meines Kugelschreibers hier könnte ich Euer Leben beenden." So ist die Stimmung an der Jena High School.

Anklage wegen Waffendienstahls

In den Wochen danach kommt es immer wieder zu Reibereien. Sie werden gedeckelt, weil das Football-Team in der Saison ziemlich erfolgreich ist, und die besten Spieler sind: schwarz. Am 30. November brennt ein Gebäude auf dem Campus. Die Weißen verdächtigen die Schwarzen, die Geschichte eskaliert. Ein weißer Schüler bedroht Schwarze mit einem Gewehr, er wird überwältigt, sie nehmen ihm die Waffe ab, und der 16 Jahre alte Robert Bailey, schwarz, wird angeklagt wegen Waffendiebstahls. Die Stimmung an der Jena High-School nähert sich dem Siedepunkt. Am 4. Dezember vergangenen Jahres wird der weiße Schüler Justin Barker von sechs Schwarzen bewusstlos geschlagen und gegen den Kopf getreten. Barker kommt ins Krankenhaus, wird aber noch am selben Tag entlassen und geht abends zu einem Schulfest. Gegen die sechs Schüler, die Jena Six, wird Anklage erhoben; in fünf Fällen wegen versuchten Mordes. Der jüngste von ihnen, Mychal Bell, war zum Zeitpunkt der Tat 16 Jahre alt. Er ist der einzige, der bislang vor Gericht stand; ihm drohen 15 Jahre Haft. In der Anklage heißt es, dass die Turnschuhe der sechs Jungs "eine tödliche Waffe" seien.

Gefängnis für die schwarze Minderheit

Vermutlich wäre die Geschichte versickert im täglichen Nachrichtenstrom, aber Bürgerrechtler, Studenten, Schüler trieben die Debatte über das Internet ins Fernsehen und in die Zeitungen. Jena ist nun berühmt, traurig berühmt, und der Höhepunkt war die Demonstration am Donnerstag. Es geht ihnen nicht nur um diesen Fall, "es geht um gleiches Recht für alle", sagt Al Sharpton. Denn: Afro-Amerikaner stellen zwar nur 12 Prozent der US-Bevölkerung, aber 44 Prozent aller insgesamt 2,1 Millionen Gefängnisinsassen. Schwarze landen statistisch betrachtet acht Mal häufiger im Knast als Weiße und verbüßen für identische Verbrechen durchschnittlich sechs Monate mehr hinter Gittern. Einmal verhaftet, ist die Wahrscheinlichkeit, auch verurteilt zu werden, für Schwarze dreimal höher als für Weiße. Das sind die Fakten. Das ist die Realität im Amerika des 21. Jahrhunderts.

Wie tief ist der Graben zwischen dem weißen und dem schwarzen Amerika wirklich? Nicht nur ökonomisch und sozio-kulturell. Sondern der Graben des Misstrauens. Vorurteile sind keine Einbahn-Straße. Im vergangenen Jahr wurden Studenten der Duke-Universität in Durham, North Carolina, der gemeinschaftlichen Vergewaltigung einer schwarzen Tänzerin angeklagt. Es gab Sondersendungen im Fernsehen, die Zeitungen waren voll - armes schwarzes Mädchen wird besoffen gemacht und gefügig und sexuell missbraucht. Die Geschichte hinter der Geschichte war, dass man betrunkenen weißen Studenten ein solches Verbrechen jederzeit zutraute. Sie hatte nur einen Haken, diese Geschichte: Sie stimmte nicht. Die Anklage implodierte, der zuständige Ermittler verlor seinen Posten und landete sogar kurzfristig im Knast.

Der Baum als Sündenbock

In Jena, Louisiana, warten sechs Schwarze auf ihr Verfahren. Die Schul-Leitung hat den Baum an der Jena High School fällen lassen. Es gibt keinen weißen und schwarzen Schatten mehr. Statt dessen hängt der Schatten des Rassismus über der ganzen Stadt.

Von Michael Streck
 
 
KOMMENTARE (10 von 16)
 
ina291262 (23.09.2007, 01:30 Uhr)
Also, aus meiner Sicht...
als Englischlehrerin an einem Gynmasium in den Suedstaaten der USA gibt es sehr wohl noch offenen Rassismus. Ich lehre in North Carolina, an einer Schule, die etwa 30 % Hispanics, 40 % Weisse und 30 % Schwarze hat - und sehr, sehr viele sozial "benachteiligte" Schueler. Ich habe staendig irgendwelche Schueler, die ganz offen zugeben, lieber nur mit Weissen oder nur mit Schwarzen zusammenzuarbeiten oder zusammenzusitzen. Natuerlich wird das von den lieben Eltern so an die Kinder weitergegeben, und die geben das das ungefiltert an ihre Kinder weiter...
Eher interessant ist aber, dass ich bei 97 Schuelern letzten Donnerstag genau 7 gefunden habe, die ueberhaupt wussten, was in Jena los ist, und genau 1, der - wie ich auch - am 20.9. ein schwarzes T-shirt als Symbol der Unterstuetzung der Jena 6 getragen hat. Alle anderen waren total ueberrascht...
Natuerlich gibt es hier auch Berichterstattung, aber bis vor SEHR kurzem sehr, sehr wenig. Und ich finde, dass dass viel markanter als alles andere ist: es braucht hier noch immer Massendemonstrationen, damit Otto Normalverbraucher ueberhaupt aufschaut.
J.Stahl (22.09.2007, 18:41 Uhr)
@tripex
es ist nicht beweisbar das die schwarzen in den usa bewußt benachteiligt werden?ich glaube sie reden so weil sie noch nie dort waren oder die augen bewußt verschloßen haben.sagt ihnen die quotenregelung an unis was?wenn die usa die schwarzen nicht benachteiligen würden hätten sie diese nicht nötig.
tripex (22.09.2007, 18:33 Uhr)
Mir ist einer mit dem Auge in meine Faust gerannt
"also ich kann nicht erkennen, dass J.Stahl sich hier als Rassist darstellt."
http://de.wikipedia.org/wiki/Rassismus#Verallgemeinerung
"Schwarze landen statistisch betrachtet acht Mal häufiger im Knast als Weiße und verbüßen für identische Verbrechen durchschnittlich sechs Monate mehr hinter Gittern. Einmal verhaftet, ist die Wahrscheinlichkeit, auch verurteilt zu werden, für Schwarze dreimal höher als für Weiße."
Von den aufgefuehrten Fakten laesst "lediglich" einer direkte Rueckschlusse auf Ungerechtigkeit zu. Allerdings bedeutet das wiederum nicht automatsich Ungerechtigkeit gegenueber Schwarzen, denn wie jemand schon anmerkte, werden Arme benachteiligt und das koennen Schwarze wie Weisse sein. DASS es mehr Schwarze als Weisse sind KANN rassistisch bedingt sein KANN aber auch voellig unrassistische Gruende haben. Weder das eine noch das andere KANN ist beweisbar, zumindest nicht objektiv.
Subjektiv empfinde auch ich eine tiefe Ungerechtigkeit gegenueber Schwarzen oder Armen oder beiden in den USA, aber leider laesst sich diese "Mir ist einer mit dem Auge in meine Faust gerannt"-Justiz schwer ergreifen.
J.Stahl (22.09.2007, 16:30 Uhr)
@hevosenkuva und wallerer
danke,es tut gut das es noch leute mit hirn gibt die nicht nur sehen weißer von schwarzen verprügelt,hängt ihn am höchsten baum auf.die tatsache das erst ein schwarzer von weißen zusammengeschlagen worden ist,wegen dieser baumgeschichte,wird einfach unter den tisch gekehrt.und das angebliche opfer der schwarzen hatte grad mal ein zugeschwollenes auge.ich habe zugegeben das schwarze oft kriminell werden da sie halt nun mal leider in armut leben.jeder der schon mal durch ein u.s.schwarzenviertel gefahren ist weiß von was ich rede.
wallerer (22.09.2007, 13:00 Uhr)
Bekannt
Es handelt sich bei dieser Statistik um eine seit Jahren allgemein bekannte Tatsache. Grundlage sind zwei Dinge: Erstens die Hautfarbe, zweitens finanzielle Mittel - Reihenfolge beliebig. Das US-Rechtssystem benachteiligt ganz allgemein Menschen, die nicht reich sind. Desweiteren benachteiligt es Menschen ethnischer Minderheiten.
Aber Turnschuhe als "tödliche Waffe" zu bezeichnen und die Jugendlichen wegen versuchten Mordes anzuklagen, obwohl der Betroffene abends schon wieder auf einer Party war, stellt selbst für
dieses System einen Tiefpunkt dar.
hevosenkuva (22.09.2007, 11:12 Uhr)
@tripex
also ich kann nicht erkennen, dass J.Stahl sich hier als Rassist darstellt, eher im Gegenteil.
und ansonsten steht im Artikel nichts von "länger bespucken" oder dergleichen, sondern ganz klar "Schwarze landen statistisch betrachtet acht Mal häufiger im Knast als Weiße und verbüßen für identische Verbrechen durchschnittlich sechs Monate mehr hinter Gittern. Einmal verhaftet, ist die Wahrscheinlichkeit, auch verurteilt zu werden, für Schwarze dreimal höher als für Weiße. Das sind die Fakten."
hevosenkuva (22.09.2007, 11:01 Uhr)
@Skaf
1) im Artikel werden hauptsächlich Schwarze als Gewalttäter dargestellt.
2) J.Stahl geht darauf ein und ergänzt, dass vorher ein "Schwarzer" von "Weißen" zusammengeschlagen wurde
3) Sie widersprechen J.Stahl mit Ihrer Zustimmung %-)
tripex (22.09.2007, 08:46 Uhr)
Pauschalisierungen
>wieso werden dann schwarze härter bestraft als weiße?
Weil sie statistisch gesehen vielleicht haerter zuschlagen, ihre Opfer laenger bespucken, laengere Baseballschlaeger haben, mehr Fenster einschlagen, oefter Alarm ausloesen, mehr Wechselgeld erpressen, was weiss ich. Fuer objektive Menschen ist es zumindest moeglich, fuer Dich von vorherein nicht.
In einem anderen Kommentar von Dir gibst Du es sogar zu, wenn Du Kriminalitaet (von Schwarzen) aufgrund angeblicher (womoeglich auch realer) Benachteiligung im Leben entschuldigst.
>die weißen die den schwarzen verprügelt haben sind gut weggekommen.
Du vermischt mal wieder wie ueblich allgemeines mit speziellen. Beim Lesen des ersten Absatzes von http://de.wikipedia.org/wiki/Rassismus kannst Du evtl. erkennen, dass Du ein Rassist bist.
J.Stahl (22.09.2007, 03:31 Uhr)
@tripex
das wort ungerechtigkeit oder diskriminierung ist gewagt?wieso werden dann schwarze härter bestraft als weiße?die weißen die den schwarzen verprügelt haben sind gut weggekommen.
tripex (22.09.2007, 03:22 Uhr)
Rueckschluesse
Nur aufgrund von Statistiken z.B. 12%/44% der Justiz Ungerechtigkeit oder gar Diskrimminierung vorzuwerfen halte ich fuer aeusserst gewagt. Ich sehe da nicht zwangslaeufig eine Verbindung auch wenn ich subjektiv glaube, dass im Durchschnitt Weisse besser wegkommen.
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