Noch vor vier Wochen glaubte keiner an ihn. Jetzt ist John Forbes Kerry der Star der Demokraten. Ein Mann, so ganz anders als der heutige US-Präsident. Weltoffen und belesen. Ein Kriegsheld, der den Krieg verabscheut.

Kerry auf Wahlkampftour im Privatjet: Er hat das markante Gesicht eines Aristokraten von der Ostküste und das Geld, das man braucht, um Präsident zu werden© David Burnett/Agentur Focus
Es ist ein windiger, kalter Abend im Norden Virginias, die Zeitungen berichten von schwarzen Tagen im Leben des George W. Bush, und im Seitentrakt einer Universität legt ein großer, schlanker Mann mit den Initialen JFK die Zeitungen lächelnd beiseite und geht Richtung Auditorium. Seine Schritte sind lang und seine Bewegungen kantig. Seine Stimme ist so tief und sonor wie die eines Radiomoderators, sein graues Haar so dicht, dass nur eine Drahtbürste es zähmen kann. Wenn er lacht, durchziehen tiefe Furchen sein Gesicht. Er lacht oft in diesen Tagen.
Dann im Auditorium - die Berater haben ihn gewarnt - erwartet ihn die Ekstase. 4000 Gäste stehen dicht an dicht und wollen seinen Sieg feiern. Sie halten selbst gemalte Schilder hoch mit Parolen wie "Burn the Bush" und "Give us hope again". Eine Studentin wird einen Schwächeanfall erleiden, und einige Frauen und Kriegsveteranen blicken so glücksbeseelt, als erwarteten sie die Wiederkehr des Heilands. Dann setzt schmetternde Musik ein, "A Beautiful Day" von U2, kleine schwarze Mädchen winken mit amerikanischen Fähnchen, und als der Mann schließlich die Bühne betritt, gehen die Worte, die Virginias Gouverneur ins Mikrofon schreit, im Jubel unter: "Welcome the next President of the United States of America: John Kerry."
Kerry hat gerade die Vorwahlen in Virginia und Tennessee gewonnen. Er hat seine Konkurrenten deklassiert. Er, der 60-jährige Patrizier aus dem Nordosten, hat erstmals im Süden gesiegt, bei den Kohlekumpels und Tabakbauern. Er, dem vor Wochen niemand eine Chance gab, würde Präsident Bush im direkten Duell nun deutlich schlagen, besagen die Umfragen. Nur ein politischer Skandal kann ihn jetzt noch stoppen, den surfenden, snowboardenden, dichtenden Kriegshelden und Anti-Kriegshelden, den Hobbypiloten, Biker und Jäger. Oder eine außereheliche Affäre.
Seine Berater haben ihm gesagt, er müsse lockerer werden, und so tänzelt Kerry jetzt auf der Bühne ein bisschen wie ein Boxer. Seine Berater haben ihm empfohlen, die Leute mal in den Arm zu nehmen, und so umarmt er den Kriegsveteranen und den Feuerwehrmann und den koreanischen Studenten und hört gar nicht auf zu umarmen. Er müsse mehr Kumpel sein und weniger Aristokrat, haben sie ihm geraten, mehr Clinton und weniger Kerry. Vor allem dürfe er sich in seinen Reden nicht mehr in Nebensätzen und akademischen Wortungetümen verheddern.
Kerry redet. Seine Rede ist zu etwas wie einem Klassiker geworden. Erst kommen die Strophen. Er wettert gegen die "waghalsigste Außenpolitik in der jüngeren amerikanischen Geschichte" und die "schlechteste Jobbilanz seit der Weltwirtschaftskrise". Dann kommen die Refrains: "Es ist Zeit, dass wir George Bush zurückschicken, wo er hingehört - nach Crawford, Texas." Jubel. "Wenn George Bush nationale Sicherheit zum Thema machen will, dann haben wir drei Worte, die er versteht - Bring it on." Riesenjubel. Die Zuschauer skandieren. "Bring it on." Sie hören nicht mehr auf. "Bring it on."
Es bedeutet so viel wie: Den Kampf nehmen wir auf. Kerry blickt sich um, in den überfüllten ersten Rang, in den überfüllten zweiten, in die Fähnchenmeere und kann es, wie er später sagen wird, selbst nicht fassen. Irgendetwas Magisches ist passiert.
Anfang des Jahres noch lag John Forbes Kerry aussichtlos zurück im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Der Senator aus Massachussetts hatte keine Botschaft und keinen Draht zum Wähler, und als er glaubte, den Draht finden zu müssen, fuhr er mit einer Harley-Davidson in Jay Lenos "Tonight Show" ein. Er nahm eine Hypothek auf sein Haus auf, um seine Kampagne am Leben zu halten. Jetzt, nur sechs Wochen später, sieht er fast schon wie der Sieger aus. Wie konnte das passieren?
Es gibt verschiedene Antworten, wenn man sich umhört unter Demokraten, doch alles mündet in der Losung: "ABB". Anybody but Bush. Irgendeiner, nur nicht Bush. Sie können ihn nicht mehr ertragen, "diesen fremdgesteuerten Evangelisten", "diese tickende Zeitbombe". Keinen republikanischen Präsidenten - nicht mal Reagan und Nixon - haben sie so inbrünstig gehasst wie den Mann, der angetreten war, das Land wieder zu einen.
Also haben sie sich gefragt: Welcher der neun Kandidaten kann es mit Bush aufnehmen? Kerry mag nicht so kampfeslustig sein wie Howard Dean, aber er sieht aus wie ein Präsident und nicht wie ein Ringer. Er mag nicht so strahlen wie der jungenhafte John Edwards, aber in Zeiten des Terrors braucht man nicht nur Optimismus, sondern auch Erfahrung. Er mag kein General sein wie Wesley Clark, aber ein Kriegsheld ist er allemal. Und doch störte sie etwas: Kerry war ihnen zu distanziert. Zu ernst. Zu komplex. Er berührte sie nicht.