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25. Februar 2009, 17:04 Uhr

"Wir ignorieren unseren Verfall"

Ein Apokalyptiker meldet sich zurück: Ex-Außenminister Joschka Fischer rechnet mit einem Europa ab, das seiner Ansicht nach gerade dabei sei, seine Zukunft zu verspielen. Er war am Dienstag Abend geladen, vor der London School of Economics über die Zukunft von Asien und Russland im Zeitalter der Globalisierung zu sprechen. Doch was folgte war eine düstere Vision der EU. Von Cornelia Fuchs, London

Fischer, Krise, Europa, EU

Außenminister a.D. Joschka Fischer: "Wir erleben die zweite Weltrevolution"© Joerg Koch/DDP

Joschka Fischer sprach es im Anschluss an seine Rede gleich selbst aus: Er habe noch niemals öffentlich so negativ über Europa und seine Zukunft gesprochen. In seiner 50-minütigen Rede hatte Fischer in einem vollbesetzten Hörsaal der Londoner School of Economics gerade eine düstere Aussicht entworfen. Fischer prognostiziert den Verfall des europäischen Einflusses und die Schwächung der EU als Wirtschaftsmacht.

"Europa war schon auf der Verliererseite bevor diese Krise ihren Lauf nahm", sagte Fischer. Der erste Besuch der neuen us-amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton führte sie nicht nach Europa, sondern nach Asien. China, Indien, Südkorea, Indonesien seien die Länder der Zukunft, und die Vereinigten Staaten würden sich bereits umorientieren. Was die Menschheit im Moment erlebe, sei die zweite Weltrevolution innerhalb von 20 Jahren. Nach dem Fall der Berliner Mauer und damit des Kommunismus, würde nun die Mauer im Westen eingerissen. Die ganze Welt definiere sich neu - global und vernetzt.

"Ich bin die Gipfel leid!"

Nur Europa verhalte sich so, als ob kein Verfall der alten politischen und wirtschaftlichen Machtzentren zu beobachten wäre. "Wir diskutieren über historische Probleme und ob wir Berlusconi unser gutes Geld geben sollten, und ignorieren dabei unseren Verfall", monierte Fischer.

Europa habe auf vielen Ebenen versagt - bei der Reform der europäischen Institutionen und damit bei der Integration der neuen EU-Länder, bei der Chance, mit der Türkei ein Brückenland an die europäische Union zu binden, und vor allem bei der Schaffung eines geeinten, nach außen starken Europas. "Ich bin die Gipfel leid, auf denen Angela Merkel, Gordon Brown und Nicolas Sarkozy zusammenstehen und große Einigkeit demonstrieren, um am nächsten Tag zu Hause wieder in Protektionismus zu verfallen", sagte Fischer. "Im Übrigen: Ich bereite hier keinen Wahlkampf für das europäische Parlament vor", sagte Fischer. "Meine einzige Hoffnung ist, dass wir aufgrund dieser Krise schmerzvoll lernen werden, dass wir nur zusammen überleben können."

Von Cornelia Fuchs, London
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
Nostradamus (26.02.2009, 10:04 Uhr)
Richtig aber unmöglich
Was Fischer sagt ist richtig aber es ist unmöglich in Europa durchzusetzen. Dafür bräuchte man sowas wie die Kulturrevolution und eine Art "glaubwürdigen, gutherzigen" Diktator.
So lange die Provinzfürsten auf allen Ebenen angst um ihre Pfründe und Macht haben müssen ist es unmöglich Europa aber auch insbesondere Deutschland nach vorne zu bringen.
Eigentlich müßte man gegen den Föderalismus sein und die Verfassung umbauen. Das wäre theoretisch der richtige Weg.
Praktisch hat dieser aber nur das Ziel Freiheitsrechte zu beseitigen, Schnüffelstaat zu ermöglichen und die Bürger weiter zu bestehlen und eben nicht Europa und Deutschland wettbewerbsfähiger zu machen, um die Ressourcen dieses Landes zu heben. Der einfachste Weg das zu erreichen wäre aber auch mehr Freihheit. Europa hätte eine Chance, wenn es sich nach US Muster neu erfinden würde aber dazu wäre eine Verfassung notwendig die auf den ersten Seiten die moralischen Werte für die dieses Europa stehen soll beschreibt.
Dann gäbe es wohl auch eine europaweite Akzeptanz und es würden sich Staaten zu diesem Europa gesellen, die bisher die Nase gerümpft haben.
auwei (26.02.2009, 09:29 Uhr)
Meister Fischer hat Recht
Leider sind wir zu engstirnig, um wirklich europäisch zu denken. Richtig ist aber auch, dass wir das Feld - und damit den Europa-Gedanken - voreilig den Marktradikalen überlassen haben. Brüssel steht deshalb für viele "nur" für Deregulierung und De-Sozialisierung. Unser Hauptproblem ist aber - und da liegt Joschka richtig - unser altes, dummes Denken in nationalen Kategorien, das kein Politiker, der gewählt werden will, ignorieren darf. Schade drum, aber vielleicht lernen wir ja doch eines Tages dazu.
keinheiliger (26.02.2009, 03:35 Uhr)
Joseph Fischer
gehoert mit zu den Tueroeffnern des Heissen Geldes, nachdem der Kalte Krieg beerdigt wurde. Seine Wandlung zum Paulus des Mammons war m.E. ursaechlich fuer die farblose, soziogewissenlose Entwicklung der Gruenen, die an der Seite der SPD zu einer Partei der Beliebigkeit verkam, da das eigene Profil zu Gunsten mitzugestaltender Regierungspolitik aufgegeben wurde. Lassen wir die Einzelheiten.
Nun wirft er Europa ein Versagen vor, ein Europa an dem er selbst mitgewirkt hat.
Viele Staatspolitiker Europas haben bei ihrem Tun einfach vergessen, das Europa NICHT Amerika ist, sondern aus vielen einzelnen Nationen besteht, die ihre eigene Geschichte und Kultur haben und die man nicht so einfach mit einer wirtschaftlichen Schrankenlosigkeit wegfegen kann.
Dass aber dann in Krisenzeiten nationaler Protektionismus gepflegt wird, ist kaum verwunderlich, wenn die Menschen des jeweiligen Landes murren, da die gepredigten Vorteile einer europaeischen Einheit auch nicht die Stromrechnung bezahlen.
Ausserdem moechten Politiker auch gerne wiedergwaehlt werden, oder?
Es war exakt der wirtschaftliche Fokus auf Amerika und das mangelnde Einbeziehen seiner Buerger, das Europa geschwaecht und unterminiert hat, anstatt ein sensibles, europaeisches Profil zu entwickeln, das sich mehr auf Europa und dann auf die restliche Welt mit Amerika konzentriert haette. MfG
Silbador (25.02.2009, 20:44 Uhr)
Dekandenz
Großreiche zerbrechen, wenn sie ganz oben sind. Die Ursachen sind fast immer die gleichen: Größenwahn, Idenditätsverlust und Dekandenz, die Regierungen wissen nicht mehr, was das Volk braucht oder es ist ihnen egal.
Das amerikanische System hat mehr und mehr in Europa Einzug gehalten und unterhöhlt, was hier in vielen Jahrhunderten, ja sogar Jahrtausenden entstanden ist. Die Wiege der Demokratie stand nicht in Amerika sondern in Griechenland. Alles, was Amerika ausmacht, kam aus der belächelten "alten Welt".
Die Sieger waren von jeher die Hungrigen und Strebsamen - hier gilt leider nur noch "Kasse machen" und "nach mir die Sintflut".
Ich kann jedem jungen Menschen nur raten, sich ein zukunftshähiges Land auszusuchen und auszuwandern. Es gibt auch in Europa noch Länder, die das Meiste richtig machen, Deutschland gehört leider nicht mehr dazu. Schade!
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