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Unser Hass ist Gottes oberstes Gebot

Ein paar hundert jüdische Siedler trotzen in Hebron 150 000 Palästinensern. Nirgendwo im Nahen Osten ist der schwelende Krieg unerträglicher als in der biblischen Stadt, die Juden und Muslimen heilig ist.

Singend ziehen sie durch die nächtliche Straße, Kinder an der Hand, Maschinenpistolen auf der Schulter. Heiter, laut, 70 Männer, Frauen, Kinder, bewacht von halb so vielen Soldaten, die still ins Dunkle spähen. Ein Mann mit Rastalocken und Gitarre läuft an der Spitze des Zuges, spielt und singt: "Wacht auf! Der Messias ist nah! Der Messias ist auf dem Weg!" Es ist Chanukka, und zur Feier des jüdischen Lichterfests haben sich die Frömmsten unter den Gläubigen von Hebron aufgemacht zum antiken Grabmal von Othniel Ben Kenaz, um in dessen unterirdischem Gewölbe zu beten.

Durch Feindesland

Der Weg dorthin aber führt durch Feindesland, denn die Grabesgrotte liegt mitten im "anderen Hebron", im arabischen Teil. Der ist wie ausgestorben, Fenster sind mit Brettern vernagelt, dunkel, still stehen die Häuser, lassen den Zug der Singenden noch lauter erscheinen. "Der Messias ist nah! Betet für den Messias!", ruft der bärtige Gitarrenspieler. "Wie mit Moses durch das Rote Meer", murmelt einer auf Englisch.

Nur gelegentlich schimmert das blaue Licht von Neonröhren aus Fensterhöhlen, noch seltener huscht schemenhaft eine Gestalt vorbei. Hinter den toten Fassaden leben Menschen. Überall auf den kilometerweit ansteigenden Hügeln leben Menschen. Doch von ihnen handelt dieser Text nicht. Denn das war die Abmachung - nur über die 500 jüdischen Bewohner Hebrons zu berichten und über die 6500 in der Siedlung Kiryat Arba am östlichen Rand der Stadt. Nicht über die anderen, die hier niemand beim Namen nennt. Man habe es satt, erklärte David Wilder, einer der Sprecher der Enklave von Hebron, mit Journalisten zu reden, die hinterher auch zu "den Arabern" gingen und dann schrieben, Hebrons jüdische Siedler seien rassistische Fanatiker.

Jenseits des Stacheldraths waren wir nie

So haben wir fast ein Jahr lang hier immer wieder Tage und Wochen verbracht. Sind zusammen mit den Studenten der Yeshiva-High-School, des religiösen Internats, nach Auschwitz gefahren, haben uns in verstreuten Hügelsiedlungen und in Jerusalem mit Gesprächspartnern getroffen, aber jenseits des Stacheldrahts waren wir nie - die hundert Meter sind wir nicht gegangen.

So war es vereinbart, und wir haben uns daran gehalten. Wir wollten wissen, was diese Beseelten aus aller Welt nach Hebron treibt; warum selbst viele Israelis in ihren Augen Verräter am Judentum sind; worin der Sinn liegt, sich den Hass von 150 000 Nachbarn zuzuziehen und es zu genießen. So mag dies eine unausgewogene Geschichte geworden sein. Aber dafür eine aus größerer Nähe. Nirgendwo sonst in Gaza und im Westjordanland ist der schwelende Krieg unerträglicher als in dieser biblischen Stadt, in der Juden die Machpelah, das Heiligtum des Patriarchen Abraham, und Muslime die Ibrahim-Moschee im selben Trutzbau aus herodischen Mauern nutzen, in der 500 jüdische Siedler ein Fünftel des Stadtgebiets besetzt halten, bewacht von mehr als 1000 Soldaten, umgeben von 150 000 arabischen Bewohnern. H2 bezeichnet den israelisch beherrschten Stadtteil, H1 den arabisch verwalteten.

Tür an Tür mit den Feinden

Aber auch in H2 leben Tausende Araber, teils Wand an Wand, Tür an Tür mit ihren Feinden. Ein Leben im Belagerungszustand, erzwungen von den einen, gesucht von den anderen. Denn aus der jüdischen Gemeinde gehe keiner fort, erzählt stolz David Wilder, "im Gegenteil: Wir haben gar nicht so viele Häuser, wie Juden hierher nach Hause kommen wollen!" Nach Hause? "Ja, dieses Land ist uns von Gott versprochen! Wir kehren zurück, nach 2000 Jahren."

Hebron 2 ist eine Festung, gesichert von Checkpoints, Stacheldraht, aber mitten darin: spielende Kinder. Mütter mit Buggys, Männer mit abweisendem Blick und den Schläfenlocken der Orthodoxen, die uns mustern, nicht grüßen, und ungerührt eine Reihe Häuser ausbauen, die vordem einen arabischen Markt beherbergten. Wen immer wir fragen, alle fühlen sich großartig hier, berufen. "In New Jersey war ich eine Fliege an der Wand", sagt Wilder, "hier mache ich Geschichte!" Um den verwirrenden Grautönen des Lebens in New York, Florida, ja selbst in Jerusalem zu entkommen, scheint Hebron der perfekte Ort zu sein. Es gibt Schwarz, es gibt Weiß, Dasein allein ist Sinn genug, aus aller Welt kommen die Postkarten und Spenden der Bewunderer für die "Speerspitze im Herzen der Araber", und am Ende wird der Messias kommen. Es steht alles geschrieben.

"Wir müssen hier sein"

Schon vor 100 Jahren konstatierte Rabbi Kook, spirituelles Idol der Siedler, dass jüdisches Leben allem anderen Leben überlegen sei, der Unterschied der Seelen größer als zwischen Mensch und Kuh. "Wir müssen hier sein", erklärt Wilder eines Nachmittags einer Gruppe angereister Unterstützer. "Nur so können wir uns durchsetzen. Wenn wir hier sind, muss die Armee uns schützen!"

Dieser Logik folgend entsteht in Tel Rumeida, der kleinsten Enklave aus Wohncontainern am westlichen Rand von Hebron 2, gerade ein mehrstöckiger Betonbau zum Schutz der Siedlung. "Und wenn der fertig ist, schaffen wir die Container weg und bauen da auch richtige Häuser!" Nebenan steht dann ja schon eines, insofern wird keine neue Siedlung errichtet, sondern eine bestehende nur erweitert. Und so fort - "bis Hebron frei ist von Arabern", wie es einer der fremden Pilger unter seiner Schirmmütze mit dem breiten Klang der Hoffnung ausspricht.

In einem der Container wohnt seit 1989 Bracha Ben Yitzhak, die vor Tagen ihr elftes Kind zur Welt gebracht hat. Ihre Familie lebt davon, dass Brachas Mann handgeschriebene Bibeln herstellt, pro Jahr eine. Bracha ist erschöpft. Eigentlich gebe es auch nichts zu bereden. Es stehe doch alles geschrieben: Vor 3700 Jahren habe Abraham für 400 Silberschekel die Machpelah von den Hethitern erworben, "zum vollen Marktpreis", wie ein Gemeindeprospekt erläutert. "Also spielt es für uns keine Rolle, wenn hier irgendwer in letzter Zeit gelebt hat", sagt sie. " Das Land gehört uns. Das müssen die Araber doch einsehen."

“Die Araber wollen uns alle umbringen“

Tun sie nur nicht. Dabei ist doch alles versucht worden: ihre Häuser zu sprengen, ihre Olivenhaine und Weinberge zu verwüsten, sie einzusperren, Gefangene Lose ziehen zu lassen, welche Knochen ihnen anschließend gebrochen würden, sie zu erschießen, ihre Straßen zu unpassierbaren Wällen hochzubaggern und die ganze Stadt in ein Gefängnis zu verwandeln. Und trotzdem sind die anderen nicht gewichen. "Sie haben es einfach noch nicht begriffen", sagt Bracha Ben Yitzhak im Tonfall der Nachsicht, fast entschuldigend, während sie ihrer Kinderschar knappe Anweisungen erteilt. Es sei alles ein großes Missverständnis. Dass zwar die anderen seit Jahrhunderten hier leben mögen, aber dennoch nichts zu suchen haben. Denn, wie gesagt, "Hebron wird wieder jüdisch sein! In der Zwischenzeit wollen die Araber uns alle umbringen. Dass wir hier leben, ist ein Wunder Gottes!", bricht es aus ihr heraus, und einmal lächelt sie.

Doch Gott in Hebron ist ein anderer als der, den man sonst kennt. Kein gütiger Patriarch, dessen Wort für Versöhnung steht, für Vergebung, Verzicht und Nächstenliebe. Sondern ein hungriger Gott, der Land will, der Rache fordert und Vergeltung. Wann immer Araber einen Siedler umbringen, gilt sein Trauerzug nicht stillem Schmerz. "Elazar wusste, dass er umkommen würde", sagte sein Bruder bei dessen Beerdigung im August vor der Machpelah, "aber er wollte kein Gerede und Geweine. Er wollte Gesang und Rache!"

“Die wahre Rache ist eine neue Siedlung“

Ein 14-jähriges arabisches Mädchen wurde kurze Zeit später von den Trauernden erschossen, doch "wahre Rache ist eine neue Siedlung". So steht es auf einem Transparent am Rande einer planierten Talsenke genau zwischen Kiryat Arba und Hebron. Hier, auf dem Pfad zwischen der Siedlung und dem Heiligtum, erschossen am Freitagabend, dem 15. November 2002, arabische Heckenschützen in einem mehrstündigen Gefecht zwölf israelische Sicherheitskräfte. "Hebron Heroes" heißt die Brache seither, und sofort nach dem Anschlag standen Zelte, Wohncontainer, eine mobile Küche dort. Jedes Mal, wenn israelische Polizisten und Soldaten den illegalen Außenposten geräumt haben, tauchen Tage später die provisorischen Behausungen wieder auf. "Für jeden Juden, den die Terroristen ermorden, bauen wir eine neue Siedlung - bis sie sich entweder benehmen oder weg sind", deklamieren zwei Zwölfjährige.

Fast immer, tags, abends, hängen Jugendliche in Grüppchen am Platz herum, werfen ab und zu ein paar Steine auf die letzten nicht geräumten Häuser der anderen, schüren Lagerfeuer, rauchen. Gottes Abenteuerspielplatz. "Ich kaufe nur bei Juden!", trägt einer auf seinem T-Shirt. Zwei andere in orthodoxer Kleidung fotografieren sich gegenseitig mit einem von Soldaten geborgten Gewehr vor der Kulisse des arabischen Hebron. Sie besuchen, wie die meisten Jungen hier, die Yeshiva-High-School, wo hinter Sandsäcken und schusssicherem Glas jeden Morgen nach dem ersten Gebet um 6.35 Uhr Stunden der religiösen Unterweisung folgen. Nichts soll vergessen werden: woher sie kommen, was in den Prophezeiungen steht - und was ihnen angetan wurde.

Jedes Jahr nach Ausschwitz

Jedes Jahr fahren die beiden Abschlussklassen nach Auschwitz. Vorher schreiben sie Listen mit den Namen ihrer Verwandten, die dort vergast wurden. In der feuchten Kälte eines Frühlingstages stehen die Schüler in den Ruinen der Gaskammer, gehüllt in aufgeschnittene Säcke. Laut verlesen sie die Namen der Ermordeten, vom Band erklingt jüdische Folklore, und ein Rabbi predigt wider das Vergessen. Asher, einer der Jungen, schaut auf hinter seinen Brillengläsern: "Vorher wussten wir, dass sechs Millionen Juden starben. Aber jetzt, hier in Polen, haben wir es gefühlt. Jetzt habe ich verstanden, dass wir unser Land behalten müssen, denn wir sind nirgendwo sonst sicher." Nun, sagt er, habe er aus der Geschichte gelernt: "Wir können den Palästinensern nicht ein Sandkorn überlassen!"

An einem sonnigen Tag haben die "Frauen in Grün", eine der agilsten Unterstützergruppen der Siedler, zur Kundgebung nach "Hebron Heroes" geladen. Busladungen fähnchenschwingender Israelis und Ausländer erreichen am Morgen die Stätte, und von einem liebevoll dekorierten Podest aus spricht Nadia Matar, die Initiatorin, zur Menge: "Die Welt wartet auf uns, diese Dunkelheit zu besiegen, den Abschaum, das Böse. Das Welt-Arabertum muss geschlagen werden! Das Licht soll über die Finsternis triumphieren! Wie kann es sein, dass dieses Land, das uns doch versprochen wurde, wo Milch und Honig fließen würden, ein Land werden konnte, in dem so viele Juden leiden? 2000 Jahre lang haben wir gewartet, jetzt sind wir zurück! Aber wir erobern ja gar nicht mehr, die Rückkehr ist nicht vollständig, wir entschuldigen uns geradezu, hier zu sein, das ist das Problem! Dies ist unser klarer Appell an die Regierung: Stoppt das Blabla, die Zeit ist reif für Action! Schluss mit dem Gerede von der Gründung eines Palästinenser-Nazi-Staates!"

"Das sind doch Tiere"

Jubel, Hochrufe, Applaus, der so lange anhält, dass sich im Publikum die Ersten unterhalten. "Wenn die Araber sich benehmen wie Tiere, müssen sie weg!", befindet eine ältere Dame im Kostüm. "Das sind doch Tiere", sagt eine Frau mit Kinderwagen. "Nein, Tiere sind sie nicht", widerspricht ihre Nachbarin, "wenn auch keine Menschen. So etwas dazwischen." Nadia Matar, mit Gespür für die richtige Stimmung, setzt nach: "Ich frage euch: Wir haben doch diese wundervolle Armee, aber was tut sie?" Missmutiges Raunen. "Wir haben doch diese wundervolle Luftwaffe, aber was tut sie? Wir brauchen Bombardements ganzer Stadtviertel! Wir wollen den totalen Krieg, so vernichtend, dass unsere Feinde wimmern und betteln darum, dass wir aufhören!"

Pause. Wieder Beifall. Eigentlich ist sie fertig, tritt aber noch einmal ans Mikrofon: "Ich wurde gebeten, einiges auf Hebräisch zu wiederholen." Sie hatte, wie gewohnt, Englisch gesprochen. Denn mit Hebräisch kommt man nicht weit in Hebron und Kiryat Arba. Viele beherrschen es nur radebrechend. Die Beseelten sind nach Hause gekommen - aus allen Teilen der Welt. 40 Prozent sind Russen, daneben, vor allem in Hebron, Einwanderer aus New York, aus allen Teilen der USA. Dazu Menschen aus Südafrika, Europa und 45 Familien aus dem birmanisch-indischen Grenzgebiet: Bnei Menashe, Angehörige eines der mythischen "verlorenen Stämme Israels". Und dann sind da noch sechs Familien aus Peru, Nachfahren europäischer Juden, die vor einem Jahrhundert dem Kautschukboom an den Amazonas folgten.

Eine kosmopolitische Gemeinde

Dies also sind die "Am hanivchar", Gottes auserwähltes Volk. So kosmopolitisch die Gemeinde, so unterschiedlich sind ihre Charaktere: Da ist Alex Stern, tadschikischer Mathematiker, verantwortlich für die Arbeitsgenehmigungen der handverlesenen Arbeiter von drüben. "Wie kann ich gegen die Araber sein?", fragt er, "wo ich doch sogar Arabisch spreche? Wir müssen denen Arbeit geben, zu essen, dann werden das auch keine Terroristen!" Auch wenn das nun zu Streit in der Gemeinde führt, viele ihm vorwerfen, er öffne den Killern Tor und Tür. "Aber was soll ich machen? Für einen Dollar in der Stunde arbeitet doch sonst niemand."

Da ist Elitzur, der den letzten Imbiss vor der Front betreibt, 50 Meter vor dem Checkpoint. Der mit seinem ellenlangen Bart zu Radioklängen von Jimi Hendrix zwischen den Stehtischen rappt, die besten Sandwiches von Kiryat Arba macht und ein ungemein liebenswürdiger Mensch ist. Dessen Tochter belustigt davon erzählt, wie ihr Vater vor 30 Jahren der heißeste Feger in den Discos gewesen sei, während er nun erst nach dem Brot, dann nach der roten Pfeffersauce und schließlich zu einer fettglänzenden Bibel greift: "Gott hat uns hierher geführt, weil es hier drinsteht, nicht, weil wir zu Partys gehen sollen." Aber dann muss er selbst lachen, blättert, liest, "hier, in den Psalmen steht es, über den Traum, hier zu sein: "Unsere Münder waren voll des Lachens, unsere Zungen sangen von Freude"", und mit einer Vierteldrehung greift er das fertige Sandwich, reicht es einem wartenden Soldaten.

Ein Krieg zwischen Zivilisationen

Da ist Shmuel Mushnik, ein gemütlicher Ire, der Bilder malt, als wäre Vincent van Gogh hier gewesen: flammende Landschaften, ausladende Ölbäume. Nur keine Menschen. Der leidenschaftlich Bücher über den Zweiten Weltkrieg liest und die Offiziersränge der Wehrmacht auf Deutsch kennt. Der sagt: "Wir müssen tun, was zu tun ist. Diese Palästinenser, das ist doch eine Erfindung der Russen und der Nazis, die gibt es doch gar nicht, das sind Nomaden, Araber. Unser Kampf ist ein Krieg zwischen Zivilisationen!"

Es ist eine Welt aus Wille und Vorsehung, in der alle Wirklichkeit ihre ganz eigene Bedeutung erfährt. Etwas außerhalb, auf einer windgegerbten Hügelkuppe, steht Jochanan Shareth einem Außenposten der Siedler vor, sechs Wohncontainer, drei davon legal. Vor seiner Tür knurrt ein scharfer Deutscher Schäferhund, "besser als jede Waffe", und überall duftet es nach Kräutern. "Es ist wichtig, dass wir dieses Land besetzen - schon aus ökologischen Gründen! Denn seit die Araber weg sind, kommen die Rehe zurück. Seit sie hier nicht mehr ihre Schafe weiden, blühen wieder wilde Veilchen, 13 Salbeiarten wachsen hier, viele davon nirgendwo sonst, das ist Weltrekord!" Mit Freunden betreibt er die Firma "Herbs of Eden", sie extrahieren Öle und Essenzen aus ihren ökologisch angebauten Pflanzen. "Das Land nur zu besitzen reicht nicht. Wir müssen es auch durch den Boden erfahren, mit unseren Händen spüren!"

Von New York nach Kiryat Arba

Es ist Herbst, gerade hat die Armee "Hebron Heroes" wieder geräumt. Eine Mädchengang fällt über unser Auto her. Sie zerkratzen den Lack und verbiegen das Nummernschild, bis die Soldaten sie zurückhalten. "Wartet nur, bald kommen wir wieder mit Wohnwagen!", kündigt ein Mädchen mit Zöpfen und Zahnspange an. Einer der älteren Aktivisten, der hierher kommt, wann immer er Zeit hat, ist Jonathan Stern: 20, freundliches, offenes Gesicht, das selbst dann nicht aggressiv wirkt, wenn er sein Galil-Sturmgewehr schultert und den Helm mit der Banderole "born to kill" aufsetzt. Sein Großvater überlebte Auschwitz, und obwohl er aus Krakau stammte, war Deutsch die Sprache, in der er lebte und 1946 seinen ersten Brief an die wenigen überlebenden Verwandten schrieb. Vor sechs Jahren zog Jonathan mit seiner Mutter von New York nach Kiryat Arba. Nun müsse der Kreislauf des gegenseitigen Mordens ein Ende haben. Wie? "Wir müssen sie alle umbringen." Und dann beginnt er zu erklären, ganz ruhig, nüchtern: "Transfer hat doch keinen Sinn, dann kommen sie wieder und sind nur besser trainierte Terroristen."

Seine Stimme zittert nicht. Wie viele sollten denn umgebracht werden? "Wie viele sind es denn? Dreieinhalb Millionen? Na, alle. Ich habe nicht so viele Kugeln, aber ich würde es unterstützen. Es ist notwendig. Die USA bringen Frauen und Kinder in Afghanistan und im Irak um, wie können sie uns da verurteilen? Versteh mich nicht falsch, ich bin kein Nazi. Es hat nichts per se mit der Rasse der Araber zu tun, allein damit, dass sie uns umbringen wollen."

Aber was, wenn die anderen arabischen Staaten daraufhin Israel angreifen? "Wir haben die jedes Mal geschlagen und werden sie immer schlagen, denn wir haben the jiddische kopp, wir sind den Arabern rassisch überlegen. Wer waren denn damals in Deutschland die meisten Rechtsanwälte, Ärzte, Juden? Wahrscheinlich wollte Hitler sie deshalb umbringen, weil er erkannt hat, welches die wirklich überlegene Rasse ist. Unser Problem liegt darin, dass Sharon zu schwach ist. Wir brauchen wahre Führer!"

Scharon ist ein "linker Verräter"

Zu Purim 2003 in Hebron, dem Fest der wundersamen Errettung der Juden unter persischer Herrschaft, als auch die Yeshiva-Studenten sturztrunken, kostümiert und johlend durch die Straßen ziehen, trägt einer eine Scharon-Maske und darunter ein Schild: "Linker Verräter!" Ausgerechnet Scharon, dem Rest der Welt und selbst vielen Israelis Inbegriff eines Anführers, der seine Gegner eher umzubringen als mit ihnen zu verhandeln pflegt, zu schwach, zu weich?

Es war Purim 1994, als Dr. Baruch Goldstein am Morgen losging, sein Galil-Sturmgewehr geschultert, und, wie es einer seiner Freunde sagt, "tat, was getan werden musste". Im Saal der Ibrahim-Moschee mähte er 29 Betende nieder, bis er von den Überlebenden erschlagen wurde. Auf sein pompöses Grab schrieben sie ihm: "Seine Hände waren rein, sein Herz war lauter." Purim ist das Fest der Rettung. Aber Purim bedeutet noch mehr: die vollkommene Wendung des Schicksals. Die Juden konnten den finsteren Statthalter des Königs der Perser und Meder nicht nur stoppen, sie ermorden zu lassen, es gelang den Todgeweihten sogar, das ihnen zugedachte Los gegen ihre Peiniger zu wenden.

Eine Minderheit im Meer von Feinden

Der schlimmste Albtraum jüdischer Geschichte, als Minderheit im Meer von Feinden zu leben, umzingelt von den anderen, im Ghetto - in Hebron ist er wieder Wirklichkeit, aber die steht Kopf. Es ist nicht die andersgläubige Mehrheit, die eine winzige jüdische Minderheit hinter Mauern pfercht und kontrolliert. Es ist das Ghetto, das die Stadt im Griff hat und drangsaliert. Als David Wilder eine Gruppe Unterstützer auf einen Basketballplatz mitten in Hebron 2 führt, zeigt er auf das Häusermeer dahinter. Von dort hätten die Araber schon mehrfach auf Kinder geschossen. Nun habe die Armee ihnen vorgeschlagen, zum Schutz eine Mauer zu bauen. "Aber wir wollen keine Mauern! Schließlich wollen wir nie wieder im Ghetto leben", Beifall, "sollen doch die Araber Mauern um ihre Häuser bauen! Oder weggehen. Wir nicht! Nie wieder Ghetto!"

Christoph Reuter/print

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