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8. Dezember 2008, 14:14 Uhr

Generation Zorn

Randale im ganzen Land, im fernen Berlin wird sogar die Botschaft besetzt. Die Ausschreitungen in Griechenland haben den Tod eines 15-Jährigen zum Anlass, ihre Ursachen aber liegen tiefer. In dem Land ist eine ganze Generation zutiefst enttäuscht, ausgegrenzt, perspektivlos. Auf den Straßen Athens entlädt sich nun ihre Wut. Von Niels Kruse

Athen, Polizei, Straßen-Schlachten, Autonome, Griechenland, Protest

Straßenschlachten in Exarchia sind Jahren an der Tagesordnung - wenn auch nur selten so exzessiv wie diesmal© Orestis Panagiotou/EPA/DPA

Exarchia ist einer dieser Stadtteile, wie es sie in so vielen Großstädten Europas gibt: Bewohnt von Studenten und Künstlern, beliebt bei Touristen wegen des bunten Nachtlebens und regelmäßig Schauplatz von Ausschreitungen zwischen Linken und der Polizei. Exarchia im Zentrum Athens aber ist eine Nummer härter als Berlin-Kreuzberg oder Malasana in Madrid: Schon seit vielen Jahren gilt das Quartier als "verbotene Stadt" für die Polizei. Sicherheitsbeamte, die sich hierher wagen, werden beleidigt und verjagt.

Mitten in der griechischen Hauptstadt regieren die Autonomen. Aber auch Drogenbanden. Es ist eine Art Deal, den die Polizei mit den Gruppen geschlossen hat: "Wir lassen Euch hier in Ruhe, dafür lasst ihr den Rest der Stadt in Ruhe", sagt ein Bereitschaftspolizist. Trotz dieser stillen Abmachung kommt es immer wieder zu Scharmützeln zwischen Polizei und Linken auf den Straßen Exarchias. Doch so heftig wie jetzt waren sie schon seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Auch damals, 1985, wurde ein Jugendlicher bei einer Demonstration in Exarchia erschossen. Und wie damals war das Opfer gerade einmal 15 Jahre alt. Michalis Kaltezas hieß der Junge, sein Tod war immer wieder Anlass für Zusammenstöße zwischen Polizei und Linksextremen. Ein Athener Journalist sagte, dieser Gewaltausbruch wundere ihn nicht, man habe es sich ja an fünf Fingern abzählen können, dass es einmal soweit kommen würde.

Hinter den Schüssen auf den Jugendlichen und die darauffolgende entfesselte Gewalt auf den Straßen Athens steckt offenbar mehr als ein bloßer "Dienstunfall" und die anschließende Empörung. "Dieser Mord ist ein brutales und unakzeptables Ereignis, das zeigt, dass wir ein hier ein größeres politisches Problem haben", schreibt Syriza, eine griechische linksradikale Partei in einer offiziellen Erklärung. In Griechenland gärt es schon seit längerem, nicht nur unter den linken Parteigängern. Die Mitte-Rechts-Regierung von Premierminister Kostas Karamanlis, die im Parlament nur über eine Ein-Stimmen-Mehrheit verfügt, ist durch eine Serie von Skandalen erschüttert. Zudem sind viele Bürger mit der Wirtschaftspolitik der Regierung nicht zufrieden. In Umfragen führen inzwischen die oppositionellen Sozialisten.

Besonders Jugendliche fühlen sich als die großen Verlierer. "In Griechenland ist Jugend schon beinahe ein Verbrechen", heißt es in der Erklärung von Syriza weiter. Sie werde nicht nur durch Kugeln getötet, sondern ebenso durch Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und die Vermarktung von Bildung. Freilich, das ist die linke Sicht. Doch sie wird von vielen jungen Griechen geteilt. Denn verhältnismäßig wenige von ihnen bekommen nach Ende ihres Studiums eine Arbeit. Der große Teil der Akademiker sieht sich vom Staat verraten. Einige von ihnen haben deswegen eine Bewegung gegründet: die "Generation 700 Euro". In ihrem Blog heißt es: "Wir sind die schweigende Mehrheit junger Griechen, im Alter zwischen 25 und 35, überarbeitet, unterbezahlt und verschuldet. Unser Ziel ist es, dieser und den folgenden Generation eine Stimme zu geben, um für unsere Rechte zu kämpfen."

Der Stadtteil Exarchia gilt dabei als traditionelles Widerstandsnest des modernen Griechenlands. Hier begann 1973 der Aufstand gegen die Obristenjunta, die ein Jahr später aus dem Amt gejagt wurde. In dem Viertel liegt auch das Polytechnikum, in das sich die Autonomen jetzt kurzzeitig verschanzt hatten. Nach griechischem Recht ist es der Polizei nicht erlaubt, das Hochschulgelände zu betreten. Viele derjenigen, die sich nun mit den Sicherheitskräften Schlachten lieferten, sind ebenfalls Studenten, oft auch aus gutbürgerlichem Haus. "Rebellen ohne Grund", nennt sie der Athener Hochschullehrer Jannis Panousis, "sie zünden Autos von Arbeitern an und halten das für revolutionär", sagte er einer griechischen Zeitung.

Doch nun sind auch viele Anwohner sauer auf die Autonomen und Linken. Hunderte Läden wurden ausgerechnet in der umsatzstarken Vorweihnachtszeit demoliert und teilweise auch geplündert. "Wir sind ruiniert", klagten einige Besitzer. Landesweit sind schätzungsweise mehr als 500 Geschäfte, Banken, Autohäuser und öffentliche Gebäude verwüstet oder schwer beschädigt worden. Wenn es nach dem Chef der konservativen Partei, Alexis Papahelas, ginge, dann soll bald Schluss sein mit dem Anarcholeben: "Die Ausschreitungen zwingen uns hier und jetzt, die Antwort auf die Frage zu finden, wie lange wir noch die Gesetzlosigkeit in diesem Stadtteil dulden."

Die Antwort darauf haben einige Linke gegeben und die nächsten Demonstrationen angekündigt. Und nicht nur frustrierte junge Griechen sind Ursache der ausufernden Gewalt, sondern auch eine falsche Taktik der Sicherheitskräfte. Mindestens in vier Fällen wurden dieses Jahr Polizisten wegen übertriebener Gewaltanwendung vom Dienst suspendiert. Internationale Menschenrechtsorganisationen werfen seit Jahren der griechischen Polizei vor, brutal vor allem gegen Flüchtlinge vorzugehen. Aus Protest gegen das Vorgehen der Polizei blieben nun auch alle Schulen geschlossen. "Viele Schüler haben die Gebäude besetzt. Wir Lehrer streiken für drei Tage", sagte der Präsident der Lehrergewerkschaft.

Von Niels Kruse
 
 
KOMMENTARE (10 von 30)
 
stwberlin (09.12.2008, 12:44 Uhr)
@Bauersfeld
Ich finde Ihre Interpretation sowohl richtig als auch sehr besorgniserregend. Das heisst doch, dass solange eine noch so kleine Mehrheit von einem gegebenen politischen System profitiert, der Rest als "Terroristen" anzusehen ist (man hört ja auch hier die Schreie nach "hartem Durchgreifen"), nur weil sie eben keinen breiten Konsenz für Ihre Bedürfnisse schaffen können.
Wenn man ohnehin als Terrorist angesehen wird, benimmt man sich eben auch so. Der Zustand Athens in den letzten Tagen ist gemäss Ihrer Definition also quasi der Normalzustand einer Demokratie !
Soziale Gerechtigkeit wird nicht am Lebensstandard der Verlierer gemessen - sondern ausschliesslich an Mehrheiten. Wer ins soziale Abseits gedrängt wird, und sich dann durch frustgetriebene Gewalt als Verlierer outet, wird weggesperrt.
Das ist das amerikanische Modell - mir gefällt das skandinavische besser...
Pamela_1971 (08.12.2008, 20:16 Uhr)
Meine Güte....
... einige hier sollten vielleicht erst mal ein paar Berichte zu dem Fall lesen, bevor sie pawlow-reflexartig hier was dazu schreiben. Nochmal zur allgemeinen Klarstellung:
.
1.) Die Behauptung, dass das 15-jährige Opfer Steine auf das Polizeiauto geworfen hat, ist lediglich die Version der Täter - nämlich der beiden Polizisten, gegen die von der Staatsanwaltschaft wegen Totschlag bzw. Beihilfe zum Totschlag ermittelt wird. Also keine sehr glaubwürdigen Aussagen. AugenzeugInnen dagegen berichten, dass es zu einer rein verbalen Auseinandersetzung kam, in deren Verlauf der 15-jährige erschossen wurde. Von einem Polizeibeamten, der polizeiintern den Spitznamen "Rambo" trug - wegen seines gewalttätigen Charakters, aufgrund dessen wiederum sogar der eigene Anwalt (!!) des Täters sein Mandat niedergelegt und sich von seinem Mandanten öffentlich distanziert (!) hat.
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2.) Niemand - noch nicht einmal die Polizei - behauptet, dass der 15-jährige an einer "Demonstration" teilgenommen hat, als er durch die Polizei getötet wurde. Die Frage "Was hat ein 15-jähriger auf einer Demonstration verloren?" ist somit völlig off-topic, und außerdem auch noch unsinnig dazu ... da die Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit selbstverständlich auch für Kinder gilt. Ein 15jähriger hat auf einer Demonstration nicht mehr und nicht weniger "verloren" als jeder andere Mensch auch. - Aber wie gesagt: es gab überhaupt keine "Demonstration", an der das 15-jährige Opfer zum Zeitpunkt der Tat teilgenommen hat.
horst.pachulke (08.12.2008, 20:14 Uhr)
@ makira:
Ähhhhh... esgabkeinedemo.... Der Junge wurde einfach so erschossen.

Ferner gälte, wenn er denn an einer Demo teilgenommen hätte, der Satz: "Sein Tod steht in keiner Relation zu dem, was er getan hat: Der Teilnahme an einer Demonstration."

Wenn ich solche Kommentare lese, wird mir es sehr begreiflich, wie in Deutschland Einige auf die Idee kommen konnten, einen bewaffneten Arm ihrer Bewegung zu gründen. Das Dingen nannte sich "RAF" und sie proklamierten, man wolle sie alle umbringen. Scheinbar haust der damals kritisierte Geist noch heute in manch ewiggestrigem Zeitgenossen.
yomismo (08.12.2008, 20:01 Uhr)
@bobis 2.
Anstatt des "boesen" Wolfes koennte man auch viele andere Kreaturen einfuegen. Desgleichen bieten sich durchausan Stelle des "D" duchaus auch weitere Kandidaten an.......
makira (08.12.2008, 19:55 Uhr)
Hart durchgreifen
Mit den Randalierern muss man hart durchgreifen ! Die Polizei handelt richtig. Offensichtlich fehlt es denen aber an Ausrüstung.
Schon blöde mit dem 15jährigen ... aber was hatte der schon auf der Demo zu suchen in dem Alter ? Er wollte Randale, jetzt hat er randale. Schade natürlich für die Familie des Jungen.
yomismo (08.12.2008, 19:50 Uhr)
@malt
Es ist stets die gleiche abgedroschene Leier. Wem keine sachlichen Argumente mehr einfallen der greift in die Klischeekiste, welche zugegebener Weise dank Bush ja auch reichlich gefuellt ist.
Dafuer werden ihm viele noch lange danken... .
Bobis (08.12.2008, 19:43 Uhr)
Bobis
@phpeter, @yomismo, @babylon, etc.
Ich kenne Sie zwar nicht aber ich denke der folgende Spruch passt auf Sie perfekt!
"
Der Wolf wechselt sein Haar seine Gewohnheiten aber nie!
"
Wenn Sie Wolf durch D ersetzen sehen Sie auch direkt was gemeint ist.

horst.pachulke (08.12.2008, 19:41 Uhr)
Wenn Kinder erschossen werden, wenn die Polizei aufkreuzt...
...brauchen sich die Herrschaften nicht sonderlich wundern, wenn sie nicht erwünscht sind.
phpeter (08.12.2008, 19:21 Uhr)
Gewaltmonopol aufgeweicht, jetzt kommt die Rechnung.
Wenn ein Staat sich auf solche "Deals" einläßt und Teile seines Territoriums dem linksextremen Mob überläßt, dann ist er auf dem besten Weg dahin, ein typischer 3.Welt-"failed state" zu werden.
Ich hoffe, dass dieser Gewaltexzess einige Leute in Griechenland zum Aufwachen bringt und man Recht und Gesetz wieder durchsetzt gegen dieses Pack, das dem Rest der Gesellschaft auf der Nase rumtanzt und dabei Angst und Schrecken verbreitet.
Bauersfeld (08.12.2008, 19:19 Uhr)
friedliche revolution
bei der friedliche revolution war die situation anders, denn nur eine kleine politische kaste hielt ein ganzes land im griff.die bevölkerung war nicht in schichten geglieder wie heute,sondern alle hatten auf grund der gesellschaftsordnung etwa den gleichen lebensstandard und alle wollten diese gesellschaftliche veränderung. diese ausgangssituation haben wir nun leider nicht mehr, so daß es zwangsläufig widerstände geben wird.
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