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Unterzeichnet, Gutmenschen dieser Welt!

Solidarität mit Snowden? Gegen Walmassaker? Für Schulbildung? Mithilfe von Avaaz, der größten Kampagnenseite im Netz, lassen sich weltweit Petitionen starten. Aber was bewirken sie wirklich?

Ein Selbstversuch von Daniel Buttjes, New York

  Avaaz-Protest vor der UN in New York gegen die Kumpanei von Assad und Putin

Avaaz-Protest vor der UN in New York gegen die Kumpanei von Assad und Putin

Die dritte E-Mail, die heute mein Postfach erreicht, liest sich wie ein Protokoll des Schreckens. Betreff: "Die Lösung für Syrien." Der Text: "Erst vor wenigen Wochen wurden die Kinder ohne Rücksicht auf Verluste im Schlaf vergast." Dazu ein grauenhaftes Bild, auf dem Kinder zu sehen sind, die regungslos auf dem Boden liegen. Dann die Botschaft "Sign The Petition" - unterzeichne die Petition! Signiert ist die Nachricht von "Alice, Luis, Ian, Emily, Antonia, Ricken, Lisa, Mais und dem ganzen Avaaz-Team" mit den Worten "In Hoffnung".

Ich klicke auf den Button, möchte die Petition unterstützen und werde auf die Seite von Avaaz geleitet. Die Zahl der Unterstützer wird angezeigt: 675.432 Menschen auf der ganzen Welt haben die Petition bereits unterzeichnet. Täglich kommen Zehntausende dazu.

26 Millionen Mitglieder sind registriert

Vor wenigen Wochen habe ich mich auf der Online-Plattform Avaaz registriert, aus reiner Neugier. Hier werden globale politische Kampagnen organisiert, die sich mit Themen wie Klimawandel, Menschenrechten, Tierschutz, Korruption oder Armut befassen. Avaaz, vor gut sechs Jahren gegründet, ist die wohl größte Kampagnenseite im Internet: 26 Millionen Mitglieder gehören ihr an.

Bereits einen Tag nach meiner Anmeldung bei Avaaz bekomme ich täglich Aufforderungen zur Unterzeichnung von Petitionen. Ich soll mich für "Schulbildung für jedes Kind" aussprechen, ich bekomme Aufrufe wie "Burma: Stoppt das nächste Ruanda", "Seite an Seite mit Snowden" oder "Edeka und das Walmassaker". Dazwischen immer wieder die persönliche Ermahnung: "Daniel, starte auch Du deine Petition".

Reale und Wunschwelt zusammenführen

Der heute 36-jährige Kanadier Ricken Patel hat die Organisation Anfang 2007 zusammen mit anderen Nichtregierungsorganisationen gegründet. Er sieht das Ziel von Avaaz darin, "die Kluft zwischen der real existierenden Welt und der Welt, welche die meisten Menschen wollen, zu verkleinern." Mit 18 Jahren war Patel mit seiner Familie im Urlaub in Mexiko. In einer ruhigen Minute erzählte er seinen Eltern von seinem Plan, die Welt verbessern zu wollen. Seine Idee: Viele Menschen wollen dasselbe erreichen, nur fehlt ihnen die Kommunikation und die Möglichkeit, sich zu organisieren.

Sein Weg: Eine Plattform schaffen, auf der Menschen zusammengeführt werden, um Missstände aufzudecken und dagegen zu kämpfen. Seitdem arbeitet er an diesem Traum.

Avaaz hat 80 feste Mitarbeiter

Für die Namenswahl hat sich Ricken Patel des Persischen bedient: Avaaz heißt "Lied" oder "Stimme". Heute gehören der Organisation Menschen aus über 194 Staaten auf der Welt an. Laut Patel kommen monatlich eine Million Nutzer dazu.

Lesen Sie auf der nächsten Seíte: Sieben Millionen Dollar wurden über Spenden bereits eingetrieben, doch es gibt auch Gegenwind für Avaaz

Sieben Millionen Dollar Spenden gesammelt

In den letzten Jahren hat Patel viel dafür gearbeitet, Avaaz bekanntzumachen. 80 feste Mitarbeiter arbeiten daran, noch mehr Menschen zu erreichen. Für die tägliche Arbeit heißt das: Kampagnen organisieren, Unterschriften (oder besser: Klicks) sammeln und so die Organisation und deren Petitionen bekanntzumachen.

Denn bevor eine Petition zur richtigen Kampagne wird, müssen sie genügend Mitglieder unterzeichnet haben. Bei der Syrien-Petition werden 1.000.000 Unterstützer benötigt. Wie die Erfolgsaussichten sind, wird im Anschluss durch eine repräsentative Umfrage geprüft. 2400 Menschen werden gefragt, ob sie den Antrag unterstützen würden. Erst danach wird die Kampagne tatsächlich gestartet.

Jeden Tag mit Petitionen überschüttet

Avaaz finanziert sich hauptsächlich durch Spenden ihrer Mitglieder, 2011 kamen so sieben Millionen Dollar (5,3 Millionen Euro) zusammen. Damit werden die Mitarbeiter bezahlt, vor allem aber auch das Material für die Kampagnen wie Flyer oder große Banner. Als es beispielsweise Ende 2012 darum ging, Palästina als vollwertigen Staat anzuerkennen, wurde auf dem Gebäude gegenüber der EU-Kommission in Brüssel eine riesige, vier Stockwerke hohe Flagge gehisst, mit dem Aufruf, dem Antrag zuzustimmen. Darüber hinaus werden Werbeanzeigen in Zeitschriften oder Zeitungen geschaltet. Mit seinen Spenden leistet Avaaz aber auch sehr praktische Hilfe: Medikamente, Blutkonserven und Tetanusimpfungen werden für den Einsatz in Krisenländern angeschafft, dazu Satellitentelefone und satellitengestützte Internetanschlüsse. Außerdem bildet Avaaz Bürger in Kriesenländern zu Journalisten aus, um die "Informationsblockade" von Regierungen zu durchbrechen.

Doch es gibt auch Gegenwind für die Organisation. Ende April 2013 waren rund 1100 Menschen bei einem Einsturz einer Kleiderfabrik in Bangladesch ums Leben gekommen. Zu den Auftragsgebern zählte auch H&M. Auf Drängen einer Petition von Avaaz mit 900.000 Unterschriften unterzeichnete die Modekette eine Vereinbarung für schärfere Sicherheitsstandards. Kritiker warfen den Initiatoren danach vor, das Einlenken als großen Erfolg für sich selbst vermarktet zu haben, wobei gar nicht zu erkennen war, welchen Einfluss die Kampagne auf die Entscheidungen von H&M wirklich hatte. Jüngst wurde Avaaz zudem kritisiert, ihre Rolle innerhalb einer Fluchthilfe aus Syrien für einen britischen Journalisten übertrieben zu haben. Demnach hatte der Journalist nie was von der Organisation gehört.

Nach sechs Tagen war Schluss

Ich werde weiterhin jeden Tag mit Petitionen überschüttet und ich stelle mir die Frage, welchen Wert meine Stimme hat. Geleitet von schrecklichen Bildern und verstörenden Fakten, ist es schnell getan, seine Unterschrift per Mausklick beizusteuern, aber ist meine Entscheidung wirklich durchdacht? Kann ich die komplexen Probleme in der Welt so schnell bewerten? Und was bewirkt meine Stimme wirklich, wenn ich jeden Tag fünf Petitionen unterschreibe?

Nach sechs Tagen habe ich mich bei Avaaz wieder abgemeldet.

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