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Darum kämpft diese Frau gegen den Terror-Staat des Kalifen

Kat Argo könnte in Amerika auf der Terrasse sitzen und mit ihrem Hund spielen. Stattdessen führt sie im Irak Männer ins Gefecht. Der stern sprach mit der Frau, die gegen den "Feind der Menschheit" kämpft.

Kat Argo Irak

Ohne militärischen Schutz ist keine Hilfe möglich, in den Zonen die der IS bedroht.

Kat Argo ist eine zierliche, lebenslustige Frau. Auf ihren Fotos lacht die Amerikanerin gern und viel. Auch in Situationen, die andere zum Fürchten finden. Kat ist eine Kämpferin. Auf den meisten Fotos trägt sie eine automatische Waffe. Sie kämpft im Irak gegen den IS oder Daesh, wie sie die Terrorherrschaft des selbsternannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi nennt. Kat Argo ist auch nicht ihr richtiger Name.

Kampf auf Seiten der Kurden

Sie kämpft mit den Peschmerga, den Streitkräften der Autonomen Region Kurdistan. Ist das eine politische Präferenz? Hat es etwas mit der Stellung der Frau bei den Kurden zu tun? Kat winkt im Gespräch mit dem stern ab: "Nein, die Kurden akzeptieren ausländische Kämpfer und sie erlauben uns hier zu operieren." Außerdem gebe es noch andere politische, rechtliche Gründe. Die Kurdische Regionalregierung werde als Organ der autonomen Verwaltung international anerkannt und habe keine Verbindungen zu Terrororganisationen. "Das heißt: Ich kann irgendwann nach Haus gehen – vielleicht, wenn ich Glück habe."  

Kat Argo Irak

Kat entspannt - mit AK und Zigarette.


Frau kommandiert in einer Männerwelt

Kat Argo ist für den Einsatz im Irak gut vorbereitet. Angst vor dem ersten Gefecht muss sie nicht haben. "Das habe ich vor Ewigkeiten in Afghanistan erlebt." Ihre Expertise für den Einsatz im Irak seit dem November 2015 erlangte sie während eines siebenjährigen Dienstes in der Army National Guard mit drei Deployments nach Afghanistan - als Frau. Danach berichtete sie als Filmemacherin und Reporterin von den Kämpfen in der Ostukraine. Aus nächster Nähe und nicht etwa im Rahmen einer Pressekonferenz in irgendeinem Hauptquartier.

Diese Erfahrung befähigt sie, ihre Gruppe aus Männern zu führen. Ein kleines handverlesenes Dreamteam. Kat trägt diese Rolle mit Humor. Auf einem Bild steht sie inmitten einer Gruppe bärtiger Kämpfer in Afghanistan: "Die Kleine, das bin ich", lautet ihr Kommentar. Aus dem Irak schrieb sie: "Ich kommandiere einen Haufen Männer, aber das Baby darf ich halten." Darüber ein Facebook-Bild von ihr mit einem Kind im Arm auf der Ladefläche eines Pick-ups.

Schliff auch in der Wüste 

Eingerichtet hat sie ihr Team in ärmlichen Hütten mit zerfallenem Mobiliar, aber alles ist blitzblank. Sauberkeit, Training und  Waffendienst wechseln sich mit Einsätzen ab. "Good soldiering" nennt Kat das. Müßiggang bekommt dem Soldaten nicht, davon ist Kat überzeugt. Eine dreckstarrende Landsknechtsidylle, wie sie Kat bei den Milizen in der Ostukraine erleben musste, lässt sie nicht durchgehen.

Jeden Tag nehmen die Kämpfer ihre Waffen auseinander. Neben der unvermeidlichen Kalaschnikow tauchen deutsche Exporte auf. Das von der Bundeswehr aussortierte G3 steht als Sturmgewehr wegen seiner Treffergenauigkeit auf Entfernungen von 300 bis 400 Metern hoch im Kurs. Auch das robuste MG42 – eine Entwicklung aus dem zweiten Weltkrieg – wird in der Bundeswehrvariante MG3 noch verwandt.

  Peschmerga werden am Maschinengewehr unterwiesen. Vermutlich ein MG3 der Bundeswehr und kein MG42 Oldie.

Peschmerga werden am Maschinengewehr unterwiesen. Vermutlich ein MG3 der Bundeswehr und kein MG42 Oldie.


Es geht um Hilfe

Ihre Familie sei die militärischen Einsätze gewohnt und würde das Projekt unterstützen, sagt Kat. Weil es etwas Gutes bewirke. Denn Kat Argo ist nicht primär in den Irak gekommen, um zu kämpfen oder um zu töten. Sie glaubt auch nicht an einen schnellen Sieg. Was will sie erreichen? "Erreichen? Nicht viel. Wir wollen denjenigen helfen, die gegen Daesh kämpfen und das Leben von Menschen retten, die in diesem Kampf verletzt werden."

Dabei sind sie auf sich gestellt. Kontakt zu US-Truppen hat sie nicht. Sollte es eng werden, wird sie keine Luftunterstützung heraushauen. Im ersten Monat konnte sie zwei Daesh-Kämpfer in der Wüste festnehmen. "So bekamen wir Informationen, um zehn weitere Kämpfer in der Region zu verhaften." Aber eigentlich bringt ihre Gruppe Mediziner in den Einsatz. Ärzte, die dort hingehen, wo sich selbst die Ärzte ohne Grenzen nicht mehr hin trauen. Etwa in das Niemandsland, die "grey zone" von dem keiner genau sagen kann, welche Seite es gerade kontrolliert. 

Inzwischen ist Kat nicht mehr die einzige Frau im Team. Eine Ärztin stieß vor einigen Tagen hinzu. Kat stellte sie mit den Worten vor: "Sie kann dich nicht nur in Streifen schneiden, sie setzt dich hinterher auch wieder zusammen." Soldatinnen-Humor. Heloisa Jaira arbeitet seit 22 Jahren als Ärztin für die Armen. Auch sie bekommt, wie die anderen, in Kurdistan keinen Sold. Schon in ihrer ersten Nacht versorgte sie eine Familie, die das Team einsammelte, als sie auf der Flucht vor dem IS war. 

  Schießtraining mit dem deutschen G3.

Schießtraining mit dem deutschen G3.


Nachhilfe in Sachen Versorgung 

"Wir haben zwei Teams, eine Kampfgruppe und ein medizinisches Team. Die Soldaten beschützen die Mediziner, die Verwundeten und die Feldhospitale. Unsere Mediziner behandeln verwundete Soldaten und Zivilisten." Ohne bewaffneten Schutz kann man dort nichts machen: "Das medizinische Personal wird von Daesh nicht respektiert oder geschützt. Das zu glauben, wäre naiv. Das sind Ideen aus einer vergangenen Zeit." Tatsächlich habe die Gruppe mehr Kämpfer als Mediziner. "Das geht gar nicht anders. Wir müssen zuerst die Sicherheit garantieren, bevor wir helfen können. Wie nennen das "Aufklären, Halten und Aufbauen" – so arbeiten wir, in dieser Reihenfolge."

Der Traum vom gerechten Kampf

Eine Koalition, die versucht, den IS in die Steinzeit zu bomben – da ist Kat Argo skeptisch. Ihr Team heißt "Qalubna Ma’kum" – das bedeutet "Unsere Herzen sind bei euch". Für sie zählen die Menschen, die dem Monster IS ausgesetzt sind. "Wir helfen denen, die gegen den IS kämpfen. Ihre Leben sind kostbar, weil sie an der Front gegen diesen schrecklichen Terror stehen. Nicht unsere Bomber, da oben hoch in der Luft." Die meisten Kämpfer sterben, weil sie verwundet irgendwo ausbluten, weil niemand eine Aderpresse anlegen kann. Solche Grundfertigkeiten, – Wundversorgung, sterile Verbände anlegen -  die jeder Soldat kennen sollte, bringt das Team Qalubna Ma’kum den Menschen bei, die gegen den IS kämpfen. "Der IS ist eine universale Bedrohung. Ein Feind der Menschheit, ein Gegner, gegen den sich alle einig sind."


Zurzeit versucht Kat 5000 Dollar für einen medizinischen Truck zusammen zu bekommen. Hier kann man der Gruppe helfen.


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