. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
22. Juli 2008, 10:56 Uhr

"Szenen aus der Hölle"

Radovan Karadzic, der einstige Präsident der bosnischen Serben, gilt als Drahtzieher der Gräueltaten im Bosnienkrieg. Das Haager UN-Tribunal macht ihn verantwortlich für das Massaker von Srebrenica. Nach dem Krieg tauchte Karadzic unter und führte seine Verfolger jahrelang an der Nase herum.

Das Massaker von Srebrenica, das schrecklichste Kriegsverbrechen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, soll auf ihr Konto gehen: Radovan Karadzic (r.) und Ratko Mladic© Ranko Cukovic/Reuters

"Szenen aus der Hölle, geschrieben auf den dunkelsten Seiten der Geschichte." So beschreibt das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag die Gräuel, die sich während des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 ereigneten. Jahrelang wurde der mutmaßliche Drahtzieher, der frühere Präsident der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, von der internationalen Staatengemeinschaft gesucht, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Doch immer wieder entkam er seinen Verfolgern. Am Montagabend ging seine zwölf Jahre dauernde Flucht schließlich zu Ende: Radovan Karadzic, einer der meistgesuchten Männer der Erde, ist in Haft. Die serbischen Behörden, denen immer wieder mangelnder Wille zur Festnahme Karadzics vorgeworfen wurde, vermeldeten am Montag kurz vor Mitternacht überraschend die Festnahme.

Eine Nachricht, auf die "Opfer seit über einem Jahrzehnt gewartet haben", wie der Chefankläger des Haager Tribunals, Serge Brammertz, erklärte. Karadzic ist wegen Völkermordes und anderer Verbrechen vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagt. So wird er beispielsweise gemeinsam mit dem damaligen Befehlshaber der bosnisch-serbischen Streitkräfte, Ratko Mladic, für das Massaker von Srebrenica verantwortlich gemacht, bei dem 8.000 Muslime ermordet wurden.

Als Priester verkleidet

Jahrelang war Karadzic untergetaucht. Er soll sich lange Zeit in den Bergen in Ostbosnien versteckt gehalten haben. Immer wieder gab es Berichte, dass er seine Verfolger an der Nase herumführte. So soll er mit rasierter Glatze, langem Bart und in schwarzem Priestergewand gesehen worden sein. Damit sei er auch Nato-Patrouillen entgangen, berichteten Vertraute Karadzics. In der Vergangenheit wechselte er wiederholt sein Versteck, kam in hergerichteten Höhlen unter oder verbarg sich in Klöstern. Durch Nato-Kontrollen kam er zuweilen in Krankenwagen mit Blaulicht.

Im Schutz der Dunkelheit besuchte Karadzic nach Angaben seiner Verbündeten häufig seine Frau Ljiljana, seine Tochter Sonja und Sohn Aleksandar Sasa in Pale. Angeblich stattete er auch seiner kranken Mutter in Montenegro Besuche ab und wagte sich sogar zum Kaffeetrinken in die Hauptstadt Sarajevo. Im Juli 2005 überraschte seine Frau die Öffentlichkeit mit dem Appell an ihren Mann, sich zu stellen - "um der Familie Willen". Einige Tage später verkündete sein Sohn Aleksandar Sasa öffentlich, alle Kriegsverbrecher müssten zur Verantwortung gezogen werden - "auch wenn es mein eigener Vater ist".

Über die Jahre hinweg wuchs die Isolierung und Verwundbarkeit des Gejagten. Die Zeit verging, ohne dass es ein Anzeichen dafür gab, dass die Welt bereit war, dem mutmaßlichen Anstifter die an den Muslimen und Kroaten verübten Gräuel zu verzeihen.

Von Milosevic unterstützt

Karadzic war am 19. Juni 1945 als Sohn einer armen Familie auf dem Land in Montenegro geboren worden. Er erhielt eine Ausbildung als Psychiater und zog dann mit seiner Frau, Sohn Aleksandar Sasa und Tochter Sonja in den sechziger Jahre nach Sarajevo, wo er unter anderem Spieler des dortigen Fußballklubs behandelte. 1989 ging er in die Politik und wurde Chef der Bosnisch-Serbischen Demokratischen Partei. Beim Zusammenbruch Jugoslawiens mobilisierte er die Serben in Bosnien gegen die Muslime und Kroaten, die ebenfalls in Bosnien-Herzegowina lebten.

Mächtiger Fürsprecher der serbischen Nationalisten in Bosnien war der damalige starke Mann in Belgrad, Slobodan Milosevic. 1992 begann der Bürgerkrieg zwischen bosnischen Serben, Kroaten und Muslimen. Gemeinsam mit dem Befehlshaber der bosnisch-serbischen Verbände, Mladic, bildete Karadzic das Zweigespann der serbischen Aggression in Bosnien-Herzegowina. Mit der brutalen Zerstörung von Dörfern und Städten, sogenannten ethnischen Säuberungen mit Massakern und Flüchtlingsströmen ohne Beispiel, Internierungslagern und Kriegsgräueln jeder Art hielten sie jahrelang die zivilisierte Welt in Atem.

Im Sommer 1995 erhielt der Krieg eine neue Dimension: Immer ungenierter gingen die Serben dazu über, sich ihrer in den UN-Schutzzonen unter Aufsicht gestellten Waffen wieder zu bedienen, beschossen Hilfsflüge und nahmen Blauhelme als Geiseln. Im Juli 1995 schließlich griffen die serbischen Truppen die im Osten der Republik liegende Schutzzone Srebrenica an und vertrieben die muslimische Bevölkerung, rund 8.000 Männer und Jungen wurden getötet. Erst ein Militäreinsatz der westlichen Alliierten Ende August brachte die Wende, im Oktober stimmten alle Seiten einem Waffenstillstand zu. Im Dezember wurde schließlich in den USA das Friedensabkommen von Dayton unterzeichnet.

Reich durch Schmuggel

Zuvor waren im Juli und dann noch einmal im November Karadzic und Mladic wegen Völkermordes angeklagt worden. Im Juli 1996 trat Karadzic als politischer Führer der bosnischen Serben zurück. Seine Nachfolgerin, Biljana Plavsic, berichtete Jahre später vor dem Haager Tribunal, Karadzic und seine Verbündeten hätten durch den Schmuggel von Alkohol, Zigaretten und Sprit während des Krieges und danach ein riesiges Vermögen angehäuft. Dieses Vermögen soll ihm auch während seiner jahrelangen Flucht geholfen haben. 2003 wurden schließlich die Bankkonten seiner Familie gesperrt, um den Untergetauchten finanziell auszutrocknen. Doch noch Jahre hinweg blieb Karadzic nicht fassbar - ein Phantom, das weiter Bewunderer hatte. Viele verehrten ihn als Helden und serbischen Patrioten. Poster mit seinem Bild und der Aufschrift "Rührt ihn nicht an" waren überall auf dem Balkan zu finden. "Jedes serbische Haus soll sein Versteck sein, und jeder wahre Serbe sein Verbündeter", hatte der Dichter Dragoljub Scekic einst ausgerufen.

Radul Radovanovic/AP
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
DT72 (22.07.2008, 13:15 Uhr)
Die vergessene Schande der Europäer.
Man redet immer nur noch über das Kosovo und die NATO-Luftangriffe.
Die Massaker von Karadžić und Mladic (Marionetten von Milosevic) geschahen aber während des Bürgerkrieges zwischen Kroatien, Bosnien-Herzegovina und Serbien-Montenegro.
Die internationale Gemeinschaft hatte Slowenjen die Unabhängigkeit anerkannt und somit den Krieg erspart.
Wer hatte aber welche Bedenken über Kroatien und Bosnien? Hauptsächlich Frankreich, das unter Mitterand noch mit den Schemata des ersten und des zweiten Weltkrieges dachte. Kroatien = Donaumonarchie (und dann Deutsches Reich), Bosnien = muslimische Terroristen.
Deutschland und Österreich boten Flüchtlingen Hilfe, durften aber diplomatisch nicht aktiv werden, aus bekanntem Grund.
Blauhelme (aus Frankreich) wurden als Schild gegen Angriffe gefangengenommen. Deren Oberbefehlshaber (General Philippe Morillon) war machtlos und musste den Spott der serbischen Milizen ertragen, die sich vor und nach jedem Massaker soffen.
Auf die "Einladungen" der UN-Mediatoren Owen und Stoltenberg reagierten die Serben kaum, obwohl die internationale Gemeinschaft bereit war, ihnen einen Großteil der besetzten Gebiete in Bosnien anzuerkennen.
Erst nach der Trendwende in Frankreich (mit Chiraq) kam "frischer Wind" in die verstarrten Positionen.
Zur Erinnerung: Chiraq drohte, ohne UN und USA die Blauhelme gegen die Fremde Legion auszutauschen, die einen uneingeschränkten Schießbefehl erhalten hätte.
Erst dann erschienen serbische Händler am Verhandlungstisch und blieben länger als die üblichen zwei Minuten.
Kaum war der "Traum" von Großserbien ausgeträumt, gleich ging es in Kosovo los.
DT72 (22.07.2008, 13:15 Uhr)
Verharmlosen ist gefährlich.
Nach den Bildern von 1992 bis 1995 habe ich mir die (rhetorische) Frage gestellt: wiederholt sich die Geschichte? Klare Antwort: JA. Einzige Unterschiede waren die "Ideologie" der neuen Verbrecherbande (Nationalismus + Kommunismus + Rassismus) und deren Mangel an Mitteln, um ein noch gewaltiges Gemetzel (gemäß deren Vorstellung) zu erreichen.
Die europäischen Nationen (teilweise noch im Zeitgeist des kalten Krieges) bewegten aus ideologischen Gründen gar nichts. Mitterand hätte nie die harte Faust gegen Serbien und (aus seiner Sicht) für Kroatien und Bosnien geballt, als ob wir noch zur Zeit von Ante Pavelic gelebt hätten.
Die Betrachtung der (damals) gegenwärtigen Lage mit den Augen des ersten bzw. des zweiten Weltkrieges war fatal für die Opfer, die den Kriegsverbrechern schutzlos ausgeliefert wurden.
DT72 (22.07.2008, 13:14 Uhr)
Kriegsverbrecher bleibt Kriegsverbrecher.
Karadžić ist, politisch gesehen, eine sehr kontroverse Figur innerhalb eines Panoramas, wo die ideologischen Grenzen zwischen Nationalismus und Sozialismus sehr verschwommen sind.
Einerseits wird er von Nationalisten gefeiert, andererseits wurde er von Milosevic unterstützt, dessen Frau (zur Erinnerung) Marxismus an der Universität von Belgrad lehrte.
Der größte Fehler, den die internationale Gemeinschaft begehen kann, ist die Verstrickung im ideologischen Dickicht. Karadžić ist und bleibt ein Kriegsverbrecher, ganz egal welche Ideologie ihn zu diesen Verbrechen in Bosnien "bewegt" hatte.
MEHR ZUM ARTIKEL
Serbien Kriegsverbrecher Karadzic gefasst

Nach fast 13 Jahren auf der Flucht ist der wegen Kriegsverbrechen gesuchte ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic verhaftet worden. Karadzic gehörte zu den meistgesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrechern des Balkankonflikts. Er ist unter anderem wegen Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bosnienkrieg angeklagt. mehr...

Hintergrund Die Anklagepunkte gegen Karadzic

Bereits seit 1995 liegt die Anklage gegen Radovan Karadzic beim UN-Tribunal für das frühere Jugoslawien in Den Haag vor. Darin wird ihm und dem weiterhin untergetauchten Ratko Mladic unter anderem der Völkermord an Muslimen beim Massaker von Srebrenica im Juli 1995 vorgeworfen. Auszüge aus der Anklageschrift. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe