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"Geh nicht, Katalonien" - selbst Politiker demonstrieren gegen Abspaltung

Hunderttausende Katalanen nahmen in Barcelona am Protestmarsch gegen den Unabhängigkeitsprozess teil - sogar Spanische Politiker stimmten mit ein. Auch wirtschaftlich kann Spanien sich eine Unabhängigkeit Kataloniens nicht leisten.

Von Manuel Meyer, Barcelona

"Wir sind Spanier, wir sind Katalanen", hallte es durch die Via Laietana im Zentrum Barcelonas. Hunderttausende Menschen protestierten nur eine Woche nach dem illegalen Unabhängigkeitsreferendum gegen den Abspaltungsprozess der katalanischen Regionalregierung von .

Ältere Menschen, junge Pärchen, Jugendgruppen, ganze Familien waren an diesem heißen Herbsttag auf den Straßen. Die Hauptverkehrsstraße, die zum Hafen der katalanischen Mittelmeermetropole hinunterführt, glich einem Meer aus spanischen und katalanischen Fahnen. Hunderttausende Unabhängigkeitsbefürworter schwenkten hier auf der Via Laietana am Dienstag "Esteladas", Unabhängigkeitsflaggen mit dem blauen Dreieck und dem weißen Stern. Sie protestierten gegen die massive Polizeigewalt, die am 1. Oktober das Unabhängigkeitsreferendum überschattete.

"Puigdemont, ab in den Knast!"

Doch heute wehten nur "Senyeras", die offizielle Flagge eines in Spanien integrierten Kataloniens im sommerlichen . Jaime, ein 22 Jahre alter Student, trägt ein Plakat mit der Aufschrift "Ich bin stolz, Katalane und Spanier zu sein". Er gibt zu: "Vielleicht haben wir zu lange mit unserem Protest gewartet und den Separatisten damit das Feld überlassen. Aber heute haben wir der Welt gezeigt, dass nicht ganz Katalonien die Unabhängigkeit wünscht", versichert Jaime und setzt wieder in die Sprechchöre ein.

"Visca Catalunya! Viva España!" - "Es lebe Katalonien! Es lebe Spanien!", schreien die Menschen. Auch der staatliche Regionalsender TV3 bekommt sein Fett weg. Der Sender wird als "Propaganda-Mittel" der Regionalregierung verspotten. Doch die meisten Sprechchöre werden Kataloniens Ministerpräsidenten gewidmet, der mit seiner separatistischen Regionalregierung die Loslösung Kataloniens von Spanien erzwingen will. "Puigdemont, ab in den Knast", rufen die Demonstranten. Am 1. Oktober ließ er den Volksentscheid gegen den Willen Madrids und trotz des Verbots durch das spanische Verfassungsgericht durchführen. 90 Prozent stimmten für die Unabhängigkeit. Doch lag die Wahlbeteiligung nur bei 42 Prozent. Laut Umfragen dürften die Separatisten in Katalonien mit maximal 45 Prozent tatsächlich keine Mehrheit darstellen.

"Heute hat endlich Kataloniens schweigende Mehrheit ihre Stimme erhoben", versichert die katalanische Schriftstellerin Núria Amat. Mit zahlreichen Politikern, Intellektuellen und bekannten Persönlichkeiten Spaniens führte sie den an, zu dem laut Veranstalter kanpp eine Million Menschen unter dem Motto "Es reicht! Stellen wir wieder die Vernunft her" teilnahmen. Die Polizei schätzte die Zahl der Demonstranten auf rund 350.000 Personen.

Spanische Politiker nahmen an Demonstrationen teil

Aufgerufen hatten zum Massenprotest neben der Societat Civil Catalana, eine anti-separatistischen Bürgerbewegungen, insgesamt 27 Parteien und Bürgerplattformen. "Dank der undemokratischen und verfassungswidrigen Politik Puigdemonts, der bereit ist, geltendes Recht zu brechen, um seinen politischen Traum umzusetzen, haben die Menschen ihre Angst verloren, die Fahnen ihres Landes, Spaniens, zu zeigen. Diese Demo ist der Beweise", versicherte Esperanza Aguirre.

Spaniens ehemalige Kulturministerin und konservative Ministerpräsidentin der Region Madrid war nicht die einzige Politikerin, die am Sonntag an dem Protestmarsch gegen Kataloniens Unabhängigkeitsbewegung teilnahm. Vor allem Vertreter der in Madrid regierenden Volkspartei sowie der Liberalen (Ciudadanos) waren gekommen.

Doch heute war nicht ihr Tag. Sie sollten nicht das Sprachrohr der Masse werden. Das übernahm kein geringerer als der spanisch-peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa, der versicherte, Spanien nicht zulassen, dass die separatistische Minderheit das Land wieder ins Mittelalter zurückversetzt.

"Es braucht schon mehr als eine separatistische Konspiration und Puigdemonts Staatsstreichversuch, um die spanische Demokratie zu zerstören", so der Literaturnobelpreisträger auf der Abschlussveranstaltung des Protestmarsches vor dem Bahnhof Estació de França. "Passion kann gefährlich werden, wenn Fanatismus sie antreibt. Und die schlimmste dieser Formen ist die nationalistische Passion", begeisterte Vargas Llosa die Menschenmasse.

"Katalonien soll wieder Kulturhauptstadt werden"

Neben Identitäts- und Kulturfragen spielen für Kataloniens Separatisten vor allem auch wirtschaftliche Gründe eine Rolle, um die Loslösung der wirtschaftsstärksten Region des Landes zu fordern. Seit dem Referendum verlegen bereits viele Großunternehmen und Banken wegen der Rechtsunsicherheit und eines Ausscheidens der Region aus der EU bei einer einseitigen Unabhängigkeitserklärung ihre Firmensitze in andere Regionen Spaniens. "Wir wollen nicht, dass die Unternehmen Katalonien verlassen, als wäre es eine mittelalterliche Stadt, in der die Pest umhergeht. Wir wollen, dass Katalonien wieder zum Motor Spaniens und Barcelona erneut Spaniens Kulturhauptstadt wird", so Mario Vargas Llosa.

Unterdessen forderte der ehemalige EU-Parlamentspräsident Josep Borrell während seiner Abschlussrede, dass man wieder zur Ruhe und Vernunft kommen müsse. Die Regionalregierung solle endlich damit aufhören, die Katalanen mit Lügen über die Vorteile einer einseitigen Unabhängigkeitserklärung hinters Licht zu führen und sie über die möglichen Konsequenzen aufklären, so der Sozialist, der ebenfalls aus Katalonien stammt.

Ob alle Beteiligten jedoch zur Ruhe zurückfinden wollen, ist fraglich. "Spanien wird nicht geteilt werden und die nationale Einheit erhalten bleiben", sagte Spaniens Ministerpräsident bereits am Samstag der Zeitung "El Pais". Er betonte, "alle mir zur Verfügung stehenden gesetzgeberischen Instrumente nutzen" zu wollen, um den Erhalt der Landeseinheit sicherzustellen. Dabei schloss er auch eine Aufhebung der Autonomie Kataloniens nicht aus. Für Dienstag wird mit Spannung die Parlamentsansprache von Carles Puigdemont erwartet. Ob er wirklich die Unabhängigkeit ausrufen wird und damit nicht nur die katalanische und spanische Gesellschaft spaltet, weiß man nicht.

Fest steht: Viele Katalanen wollen auch weiterhin Spanier bleiben. "Visca Catalunya, Viva España"! 

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