. .
News am 21.11.2009
RSS Mobil Wetter stern.de Blogs Hefte
1. September 2003, 16:20 Uhr
Schriftgröße: A A A

Dr. Seltsam und die Bombe

Er ist der rätselhafteste Diktator der Welt. Während sein Volk Gras und Kiefernnadeln essen muss, lässt sich Nordkoreas Staatschef Kim Jong Il "als größten vom Himmel erschaffenen Menschen" feiern. Ganz Asien zittert, dass er demnächst zur Atombombe greift.

Inszenierung für ein darbendes Volk: Der "Geliebte Führer" Kim Jong Il besucht eine landwirtschaftliche Produktionsgemeinschaft der Armee. Millionen leiden in Nordkorea Hunger, nur Offiziere und Funktionäre haben genug zum Leben© AP

Einmal kam Kim Jong Il aufgelöst von der Jagd nach Hause. Er stürzte ans Telefon und fragte in einer Klinik nach, "ob Mutter und Kind wohlauf" seien. Alle starrten ihn entgeistert an. Der künftige Diktator lebte damals in zweiter Ehe und holte nebenbei zahlreiche Mädchen aus so genannten "Vergnügungsteams" in sein Bett. Dann löste Kim das Rätsel. Er hatte ein trächtiges Reh angeschossen und das verwundete Tier ins nächste Krankenhaus bringen lassen. Die verängstigten Ärzte mussten das frühgeborene Kitz in einen Brutkasten legen.

"Er war unberechenbar"

Auch zu Menschen konnte der heutige Herrscher über Nordkorea freundlich und voller Wärme sein. Als Kims ältester Sohn Jung Nam ein Baby war, trug er ihn abends so lange auf dem Arm, bis der Junge eingeschlief. "Aber wenn Kim wütend war, zitterte jedes Fenster im Haus", erinnert sich Sung Hae Rang. "Er war unberechenbar." Die feingliedrige Frau lebte zwei Jahrzehnte im Haushalt des Tyrannen. Sie ist die Schwester von Kims zweiter Frau Sung Hae Rim. Hinter dem Rücken seines Vaters, des Revolutionärs und Staatsgründers Kim Il Sung, hatte Kim mit der schönen Schauspielerin zusammengelebt. Erst zwang er sie zur Scheidung von ihrem damaligen Mann, dann trieb er sie mit seinen Launen in den Wahnsinn. Vor einem Jahr starb sie in einer Moskauer Psychiatrie. "Kim hat nicht nur meine Schwester auf dem Gewissen", sagt Hae Rang, "sondern auch meinen Sohn."

Ihren Sohn, der in den achtziger Jahren aus Nordkorea geflohen war, erledigten Kims Agenten 1997. Als er in seinem Plattenbau auf den Aufzug wartete, jagten ihm Killer von hinten Kugeln in den Oberkörper. Seine Mutter war ein Jahr zuvor über Genf in den Westen geflohen. Hae Rang versteckt sich in einer schlichten Einzimmerwohnung in Europa und hat Angst, dass Kim auch sie töten lässt. Sie war es, die der Öffentlichkeit das einzige Foto preisgab, das Kim mit Familie und Verwandten zeigt. Kim Il Jong ist so geheimnisumwittert wie kein anderer Staatschef. Lange Jahre verfügte selbst die amerikanische CIA über keine Tonbandaufnahme, um die Stimme des Politikers zu analysieren, der nun nach Kernwaffen greift. Der sich damit brüstet, bereits über 8000 Brennstäbe zu verfügen, genug für fünf oder sechs Atombomben.

"Monster" in militärgrünen Mao-Anzügen

Kim, meist in graue oder militärgrüne Mao-Anzüge gewandet, Lackschuhe an den Füßen, das schüttere Haar über den Hinterkopf toupiert, war immer eine Spekulation oder Übertreibung wert. Südkoreas Geheimdienste verzerrten ihn zu einem Monster, das Jungfrauen-Blut trinkt, um jung zu bleiben. Es gab Berichte, wonach er schon vor Jahren bei einem Unfall gestorben sei und nun ein Doppelgänger seine öffentlichen Auftritte wahrnehme. Die meisten Berichte schildern ihn als abgedrehten Spinner.

Spitzenbeamte im chinesischen Außenministerium jedoch halten Kim für "jemanden, der weiß, was in der Welt vorgeht". Der ehemalige südkoreanische Präsident Kim Dae Jung, der für seine Politik der Annäherung an Nordkorea den Friedensnobelpreis bekam, lobte den kommunistischen Diktator nach einem Gipfeltreffen, er sei weder ein Mann "mit irgendwelchen Defekten", noch fehle es ihm an Sinn für das Gemeinwohl.

Mal Halbgott, mal charmanter Gastgeber

Meisterhaft versteht es der Filmfan, der mehr als 20 000 Videos besitzt, in immer neue Rollen zu schlüpfen. Er inszeniert sich mal als Halbgott, den die Parteizeitungen "als größten der großen vom Himmel erschaffenen Menschen" preisen, mal gibt er den charmanten Gastgeber, wie 2000, als er die damalige amerikanische Außenministerin Madeleine Albright empfing.

Seit Nordkorea aber im vergangenen Oktober zugab, dass es wieder an seinem Atomprogramm arbeite, graut es den Menschen in Asien vor einem nuklearen Wettrüsten. Drei Tage nach Weihnachten warf Kim die Inspektoren der Internationalen Atombehörde aus dem Land, dann stieg er aus dem Atomwaffensperrvertrag aus. Eine größere Zahl von Atombomben in der Hand von Kim würde womöglich Japan und Südkorea dazu bringen, selbst Kernwaffen zu bauen. Zumal der Herrscher über das letzte radikal-stalinistische Land drohte, Südkorea mit der Hauptstadt Seoul, die anderthalb Minuten von seinen Raketenstellungen entfernt ist, mit einem "Meer aus Feuer" zu überziehen.

  zurück
1 2 3
MEHR ZUM ARTIKEL
Interview "Nordkorea ist die größte Bedrohung"

Der Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde Mohamed El Baradei sieht den Beginn eines neuen nuklearen Wettrüstens. Nordkorea, der Iran und auch die USA treiben ein gefährliches Spiel. mehr...

 
 
 
Aktuelle Extras
 
Adobe Flash Player

 
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Günther Jauch
sternTV - Information und Unterhaltung mit Günther Jauch

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...