Eine nordkoreanische Ex-Spionin spricht

11. April 2013, 20:20 Uhr

Kim Hyon Hui sprengte 1987 ein Flugzeug der Korean Airlines. 115 Menschen starben damals. Nun lebt sie in Südkorea und äußert sich erstmals über das Aufwachsen im Norden und die Politik der Kims. Von Niels Kruse

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Kim Hyon Hui im März 2009, kurz nachdem sie begnadigt wurde. Die Bombenlegerin bekam ihren Auftrag direkt von Nordkoreas verstorbenen Diktator Kim Jong Il.©

Ihre Geschichte hätte sich auch John Le Carré nicht besser ausdenken können. Aber sie ist wahr. Zumindest aus der Sicht von Kim Hyon Hui. Keine 20 Jahre alt was sie alt, als plötzlich schwarzgewandete Parteikader in ihrer Schule auftauchten und ihr erklärten, sie sei auserwählt. Für was, sagten sie nicht. Nur, dass sie sofort ihre Sachen zu packen habe und mitkommen solle. Um sich von ihrer Familie zu verabschieden, blieben ihr nur wenige Stunden, danach ging es in ein Agentencamp im Norden des Landes. Dort lernte sie das Spionage-Handwerk von niemandem geringeren als Kim Sung Il, einer Geheimdienstlegende Nordkoreas. Jahre später deponierte sie eine Bombe in einer Boeing der Korean Airlines. 115 Menschen starben bei dem Attentat auf Flug 858. 1987 war das - und der "Höhepunkt" ihrer Karriere.

Mittlerweile ist die Ex-Spionin Anfang 50 und lebt an einem unbekannten Ort in Südkorea, ständig umgeben von rund einem Dutzend Leibwächtern. Denn jederzeit könnten die Schergen des Regimes in Pjöngjang zuschlagen. Dem australischen Fernsehsender ABC hat die ehemalige Staatsterroristin nun ein Interview gegeben. Darin berichtet sie vom Aufwachsen und Leben in dem isolierten Reich, was nach dem Attentat geschah und sagt, was hinter Nordkoreas Diktator Kim Jong Uns irrlichterndem Verhalten steht.

"Der Führer ist größer als die eigenen Eltern"

"Wer in Nordkorea aufwächst, bekommt von klein auf beigebracht, dass der Führer (damals Staatsgründer Kim Il Sung, d. Red.) ein Gott ist, bedeutender noch als die Eltern. Für alles bedankte man sich mit den Worten 'Ich danke Dir, großer Führer'. Wer das nicht tat, oder wem auch nur ein Versprecher herausrutschte, endete im Gulag", so Kim Hyon Hui. "Nordkorea ist kein Staat, es ist ein Kult." Erst viele Jahre später, nach dem Attentat, als sie wegen ihres gefälschten Passes aufgeflogen und in südkoreanischer Haft gelandet war, merkte sie, dass alles, was man ihr im Norden beigebracht hatte, Lug und Trug gewesen war.

"Eine Woche lang wurde ich von den Südkoreanern verhört. Eine Woche lang flüchtete ich mich in Lügen oder sagte nichts", erzählte sie dem Sender. Doch dann hätten die Beamten sie durch Seoul kutschiert: "Ich sah, wie modern die Stadt ist, und wie offen und frei die Geheimdienstmitarbeiter sprechen konnten. Das widersprach allem, was man uns in Nordkorea beigebracht hatte. Da merkte ich, dass ich unschuldigen Menschen das Leben genommen hatte." Die zu späte Einsicht half Kim Hyon Hui nicht. Sie wurde zum Tode verurteilt, 2009 dann allerdings begnadigt.

Kim Jong Il befehligte den Anschlag persönlich

Der Anschlag auf die Passagiermaschine geschah laut Kim Hyon Hui auf direkten Befehl von Kim Jong Il, damals noch "Geliebter Führer" im Wartestand. Das Attentat war vor dem Hintergrund der Olympischen Spiele in Seoul 1988 geplant. Es waren die ersten Spiele seit 1980, die weder von den West- noch von den Ostblockstaaten boykottiert wurden. "Kim Jong Il erhoffte sich, dass wegen des Anschlags ausländische Mannschaften von den Olympischen Spielen fernbleiben würden", so die Ex-Spionin. Doch der Plan scheiterte. "Trost" für die kommunistischen Länder: Die meisten Medaillen holten die Sowjetunion und die DDR.

Nachdem sie die Zeitbombe erfolgreich im Startflughafen Bagdad platziert hatte, reiste sie weiter nach Bahrain - zusammen ihrem Agentenpartner, dem damals 70-jährigen Kim Sung Il. Als Japaner getarnt, hatten sie sich als Vater und Tochter ausgegeben. Zwei Tage lang ging kein Flieger und als sie kurz davor waren, das nächste Flugzeug zu besteigen, schlugen die bahrainischen Behörden zu und verhafteten das Paar - er starb kurz darauf; vermutlich an den mitgeführten Zyankali-Kapseln. Auch Kim Hyon Hui versuchte sich das Leben zu nehmen, wurde aber gerettet. Anders als ihre Familie, wie sie vermutet. "Ein Flüchtling hat mir erzählt, dass er meine Familie in einem der Konzentrationslager gesehen habe." 15 Jahre sei das her, und sie hat bis heute keine Ahnung, was mit Angehörigen passiert ist.

Mitleid mit den Millionen Nordkoreanern

Über Kim, den Dritten, der zurzeit die Welt mit wilden Drohungen in Aufregung hält, urteilt die frühere Nordkoreanerin verzweifelt. "Er ist zu jung, zu unerfahren und er kämpft um die Kontrolle über das Militär." Deswegen besuche er auch ständig Armeestützpunkte, er braucht die Unterstützung der Generäle. Die Vorstellung, dass nun die dritte Kim-Generation die Welt in Angst und Schrecken versetzt, findet die Ex-Agentin schrecklich. Noch schlimmer aber sei die Tatsache, dass Millionen von Menschen dazu "verdammt sind, unter der Knute dieses Regimes leben zu müssen".

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