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Eluana darf nicht sterben

Seit 17 Jahren liegt die Italienerin Eluana Englaro im Koma. Fast genauso lange kämpfte ihr Vater dafür, dass sie in Würde aus dem Leben scheiden darf; das Oberste Gericht des Landes genehmigte den Wunsch nach Sterbehilfe. Doch nun wurde der Vollzug durch die Regierung boykottiert - zum Entsetzten der Familie.

Von Luisa Brandl, Rom

Die Koffer waren gepackt. Der Krankenwagen stand bereit zur Überfahrt in die Privatklinik von Udine. Dort sollte Eluana endlich sterben dürfen. Doch um 22.30 Uhr bekam der Vater den niederschmetternden Anruf: Seine Tochter Eluana darf nicht sterben. Kurz zuvor brannte im zweiten Stock der Klinik noch Licht. Die Nonnen beteten für sie, einige weinten, denn der Abschied rückte näher. 17 Jahre lang hatten die Schwestern im oberitalienischen Lecco die Frau gepflegt, die im Alter von 21 mit dem Auto schwer verunglückt und danach nie wieder aufgewacht war.

Künstliche Ernährung darf nicht abgebrochen werden

Dabei hatte Vater Beppino Englaro nach jahrelangem Rechtsstreit erst kürzlich die Sterbehilfe für seine Tochter vor Gericht durchgefochten. Bis eine Weisung aus Rom kam, in aller Eile erlassen von Gesundheitsminister Maurizio Sacconi. Sie sollte den Vollzug des Gerichtsurteils boykottieren. In der Verfügung heißt es, kein öffentliches oder privates Krankenhaus solle die künstliche Ernährung eines Komapatienten abbrechen. Gemeint war damit ganz klar Eluana Englaro.

Der Minister beruft sich angeblich auf eine Uno-Konvention zum Schutz der Rechte von Behinderten, in der es im letzten Absatz heißt, der Abbruch der künstlichen Ernährung einer behinderten Person sei diskriminierend. Und das gelte auch für Komapatienten - laut eines Zusatzes, der wegen des ähnlich gelagerten Falls Terry Schiavo in den USA hinzugefügt worden sei. "Wir haben unsere Pflicht getan und uns von den Kriterien des Laizismus leiten lassen, dem der zentrale Wert des Menschen nicht fremd ist", sagte Sacconi. "Die Klink, die akzeptiert, Eluana die Magensonde zu entfernen, handelt im Widerspruch zum Gesetz", so Sacconi weiter.

Der Vorstoß der Regierung sorgt für Zündstoff

Der Vorstoß der Berlusconi-Regierung sorgt in Italien für Zündstoff. Schließlich hatte erst vor vier Wochen das Mailänder Berufungsgericht entschieden, dass Eluana aus dem Koma erlöst werden darf. Die Richter sahen zwei Voraussetzungen dafür erfüllt: Erstens wurde ein "vegetativer" und irreversibler Zustand der Patientin klinisch festgestellt. Zweitens spricht nach Auffassung des Gerichts einiges dafür, dass Eluana aufgrund ihrer ethischen, religiösen und philosophischen Überzeugungen einen Abbruch der Behandlung vorgezogen hätte. In dem Verbot sehen die einen nun eine Einmischung in die Zuständigkeiten der Justiz, die anderen eine gerechtfertigte Handlung, um eine Gesetzeslücke zu schließen. "Es liegt zwar ein Urteil des Obersten Gerichts vor, aber es gibt keinen gesetzlichen Rahmen für diese Materie", sagte Margherita Boniver von der Regierungspartei Forza Italia. "Ich hoffe, die Parteien vergeuden keine Zeit mehr und bringen schnell ein Gesetz durchs Parlament", so die Abgeordnete.

Doch in der Debatte geht es auch darum, ob ein Verwaltungsakt ein letztinstanzliches Urteil aufheben kann? Der Jurist und Berater des Vatikans, Cesare Mirabelli, verteidigt die Weisung des Ministers: "Die Kliniken müssen sich daran halten. Wenn sie das Verbot für illegitim halten, können sie vor den Verwaltungsrichter gehen." Der ehemalige Verfassungsrichter Antonio Baldassare hält dagegen: "Der Akt des Ministers gilt für alle bis auf Eluana, weil es in ihrem Fall ein spezielles Urteil des Berufungsgerichts gibt." Der Jurist Stefano Rodota geht noch weiter: "Sacconi setzt sich über das Urteil hinweg. Das ist gravierend, denn der Richterspruch analysiert den Fall genau und ist das Ergebnis eines sehr langen Weges durch die Instanzen." Er sieht darin "ein Druckmittel derjenigen, die den Respekt für die Menschen bekämpfen wollen". Gar von einem "Einschüchterungsversuch" und einer "Drohung gegenüber den Kliniken" spricht Eluanas langjährige Pflegerin Franca Alessio.

Odyssee durch Kliniken

Die Pflegerin hat den Kampf und die Verzweiflung der Familie Englaro hautnah miterlebt. In den Wochen seit der Urteilsverkündung erlebte Beppino Englaro eine Odyssee durch die Kliniken - und erhielt nur Absagen. Drei Regionen, Lombardei, Toskana und das nordöstliche Friaul, haben Eluana abgewiesen. Der Vatikan, katholisch geprägte Politiker und Kirchenverbände hatten öffentlichen Druck gegen die Sterbehilfe gemacht. Es war der Wunsch Englaros gewesen, Eluana in seiner Heimat Friaul von ihrem Leid zu erlösen. Als die Aufnahme im Universitätsklinikum Santa Maria della Misericordia in Udine vor einer Woche platzte, fand der Vater einen Platz in der privaten Klinik "La città dell' Udine". Englaro sah sein Ziel zum Greifen nah. Doch nach der Absage beginnt nun alles wieder von vorn. Englaro hat dafür nur zwei Worte: "die Hölle".

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