Beppe Grillo gilt als Michael Moore Italiens. Mit seiner Website erreicht der Komiker eine halbe Million Menschen am Tag. Im Interview mit stern.de sagt er, woran die Republik krankt, wer Schuld ist am Müll- und Regierungschaos und warum die Presse der wahre Krebs des Landes ist.

"Ich bin ein Detonator": Beppe Grillo beim Karneval in Viareggio© Tiziana Fabi/AFP
Das ist kein Albtraum, das ist Realität. Gerade sammelt Silvio Berlusconi - schön sauber nach Lagern getrennt - den gesamten parlamentarischen Giftmüll ein, um ihn für seine politische Wiederauferstehung zu recyceln. Die schlimmste Mülldeponie Italiens ist doch heute unser Parlament: Dort sitzen, noch immer unbehelligt, 24 wegen verschiedenster Verbrechen verurteilte Abgeordnete.
Da kommen viele Faktoren zusammen. Neapel ist ein Symbol für die Implosion unseres Wirtschaftssystems. Kampaniens Müllberge hätten auch ein Signal zum Umdenken sein können: Etwa mit einem Sofortgesetz, das die Produktion von Einwegverpackungen verbietet und stattdessen Abfüllanlagen in Supermärkten für Milch oder Waschmittel propagiert. Deutschland ist da viel weiter.
Immerhin. Ich habe mich aufklären lassen von eurem Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie: Abfall ist ein Irrtum in der Produktionskette, es muss ihn nicht geben. Das hätte man den Leuten vermitteln müssen - und zugleich die gesamte öffentliche Verwaltung vor die Tür setzen: vom Regionalpräsidenten bis zu Neapels Bürgermeisterin. Stattdessen schickt Rom Soldaten - und einen seit dem G8-Gipfel in Genua höchst umstrittenen, ehemaligen Polizeipräsidenten als Sonderkommissar. Welch vertane Chance!
Sicher, sie wurden im April 2006 gewählt, die Pension ist erst nach 30 Monaten Parlamentszugehörigkeit fällig. Franca Rame, die Frau von Dario Fo, selbst erst seit 20 Monaten Senatorin, hat öffentlich über derlei Parasitentum spekuliert. Doch den Niedergang der Politiker-Kaste beobachte ich schon länger. An unserem "Vaffanculo-Day" ("Leck-mich-am-Arsch-Tag") vergangenen September versammelten sich anderthalb Millionen Menschen in 250 Städten des Landes, um dem Schmierentheater aus Politik und Medien den Stinkefinger zu zeigen. Kein Mensch fühlt sich von denen mehr repräsentiert.
In Italien herrscht riesige Frustration. Schlimmer als vor ein paar Jahren, als man tatsächlich hoffte, der Wechsel zu einer linksgerichteten Regierung würde dem Land helfen. Aber die Hoffnung ist Scham und Verzweiflung gewichen. Die Leute schämen sich, weil sie Mühe haben, ihre Familien zu ernähren.
Für mich ist Berlusconi nur der "psiconano" - der "Psychozwerg". Alles andere als der starke Mann. Ein abgehalfterter Anfangssiebziger, der sich die Haare färbt. Der dieses abgewirtschaftete Land endgültig in Scherben legen wird. Berlusconi wird vielleicht wiedergewählt, aber er wird sich nicht halten.
Von wegen kleineres Übel: Veltroni ist für mich Topo Gigio, die Weltraum-Maus, eine Comicfigur aus den 80er Jahren. Auch der will das Land zubetonieren, gesundheitsschädliche Müllverbrennungsanlagen bauen, der will die alte Politik.
Die Italiener befinden sich am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Wenn sie jetzt noch einmal nach dem alten Wahlrecht an die Urnen geschickt werden, bricht hier die Revolution aus. Dieses Land ist unregierbar geworden. Die heutige Politiker-Klasse muss schleunigst nach Hause geschickt werden.
Von der Basis muss die Erneuerung kommen. Unsere Waffen sind nicht Knüppel, sondern Volksbegehren. Parteien müssen abgeschafft werden, denn sie sind nichts weiter als Vehikel für krumme Geschäfte. Wir diskutieren auf meiner Website eine Art "Volkswahlrecht", das die Direktwahl der Kandidaten auf sogenannten Bürger-Listen vorsieht. Sie dürfen keiner Partei angehören, nicht vorbestraft sein. Sie müssen am Ort wohnen und ihre Arbeit im Internet transparent machen. Wir brauchen eine klare Grenzziehung zwischen Legalität und Illegalität, sonst wird dieses Land in Agonie verharren.
Weil Italien von einer Wirtschaftslobby regiert wird, die selbst EU-Gelder in Milliardenhöhe abgreift. Ich habe mithilfe von Staatsanwälten in Brüssel interveniert, um die Subventionen für Italien einfrieren zu lassen. Milliarden sind nach Ansicht der Ermittler allein in Süditalien versickert, in einem Netzwerk aus Tausenden Scheinfirmen.
Und natürlich ist dabei die Camorra involviert. Doch auch vermeintlich seriöse Aktiengesellschaften im Norden haben profitiert, indem sie wertlose Steinbrüche mit EU-Förderung zu profitablen Mülldeponien umwidmeten. Dabei ist die Abfallwirtschaft nur die Spitze des Eisbergs. Das ganze System ist faul. Das hat inzwischen sogar Italiens Industrieminister Bersani begriffen und den Stopp von EU-Geldern für sein Land angeregt.
Nur das Internet kann solche Auflösungsprozesse stoppen, weil es eine andere Art der Politik, des Journalismus und der Kommunikation befördert. Weil es nicht kontrollierbar ist - es kontrolliert sich selbst. Das Netz wird alle anderen Medien ersetzen und reine Vermittlerfiguren wie Politiker oder Journalisten überflüssig machen.
Der wahre Krebs in diesem Land, das sind die traditionellen Medien. Berlusconis TV- und Radiosender, aber auch große Tageszeitungen wie "Corriere della Sera", "La Repubblica" oder "La Stampa". Sie sind zur Pressestelle mächtiger Wirtschaftsgruppen degeneriert und kassieren für ihre Blätter noch Millionen Euro Steuergelder.
Es geht nicht um eine, nicht um meine Stimme. Wir sind Hunderttausende inzwischen, die sich im Netz austauschen, beraten, anregen, aufklären. Das Netz setzt eine Unmenge Intelligenz frei.
Ich habe nicht vor, als Politiker ins alte System zu drängen. Da müsste ich ja verrückt sein. Ich will das System von außen verändern, die Dinge beschleunigen. Ich bin ein Detonator.
Beppe Grillo Der 59-jährige einstige Fernseh-Komiker, ist derzeit der erfolgreichste Blogger Italiens: Seine Website wird bis zu 500.000 Mal am Tag angeklickt und gilt als Zentralorgan der Politikverdrossenen im Land. Aus dem Blog des "Spaghetti-Michael Moore" ist eine Internet-Bewegung mit unzähligen, lokalen Initiativen im ganzen Land geworden. Das US-Magazin Time kürte Grillo 2005 zum "Helden Europas".