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24. März 2004, 12:35 Uhr

Parasiten des Zorns

US-Präsident Bush hat getan, was sich die Terroristen wünschen konnten. Er hat al Qaeda zum Kriegsgegner aufgewertet, bin Laden die Märtyrer zugetrieben und ihnen im Irak ein Übungsfeld geschaffen.

Christoph Reuter, stern-Reporter in Bagdad© stern

Qaeda hat in Madrid gesiegt, meinen viele. Spaniens neue Regierung will ihre Truppen aus dem Irak abziehen. Das war es doch, was die Islamisten bezweckten, auch wenn Spaniens konservativer Premier Jose Aznar abgewählt wurde, weil die Menschen seine Lügen satt hatten. Oder?

Mörderisch, aber letztlich doch rational kalkulierend erscheinen bin Ladens Jünger, als kämpften sie für klare Ziele. Ein gefährlicher Irrtum. Denn liest man ihre Kommuniques, verfolgt man ihre Debatten, öffnet sich ein Universum des Wahns. Sie jagen Gespenstern nach, der Wiedererrichtung des Kalifats, des glorreichen Islam des siebten Jahrhunderts. Sie streiten sich, ob die Träger der schwarzen Banner der Apokalypse schon unterwegs sind oder noch nicht, ob das Weltende nahe oder lediglich die "jüdische Weltverschwörung der Kreuzritter und Freimaurer" gegen den Islam abzuwehren sei.

Wozu töten sie Zivilisten in Istanbul, Casablanca, Riad, Bagdad?

Ihre Handlungen verändern die Welt, aber wozu töten sie Zivilisten in Istanbul, Casablanca, Riad, Bagdad? Es geht ihnen nicht um einen Sieg, sagen die Kenner ihrer Gedankenwelt, sondern darum, den größtmöglichen Schrecken zu verbreiten. "Die Tat ist die Botschaft. Im Sinne von: Wir können es", beschreibt der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze das Ziel der Attentäter von Madrid. "Ist es ihnen gelungen, Angst und Schrecken zu verbreiten, so haben sie alles erreicht. Darüber hinaus haben sie kein Ziel", sagt der pakistanische Experte S. K. Malik.

Wahnsinn? Zu absurd, um Anhänger in großer Zahl hinter sich zu scharen? "Das tiefste Glück des Menschen besteht darin, dass er geopfert wird", hat einer der geistigen Väter des Märtyrertums geschrieben: "Und die höchste Befehlskunst (besteht) darin, Ziele zu zeigen, die des Opfers würdig sind." Wer sich für die Sache der Reinheit opfere, sei "nach dem Tod lebendiger denn je", weil "er als Gestalt der Ewigkeit angehört". Das könnte von bin Laden sein. Stammt aber von Ernst Jünger, jenem von Helmut Kohl wie Francois Mitterrand hoch geschätzten, vor sechs Jahren verstorbenen Schriftsteller. Er war, 1895 geboren, begeistert in den Ersten Weltkrieg gezogen. Und hatte die Soldaten gepriesen - oft erst 18-, 19-jährige Freiwillige -, die sich in den Schlachten von Langemarck in die Maschinengewehrsalven ihrer Gegner stürzten. Die über die zerschossenen, noch warmen Leiber derer trampelten, die Minuten vor ihnen aus dem Graben gehechtet und keinen Meter weiter gekommen waren, als auch sie kommen würden.

Ein periodisch wiederkehrender Wahn vom Triumph des Willens

Wahnsinn, absurd - und nur 90 Jahre her. Bin Laden ist Ernst Jünger, Friedrich Nietzsche und den japanischen Ideologen der Kamikaze-Piloten, die ihren "heiligen Krieg" gegen den Westen nicht Dschihad nannten, aber ähnlich verstanden, näher als vielen seiner muslimischen Deutungskollegen. Seine Weltvernichtungsfantasien sind kein einsamer Irrsinn, sondern eher der periodisch wiederkehrende Wahn vom Triumph des Willens nicht bloß gegenüber dem Feind, sondern auch gegenüber sich selbst. Die eigene, unbedeutende Existenz einzutauschen gegen eine Mission als Kämpfer in Gottes Eliteeinheit eint die multinationale Front der Dschihadisten. Was sich auch in einem kleinen, aber immer wiederkehrenden Detail zeigt: Einmal festgenommen, verharren sie nicht in Schweigen, sondern antworten in Verhören bereitwillig auf alle Fragen; sei es Ramzi Binalshibh, einer der Chefplaner des 11. September, seien es überlebende Selbstmordattentäter in kurdischen Gefängnissen. Ob sie lebendig sind oder tot, das scheint ihnen egal zu sein - aber wichtig wollen sie sein, ernst genommen werden.

In ihrem Vernichtungsfeldzug mischen sich Mittelalter und Moderne, alte Mythen vom Märtyrertum mit den technischen Möglichkeiten der Globalisierung: Debatten über Predigten und Anleitungen zum Bombenbau werden ins Internet gestellt, verschlüsselte Informationen via E-Mail ausgetauscht - oder auf handgeschriebenen Zetteln von Boten transportiert. So, wie ein multinationaler Konzern dort produziert, wo es billig ist, und Steuern zahlt, wo sie niedrig sind, verbindet al Qaeda die unterschiedlich geeigneten Standorte der Welt: und nutzt den weltweit per Fernsehen geschürten Zorn darüber, was in Israel oder Tschetschenien geschieht, um Menschen aus Marokko oder Indien zu Anschlägen in Madrid zu bewegen. Denn was hatten die Opfer in Madrid und die Täter aus Marokko mit der US-Besatzung im Irak zu tun?

Nichts. Etwas Vergleichbares hat es noch nie gegeben: ein weltumspannendes Netz Entschlossener, die gar keine Befehle mehr brauchen, die für eine vollkommen unerreichbare Utopie zu töten und zu sterben bereit sind, wobei sie weder einen ursprünglichen Gegner haben noch bei der Auswahl ihrer Opfer irgendwelche Grenzen respektieren.

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