Mehr als 100.000 Menschen sind auf der Flucht, seit die militärischen Auseinandersetzungen im Kaukasus begonnen haben. Auch Shushanik, die sich mit ihrem dreijährigen Sohn nur knapp vor den Bomben retten konnte, und Lolita, die mit acht Kindern vor dem Krieg floh, haben alles verloren. Von Manuela Pfohl

Shushanik und ihr Sohn Elisei haben alles verloren. Jetzt hoffen sie im Flüchtlingslager Alagir auf ein schnelles Kriegsende© Dina Dziraeva/World Vision
Wladikawkas. Bis vergangene Woche lebten in der nordossetischen Hauptstadt rund 32.000 Menschen. Sie gingen in die Universität, in Museen, ins Theater und die Philharmonie oder auch ganz einfach in den Parks spazieren. Jetzt hat keiner mehr einen Nerv dafür. Die Stadt ist zu einer Durchgangsstation für unzählige Flüchtlinge und Soldaten, Panzer und abenteuerliche Pferdefuhrwerke geworden. Menschen, die auf der Suche nach Sicherheit sind, irren seit Tagen umher. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) schätzt, dass der Krieg im Kaukasus inzwischen rund 115.000 Bewohner der Krisenregion um Südossetien, Abchasien und Georgien entwurzelt hat.
Viele von ihnen kommen von Wladikawkas irgendwann nach Alagir, eine knappe Autostunde entfernt. Hier ist in aller Eile ein Flüchtlingscamp des russischen Katastrophenschutzministeriums eingerichtet worden, nachdem zu Wochenbeginn klar wurde, dass der Konflikt zwischen Russland und Georgien statt eines glorreichen Sieges vorerst nur verletzte, traumatisierte Flüchtlinge bringen wird. Seitdem strömen täglich bis zu 1500 Menschen ins Lager. Kriegsopfer, wie Shushanik und ihr drei Jahre alter Sohn Elisei.
Vor ein paar Tagen noch lebten die beiden im südossetischen Zchinwali. In einer kleinen Erdgeschosswohnung, von der aus man auf die große Straße vorm Haus schauen konnte. Als die ersten Panzer unterm Fenster vorbei rollten und die Geräusche einschlagender Bomben und splitternder Scheiben in der Nachbarschaft zu hören waren, suchte die 23-Jährige mit ihrem Kind Schutz im Keller. Zwei lange Tage mussten sie dort ausharren. Dann wagte Shushanik sich aus dem Versteck. Zusammen mit anderen Frauen und Kindern wurde sie schließlich ins Camp gebracht.
Jetzt sitzt die junge Mutter im Lager und wartet geduldig darauf, dass sie wieder nach Hause kann. Ob sich dieser Wunsch erfüllen lässt, ist allerdings ungewiss. Sie sagt: "Zchinwali ist zerstört und ich habe keine Ahnung, wann wir zurückkehren können. Ich habe entsetzliche Angst."
Angst, die sie mit Lolita Kabisowa teilt. Auch die 45-Jährige konnte mit ihren acht Kindern vor den Bomben fliehen. Dem Krieg entkommen konnte sie nicht. Er holt sie jede Minute ein. Immer wieder hämmert sich eine Frage in ihren Kopf: Warum muss das alles sein? Die Nonnen im nordossetischen Frauenkloster "Erscheinung des Herrn" in der Nähe von Tamisk haben auch keine Antwort darauf. Aber sie können ihr und rund 50 anderen Frauen und Kindern sichere Schlafplätze und drei Mahlzeiten am Tag anbieten. Und sie können zuhören, wenn Lolita erzählt, was sie erlebt hat, seit der Nacht des 5. August. Der Nacht, in der die ersten Schüsse fielen in Tbed.
Das Dorf, in dem die Mutter zusammen mit ihrem Mann Aslambek, ihren drei Töchtern und sieben Söhnen lebte, ist nur zwei Kilometer von der südossetischen Hauptstadt Zchinwali entfernt und zählt gerade mal fünf Häuser. Das der Kabisows wurde erst vor kurzem erweitert. Es war zu klein geworden, bei all den Kindern. "Lolita, zuerst bauen wir den Keller aus", hatte Aslambek damals erklärt. Vielleicht hat dieser Entschluss der Familie das Leben gerettet.

Als die Bomben fallen und Panzer durchs Dorf rollen, können sich die gebürtige Ossetin und ihre acht jüngeren Kinder zusammen mit den beiden alten Nachbarsleuten dort verstecken. Aslambek, der in Friedenszeiten in einem Zentrum für Migranten arbeitet, der 21-jährige Pjotr und der 20-jährige Wadim kommen nicht mit. Sie melden sich freiwillig zur Verteidigung des Vaterlandes. Ehrensache. Niemand weiß, wo sie jetzt sind und ob sie noch leben.
Lolita Kabisowa und ihre Kinder halten es drei Tage und Nächte im Versteck aus. Sie spüren, wie die Panzer über ihnen durchs Dorf rollen und hoffen, dass keiner stehenbleibt, dass niemand ins Haus kommt und den Keller findet. Linda, die Jüngste ist erst acht Monate alt. Wenn sie schreit, kann jeder sie hören. Sie muss still sein. Ganz still. Als die Familie am 8. August vorsichtig die Treppe nach oben steigt, gibt es Tbed nicht mehr. Ihr mühevoll gebautes Haus ist von Bomben getroffen worden und völlig zerstört. Der Garten ist eine Wüste.
Nur mit Mühe kann die Frau erzählen, was sie in diesem Augenblick fühlte. Die Oberin des Klosters, Schwester Nona, versucht zu trösten, wo kaum Trost möglich. Sie sagt: Sei froh, ihr lebt.