Russland hat die Militäraktionen eingestellt, doch wie geht es weiter in Georgien? Der amerikanische Sicherheitsexperte Charles Kupchan empfiehlt eine gemeinsame Friedensmission der EU und der OSZE für die Region. Im stern.de-Interview erklärt er, wie es um die amerikanisch-russischen Beziehungen steht und was McCain und Obama in dieser Situation machen würden.

Beziehungen belastet: Der Georgienkrieg führte auch zu Verstimmungen zwischen US-Präsident Bush und dem russischen Präsidenten Medwedew© DPA
Falls die russische Intervention nun endet, werden die amerikanisch-russischen Beziehungen keinen Schaden nehmen. Falls Russland aber weiterkämpft, Georgien besetzt, und Saakaschwili absetzt, dann droht die größte Krise zwischen den USA und Russland seit dem Kalten Krieg. Noch wissen wir aber nicht, wie die US-Regierung am Ende den Konflikt bewerten wird.
Der Vergleich mit dem Kalten Krieg passt nicht. Das ist nicht vergleichbar mit der sowjetischen Invasion in Prag oder in Afghanistan. Es ist aber jetzt schon die größte Krise seit dem Fall der Berliner Mauer. Bisher waren russische Drohungen lediglich Worte ohne Taten, jetzt folgten den Worten zum ersten Mal russische Truppen.
Die Regierung in Washington hat nicht viele Möglichkeiten, in den Konflikt einzugreifen. Sie kann lediglich diplomatisch aktiv werden und an Russland appellieren. Eine militärische Intervention kam nie in Frage.
Der Konflikt muss in einem größeren geopolitischen Rahmen gesehen werden: Es geht um den russischen Einfluss auf seine Nachbarstaaten, atlantische gegen russische Einflusssphären, um die Öl- und Energieressourcen in der Region, und um die Zukunft separatistischer Bewegungen in der Region. Der Georgienkonflikt berührt viele dieser großen geopolitischen Fragen.
Die russische Militäroperation ist Ausdruck russischer Frustration und Wut. Die Russen glauben, dass lange auf ihren legitimen Sicherheitsinteressen herumgetrampelt worden ist: Die Abspaltung des Kosovo von Serbien, die Erweiterung der NATO, das geplante Raketenabwehrschild der USA in Osteuropa, Abrüstungsthemen und eine mögliche NATO-Mitgliedschaft Georgiens. Dazu eine Regierung in Georgien, die Russland seit Jahren provoziert. Da hat sich viel aufgestaut in Russland. Aber auch die Russen haben ihren Teil zum Konflikt beigetragen, und die Georgier provoziert. Das ist ein klassischer Fall einer Spirale der Eskalation.
Die Ereignisse der letzten Woche suggerieren, dass Wladimir Putin wohl noch immer das Kommando hat. Aber ich glaube nicht, dass Präsident Dmitri Medwedew an den Rand gedrängt wurde. Die beiden arbeiten noch immer gut zusammen.
Saakaschwilis Rechnung ist nicht aufgegangen. Eine Rückkehr Südossetiens oder Abchasiens nach Georgien ist sehr schwer vorstellbar. Es ist auch schwer vorstellbar, dass Georgien in naher Zukunft ein Mitglied der Nato wird - ein großer Rückschlag für Georgien. Das Land wird mehrere Jahre brauchen, um sich davon zu erholen.
Georgien ist ein spezieller Fall. Dort haben wir eine Krise, die sich lange abgezeichnet hat. Russische Friedenstruppen, paramilitärische Gruppen, georgische Soldaten - eine sehr komplizierte und gefährliche Situation. Aber trotzdem sollte man mögliche andere Konflikte in der Kaukasusregion nicht aus den Augen verlieren.
John McCain ging in der Vergangenheit auf Konfrontation zu Russland, mehr als Präsident Bush. Der republikanische Präsidentschaftsbewerber forderte sogar, Russland aus der Wirtschaftsgemeinschaft der G8 zu werfen und eine Gemeinschaft der Demokraten zu gründen, aus der Russland ausgeschlossen ist. Obama ist pragmatischer und bemüht, gute Kontakte mit Alliierten und mit Gegnern zu haben. Aber auch unter einem Präsident McCain würden sich die Beziehungen zu Russland nicht automatisch verschlechtern. Die Bush-Regierung war zu Beginn sehr ideologisch eingestellt, und am Ende arbeitete sie mit Moskau zusammen, weil sie es musste. Die gleichen strategischen Notwendigkeiten könnten auch McCains Handlungsspielraum einengen und ihn zur Kooperation mit Russland zwingen.
Beide können eine große Rolle in diesem Konflikt spielen. Russland sieht Georgiens Präsident Saakaschwili als eine Marionette Washingtons, das macht die USA zu einem schwierigen Vermittler. Die EU sollte sich deshalb verstärkt in die diplomatischen Bemühungen einschalten, und vielleicht sollte man sogar über eine gemeinsame EU-OSZE Friedenstruppe für die Region nachdenken.
Zur Person Charles A. Kupchan ist Professor für internationale Beziehungen an der Georgetown Universität in Washington und Senior Fellow des US-Think-Tanks Council on Foreign Relations. In der ersten Amtszeit von Präsident Bill Clinton war Kupchan Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates der US-Regierung, zuständig für Europa.