Im Kongo jagen bewaffnete Gruppen die Zivilbevölkerung vor sich her, fliehen die Menschen vor dem Krieg. Sie laufen in den Busch, in die Wälder, überqueren Grenzen. Ohne Schutz, ohne Nahrung. Und die Kleinen trifft es am härtesten: Die Zahl der schwer unterernährten Kinder hat sich binnen kürzester Zeit verzehnfacht. Von Andrea Jeska

Eine Viertel Million ist auf der Flucht vor den Rebellen. Am stärksten sind Kinder betroffen© Kevin Cook/World Vision
Es war einer dieser kongolesischen Regentage, als Vianney das Zentrum erreichte und sein tropfendes, zitterndes Bündel ablegte. Es schüttete wie aus Eimern, die Wege schwammen mit jenen, die auf ihnen flohen, davon und dichter Nebel verschlang die Provinz. Mit nassen Sachen hatten die beiden sich nachts unter einen Baum gekauert, Vianney, der Vater, hatte versucht sein frierendes Kind zu wärmen. Vier Tage, 30 Kilometer und das Kind auf dem Rücken. Nun ist Vianney am Ende seiner Kräfte. Dabei ist die Kleine leichter als ein Sack voller Cassava (Anm. d. Red.: Cassava ist ein wichtiges Grundnahrungsmittel in Afrika und ähnelt der Kartoffel) .
Doch auch Vianneys Beine sind nicht dicker als ein Stock, und wenn der Mann sich nur ein wenig anstrengt, dann rast sein Herz und ihm schwindelt. Viele Tage schon hat er nichts gegessen. Als er in das Ernährungszentrum der Hilfsorganisation World Vision tritt, legt er erschöpft das nasse Mädchen auf den Boden. "Bitte", sagt er matt. "Rettet mein Kind. Es ist das letzte von sieben."
Vianneys Tochter heißt Kakaru Dusanbe. Sie ist neun Jahre alt und wiegt 16 Kilo. Soviel, wie normalerweise vierjährige Mädchen wiegen. Als ihr Vater sie in das Ernährungszentrum trägt, kann sie nicht stehen, nicht sitzen, kaum liegen und das Gefühl des Hungers hat sie lange überwunden. Nur mit Mühe kann das Kind noch kauen und schlucken. Kakaru ist die Überlebende eines Zwillingpaares, die Überlebende einer seit einem Jahrzehnt existierenden und im August erneut über die ostkongolesische Provinz Nord-Kivu hereingebrochenen Katastrophe. Mal wieder jagen bewaffnete Gruppen die Zivilbevölkerung vor sich her, fliehen die Menschen mit dem Notwendigsten. Sie laufen in den Busch, in die Wälder, überqueren Grenzen. Ohne Schutz, ohne Nahrung. Eine Viertel Million sind es, sagt die Schätzung des Flüchtlingshilfswerks UNHCR, doch auch diese Statistik ist schon wieder einige Wochen alt und seither hat es neue Kämpfe gegeben, sind neue Menschen in Panik um ihr Leben gelaufen.

Die ostkongolesische Provinz Kivu gilt als Lebensmittelkammer des Landes© stern.de
Auch Kakaru wäre gestorben, hätte sie das Zentrum nicht zu einem Zeitpunkt erreicht, als die Gefechte leiser wurden und es den Mitarbeitern der Hilfsorganisation erstmals seit zwei Wochen gelang, das Dorf Rwanguba anzufahren und therapeutische Milch zu bringen sowie Plumpy‘nut, eine kalorienreiche Paste aus Erdnussbutter, Milchpulver, Öl, Zucker und zugesetzten Vitaminen zur Aufpäppelung unterernährter Kinder.
Denn östlich von Rwanguba liegt Ruthshuru, eines der von der Rebellenarmee CNDP eroberten Gebiete, und über Wochen war die gesamte Gegend von Hilfe abgeschnitten. Schon die Lager um die Provinzhauptstadt Goma sind überfüllt, schon dort reichen die Kapazitäten der Hilfsorganisationen nicht aus, um alle Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen. Doch außerhalb Gomas, im Rebellengebiet, sind die provisorischen Unterstände der Flüchtlinge keine Lager mehr, sondern traumatische Orte des puren Elends, an denen hungernde und durchnässte Menschen unter Bananenblättern kauern und der Hilfe harren. Oder des Todes.
Bodenschätze, Armut und Bürgerkriege Die Demokratische Republik Kongo ist eines der rohstoffreichsten Länder Afrikas. Wegen Misswirtschaft, Korruption und Bürgerkriegen gehört das zentralafrikanische Land jedoch zu den ärmsten Staaten der Welt. Der Osten des Landes, in dem sich die wichtigsten Bodenschatz-Vorkommen befinden, wird nicht von der Regierung in Kinshasa, sondern weitgehend von verfeindeten Milizen und den Nachbarstaaten der ostkongolesischen Region kontrolliert. Bei den wieder aufgeflammten Unruhen geht es in erster Linie um die Kontrolle der Vorkommen an Gold, Diamanten, Kupfer und Kobalt. Seit Jahrzehnten beuten kriminelle Gruppen den Kongo aus. Ihre Milliarden-Gewinne landen meist im Ausland oder in den Taschen der Mächtigen. Viele Menschen arbeiten in Bergwerken als Tagelöhner für weniger als einen Dollar pro Tag. Auch weil fast niemand einen festen Job hat, geht es den rund 63 Millionen Kongolesen schlecht. Etwa ein Viertel der Bevölkerung leidet Hunger.
So können Sie helfen World Vision bringt zur Zeit weitere Hilfspakete für Flüchtlinge über Uganda in den Ostkongo und wird diese nach Absprachen mit anderen Hilfswerken dort verteilen, wo es am nötigsten ist. Spenden können sie auf folgendes Konto einzahlen:
Frankfurter Volksbank
Bankleitzahl 501 900 00
Kontonummer: 20 20
Stichwort: Nothilfe im Kongo